Wes Craven, Kevin Williamson und die Geburt des modernen Horrors
Schon bevor es Scream gab, war das Horrorgenre gern selbstreflexiv und setzte seine eigenen Konsumenten als Hauptfiguren ein. In Fright Night – Die rabenschwarze Nacht (1985) ist Genrefan Charlie Brewster der Einzige, der erkennt, dass der adrett-smarte Nachbar Jerry Dandridge ein Vampir ist, aus ähnlichem Holz sind die comic- und horrorbegeisterten Frog-Brüder in The Lost Boys (1987) geschnitzt.

Auch andere Formen der Reflexion finden sich schon zuvor: Alle Figuren in Die Nacht der Creeps (1987) etwa sind nach Horrorregisseuren benannt, in Skinner (1991) kommt es zu einer Mordserie während eines B-Movie-Marathons, für die vielleicht ein wahnsinniger Experimentalfilmer verantwortlich ist.
Doch zu meta und selbstreflexiv durfte es wohl doch nicht werden, wie auch Wes Craven feststellen musste. Der Regisseur und Drehbuchautor legte Freddy’s New Nightmare (1994) als bewussten Meta-Kommentar an, in dem er und viele andere sich selbst spielen, während Freddy Krüger während der Dreharbeiten zu einem Nightmare on Elm Street-Film Cast und Crew dezimiert. Das Ergebnis fuhr das schlechteste Einspiel der Reihe ein.
Die Nacht, in der Kevin Williamson erschrak
1994 war gleichzeitig das Jahr, in dem ein Gelegenheitsschauspieler und angehender Drehbuchautor namens Kevin Williamson das Haus eines Freundes hütete und eine Nachrichtensendung über den Gainesville Ripper sah, als er ein verdächtiges Geräusch hörte. Während Williamson – ein Horrorfan – mit einem Messer bewaffnet durch das Haus schlich und ein geöffnetes Fenster vorfand, telefonierte er mit besagtem Freund und das Gespräch kam unweigerlich auf Horrorfilme.

Das Erlebnis wiederum inspirierte Williamson zur legendären Anfangssequenz von Scream, dessen Drehbuch er in drei Tagen herunterschrieb. Der damals geplante Titel lautete Scary Movie, wurde während des Drehs allerdings verworfen, da er zur komödiantisch klang – eine Einschätzung, die von der Filmgeschichte durch das Spoof Movie desselben Titels aus dem Jahr 2000 nur noch bekräftigt wurde.
Zweifel, Regisseure und ein Weihnachtsrelease
Dass es sich bei Williamsons erstem verfilmtem Script eben nicht nur um eine Parodie handelte, erschwerte die Suche nach einem Regisseur. Unter anderem Danny Boyle, Robert Rodriguez und Sam Raimi wurden angesprochen, aber abgelehnt, da sie lediglich eine Komödie darin sahen.

Anders Wes Craven, bei dem es allerdings andere Bedenken gab: Auf Studioseite hatte man Zweifel an dessen Satire-Kompetenzen, Craven wiederum wollte mit einer Neuauflage von Bis das Blut gefriert (1963) lieber in mainstreamigere Gefilde vorstoßen. Ironischerweise sollte Scream ein Mainstream-Erfolg werden, der mehr als das Zehnfache seines Budgets einspielte. Dabei umwehte den Film mit seinem riskant gewählten Release in der Weihnachtszeit nach einem mäßigen Eröffnungswochenende erst der Nimbus eines Flops, was jedoch durch seine Langlebigkeit in den Kinocharts ausgeglichen wurde.
Horror-Boom in den 90ern
Horror war wieder in, weshalb die Studios umgehend grünes Licht für zahlreiche Slasher und Teen-Horrorfilme erteilten, etwa Düstere Legenden (1998) und Dich kriegen wir auch noch (1998). Viele davon waren kommerziell erfolgreich, nur wenige verstanden jedoch, was Scream zu mehr als einem reinen Genre-Hit gemacht hatte. Dies lag nur teilweise an dem Whodunit-Plot des Ganzen, den Williamson mit dem Twist versah, dass sich unter der (von Edward Munchs «Der Schrei» inspirierten) Ghostface-Maske nicht nur ein, sondern gleich zwei Killer befanden.
Viel eher war es das neue Genrebewusstsein, dass Film und Figuren an den Tag legten. Waren Figuren wie Charlie Brewster oder die Frog-Brüder auf ihre Art noch Sonderlinge, vom Rest der Gesellschaft schräg beäugte Horror-Nerds, so ist es für die Figuren von Scream normal, Horrorfilme und deren Muster zu kennen.

Niemand ist darin freilich so versiert wie Filmfreak und Videotheken-Mitarbeiter Randy (Jamie Kennedy), doch auch Protagonistin Sidney (Neve Campbell) und ihre Mitschüler kennen sich aus. In einer Schlüsselszene bringt Randy die Regeln des Slasherfilms beim gemeinsamen Anschauen von Halloween (1978) auf den Punkt: Sünde in Form von vorehelichem Sex, Alkohol- und Drogenkonsum wird ebenso mit dem Tod bestraft wie die Ankündigung »Bin gleich wieder da«. Das, was Filmtheoretikerinnen wie Carol Clover (Entdeckerin des Final-Girl-Konzepts im Horrorfilm) und Vera Dika noch in akademischen Büchern für Interessierte thematisierten, wurde hier gelassen auf der Leinwand ausgesprochen.
Genre-Regeln und wie man sie bricht
Scream entstellte die Regeln des Genres nicht nur bis zur Kenntlichkeit, sondern reflektierte, parodierte und brach sie auch. Es war ein Film, der sein Genre gleichzeitig ironisch analysierte und doch ernsthaft bediente. Wie ernst Williamson und Craven ihren Slasher nahmen, zeigt sich auch an der Charakterzeichnung. Wenn Casey Becker (Drew Barrymore) in der Auftaktsequenz vom Mörder erst via Telefon terrorisiert, später umgebracht wird, dann hat das nichts Gehässiges oder Sadistisches, sondern ist als tragischer Verlust eines jungen Lebens inszeniert. Für diese Szene schlüpfte Craven selbst in das Kostüm des Ghostface-Killers und zog sich eine Beule zu, als Barrymore ihrem Angreifer versehentlich nicht nur simuliert das Funktelefon über den Schädel zog.

Dass ausgerechnet jene Figur, die von der bekanntesten Darstellerin gespielt wird, gleich im Opening draufgeht, war ein großer Schock für das Publikum und gleichzeitig das Signal, dass hier mit allem zu rechnen ist. Wenn Sidney von Caseys Tod hört und bedrückt auf deren leeren Stuhl im Klassenzimmer blickt, dann verdeutlicht dies nur noch, dass Scream eben nicht »nur eine Komödie« ist und Craven das Konzept richtig verstand.
Traumata und die Langzeitfolgen von Woodsboro
Wo viele andere Horror-Heldinnen spätestens zur obligatorischen Fortsetzung offensichtlich vergessen haben, dass ihr gesamter Freundeskreis von einem Wahnsinnigen aufgeschlitzt wurde, zieht sich das Thema von Traumaverarbeitung durch die gesamte Scream-Reihe. In Scream 2 (1997) hat sich Sidney sich bereits ein Telefon mit Caller-ID besorgt, in Scream 3 (2000) hat sie sich in Folge der erneuten Mordserie gänzlich zurückgezogen.

Ebenso reflexiv bleiben die Themen der Sequels: In Scream 2 geht es um die Gesetzmäßigkeiten von Fortsetzungen, in Scream 3 um Trilogie-Abschlüsse und die Casting-Couch-Kultur von Hollywood. Selbst Wiederbelebungen der Reihe nahmen dies zum Anlass: Scream 4 (2011) schaute auf die Reboot- und Remake-Kultur seiner Zeit, der eigenwillig betitelte fünfte Teil Scream (2022) auf das Konzept des Legacy-Sequels. Scream VI (2023) ließ es an treffenden Ideen mangeln, bei Redaktionsschluss wird an Teil 7 gearbeitet, den Kevin Williamson persönlich inszeniert.
Kevin Williamson zwischen Tops und Flops
Williamson wurde nach dem Scream-Erfolg zum Go-to-Autor für Teen-Horror. Mal clever und reflexiv wie in Scream 2 oder der Body Snatchers-Variante The Faculty (1998) unter der Regie von Robert Rodriguez, mal eher klassisch aufgestellt wie in Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast (1997) und dem späten Klassiker-Sequel Halloween H20 (1998). Mit Dawson’s Creek (1998-2003) hob er als Creator eine erfolgreiche Teenieserie aus der Taufe und konnte sich mit Tötet Mrs. Tingle! (1999) gleich zwei Träume erfüllen. Einerseits gab er hiermit sein Regiedebüt, zum anderen adaptierte er sein erstes selbstgeschriebenes Script, eine Abrechnung mit einer verhassten Englischlehrerin.

Aufgrund dieser Verpflichtung schrieb er lediglich ein Treatment für Scream 3 und überließ die Hauptarbeit am Drehbuch Ehren Kruger. Tötet Mrs. Tingle! wurde ein herber Flop, Williamsons Karriere danach ein Auf und Ab, das sich von da an vor allem im Fernsehen abspielte: Als Creator von The Vampire Diaries (2009-2018) landete er einen Hit, andere Serien wie The Following (2013-2015) oder Stalker (2014-2015) waren wesentlich kurzlebiger. Für Craven schrieb er nicht nur Scream 4, sondern auch den von Produktionsproblemen geplagten Werwolf-Film Verflucht (2005), der jedoch kein Scream für das Lykanthropen-Genre wurde und bei Kritik wie Publikum baden ging.
Erfolg auf Meta-Ebene
Wichtiger war jedoch das Erbe, das sein Meilenstein von 1996 dem Genre hinterließ. Waren vorige Meta-Filme wie Freddy’s New Nightmare oder die überdrehte Action-Satire Last Action Hero (1993) vom Publikum erst skeptisch aufgenommen worden und erst später als Kultfilme rehabilitiert, so kam das Konzept von da an besser an.

Der Brite Edgar Wright etwa feierte mit der «Cornetto-Trilogie» aus Shaun of the Dead (2004), Hot Fuzz (2007) und The World’s End (2013) kultige Kassenerfolge, in denen er sich jeweils des Zombiefilms, des Buddy Cop Movies und des Alien-Invasion-Genres annahm. Mit seinem Regiedebüt Kiss Kiss Bang Bang (2005) reflektierte Action-Erfolgsautor Shane Black gleichermaßen Film Noir und Buddy-Cop-Komödie, der zu Unrecht übersehene Playing It Cool (2014) tat selbiges für die Romantic Comedy.
Meta-Horror nach SCREAM
Vor allem das Horrorgenre sollte allerdings die Meta-Früchte ernten, die Scream gesät hatte. Zum Kulthit wurde The Cabin in the Woods (2011), in dem eine Gruppe von College-Studenten in einer Waldhütte von Monstern angegriffen wird. Die Ereignisse (inklusive Auswahl der Bedrohung) werden jedoch von einer Schaltzentrale aus koordiniert, in der eine Technikertruppe penibel auf die Einhaltung aller Klischees achtet (vom dummen Blondchen über das Aufteilen der Gruppe in Gefahrensituationen bis zum Kiffer als frühes Opfer). Horrorfilme, deren Stereotypen und das Verlangen nach Einhaltung der Genreregeln werden bis zum vogelwilden Finale reflektiert und in neuen Kontext gesetzt.

Die Low-Budget-Horrorschmiede Blumhouse hingegen feierte Erfolge mit Meta-Kreuzungen zwischen Slasherfilmen und anderen Gattungen: In Happy Deathday (2017) trifft das Schlitzer-Genre auf den Zeitschleifenfilm, in Freaky (2020) auf die Körpertauschkomödie und in Totally Killer (2023) auf einen Zeitreiseplot. Ähnliches taten auch die Horrorkomödien Detention – Nachsitzen kann tödlich sein (2011) und The Final Girls (2015): In ersterem werden Schüler von einem Killer durch verschiedene Zeitlinien und Inkarnationen gejagt, in letzterem wird die Protagonistin in jenem Feriencamp-Schlitzerfilm hineinversetzt, in dem ihre verstorbene Mutter mitspielte.
Toughere Final Girls, smarter Horror und das Erbe von Scream
Nach Scream wurden die Final Girls und Scream Queens des Genres auch tougher und selbstbewusster als viele ihrer Vorgängerinnen aus den 1980ern inszeniert. Wenn Randy in Scream warnt, dass der vermeintlich tote Killer immer noch für einen letzten Schockeffekt aufsteht, schießt Sidney dem Schurken mit den Worten »Not in my movie« in den Kopf, als dieser sich dazu anschickt.

Die neuen Horror-Heldinnen mussten immer noch um ihr Leben fürchten, gingen während einer Mordserie allerdings nicht Nacktbaden, sondern installierten Fangschaltungen und lernten Kampfsport. Auf die Spitze getrieben wurde dies in You’re Next (2011), in dem eine Gruppe von Angreifern die Mitglieder einer Familie während einer Feier mit Armbrust, Machete und Würgedraht dezimiert. Sie haben allerdings nicht mit Erin, der Freundin des einen Sohnes, gerechnet. Diese wuchs in einem Survivalisten-Haushalt auf und dreht den Spieß kurzerhand um.

Selbst das sonst eher unironische, auf Seriosität bedachte Genre des Elevated Horror, das ab 2014 an Popularität gewann, bezog sich manchmal auf seine augenzwinkernden, weniger spaßbefreiten Geschwister.
So war Scream eine wichtige Inspiration für Schauspieler und Horrorfan Jordan Peele, als er mit der satirischen Rassismus-Horror-Parabel Get Out (2017) sein Regiedebüt gab. Toughere Final Girls, kreative Horror-Genre-Reflexionen und Peeles einflussreicher Einstand – wer weiß, ob es dies alles je gegeben hätte, wenn Kevin Williamson nicht anno 1994 ein verdächtiges Geräusch gehört und ein offenes Fenster entdeckt hätte.
Nils Bothmann
Dieser Beitrag stammt aus dem Filmkalender 2026. Auch der Kalender für 2027 enthält Portraits von Filmschaffenden und spannende Textbeiträge.


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