FILMgeBlätter http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de Der Blog des Schüren Verlags über Kino, Medien, Filme und was sonst so betrachtet werden kann Fri, 31 Jul 2020 13:31:48 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4.2 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/wp-content/uploads/2019/08/cropped-logoWP-1-2-32x32.png FILMgeBlätter http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de 32 32 Das Leben ist kein Drehbuch http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/das-leben-ist-kein-drehbuch/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/das-leben-ist-kein-drehbuch/#respond Fri, 31 Jul 2020 13:08:52 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=977 Filmemachen ohne Geld von Malte Wirtz

Wir brauchen einen neuen deutschen Film!

Mein Cutter schickte mir das Buch Rebel without a Crew von Robert Rodriguez. Ich kannte seinen Weg und so animierte mich sein Buch meine Geschichte, die sich einige Jahre später abspielte, aufzuschreiben. Für eine neue Generation von Filmemachern.

Auf dem Lichter Filmfest 2018 gab es zahlreiche Denkanstöße für die Zukunft des deutschen Films, die das alte System der letzten Filmemacher-Generation (Fassbinder, Schlöndorff, Kluge, etc.), das sie Anfang der 60er initiiert hatte, umwandeln könnten. Die derzeitige Produktionsweise wird mittlerweile von vielen meiner Generation in Frage gestellt.

Wahrscheinlich muss jede neue Generation die Wege der vorherigen hinterfragen und häufig auch verwerfen, um einen eigenen Weg gehen zu können.

Man darf nicht vergessen, dass grandiose Produzenten wie z.B. Arthur Brauner sehr unter der Umstellung in den 60/70ern Jahren gelitten haben. Brauner drehte in Berlin Filme mit internationalen Stars und brachte große Namen aus Hollywood nach Deutschland. Doch auf einmal war “Papas Kino tot!”

Aus genau diesen Gründen habe ich dieses Buch geschrieben, damit meine Generation einen Weg findet, wie man Filme machen kann, die sich nicht ausschließlich an dem System orientieren, das unsere Vorgängergeneration aufgestellt hat. Ich sage nicht, dass unser Fördersystem schlecht ist, ich sage nur, dass es bestimmte Filme begünstigt und andere benachteiligt. Es ist wichtig, nicht nur Filme zu produzieren, die eine große Chance haben, gefördert zu werden, sondern auch Filme, die gemacht werden müssen, weil der Regisseur/die Produzentin/die Autorin sie umsetzen wollen.

Das System, so wie es jetzt ist, birgt genau dieses Risiko, nämlich die Gefahr Filme zu machen, die leicht zu produzieren sind, aber deswegen an Rigorosität einbüßen; Filme, die einen einfachen, gefälligen Weg gehen.

Trotzdem bleibt festzuhalten; auch in dem jetzigen Fördersystem entstehen wunderbare Filmwerke, die mutig sind und keine Konfrontation scheuen. Nur leider ist es allzu einfach, Filme zu machen, die eine große Chance auf Förderung besitzen.

In der Zeit der Weimarer Republik war der deutsche Film thematisch und ästhetisch weit vorne in der Welt. Der filmische Expressionismus wurde in Berlin entwickelt.

Es ist an der Zeit, dass meine Generation den alten neuen deutschen Film übernimmt!

Mit cineastischen Grüßen
Malte Wirtz

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Schauen Sie genau hin! http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/schauen-sie-genau-hin/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/schauen-sie-genau-hin/#respond Sun, 26 Jul 2020 19:49:00 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=952 Christopher Nolan (* 30.7. 1970)
und sein Einfluss auf das Kino

Are you watching closely?“ – mit dieser an die Zuschauer*innen gerichteten Frage endet Christopher Nolans Prestige – Die Meister der Magie (2006). Es geht um zwei rivalisierende Magier im ausgehenden 19. Jahrhundert, die einander ein Leben lang übertrumpfen und die Tricks des anderen entlarven wollen, bis beide daran zugrunde gehen und alles verlieren. Zahlreiche falsche Fährten führen sowohl die Zauberer als auch das Publikum mehrfach in die Irre. Der Rat, ganz genau hinzusehen, empfiehlt sich aber für alle von Nolans Filmen, der selbst einer der großen Kinomagier des zeitgenössischen Films ist.

Christopher Nolan, Man of Steel European Film Premiere, Leicester Square London UK, 12 June 2013, (Photo by Richard Goldschmidt)

Christopher Nolan wird am 3. Juli 1970 als Sohn einer US-Amerikanerin und eines Briten in London geboren. Schon früh experimentiert er mit der Super-8-Kamera seines Vaters, ab 1977 verengt sich sein kindliches Sujet auf das Weltall. Grund ist mit Star Wars das erste prägende Kinoereignis, an das er sich erinnert. Als Nolan 12 Jahre alt ist, reift in ihm die Idee, Regisseur zu werden. Er bewundert Alien (1979) ebenso wie Blade Runner (1982) und erkennt, dass die Handschrift von Regisseur Ridley Scott auch in zwei so unterschiedlichen Filmen erkennbar ist. Seine Eltern unterstützen ihn in seinem Wunsch – auch als er die teure Super-8-Kamera kaputt macht. Wie konkret und realistisch seine Einschätzung des Filmemachens ist, zeigt sich in der frühen Erkenntnis: Niemand gibt einem unbekannten Filmemacher ein fertiges Drehbuch. Fortan verfasst er selbst Drehbücher, um eigene Geschichten in petto zu haben. Er findet Gefallen daran, ebenso wie sein jüngerer Bruder Jonathan, mit dem er bis heute an fünf Filmen zusammengearbeitet hat.

Ende der 1980er beginnt Christopher Nolan ein Studium der Englischen Literatur am University College in London (UCL), vor allem wegen des Zugangs zum filmischen Equipment. Er wird Mitglied, dann Präsident des studentischen Filmclubs und lernt seine spätere Frau Emma Thomas kennen. Sie produziert bis heute alle seine Filme, mit ihr gründet er die Produktionsfirma „Synkopie“ und das Paar bekommt vier Kinder. Der Filmclub zeigt 35mm-Filme während des Semesters, in den Ferien kann Nolan die 16mm-Kamera des Clubs für eigene Projekte nutzen.

Nach seinem Bachelor-Abschluss arbeitet Nolan als Skriptreader, Kameraoperateur und Regisseur für Unternehmens- und Industriefilme, bevor 1998 sein mit minimalem Budget realisiertes Spielfilm-Debüt Following erscheint, für das er auch als Drehbuchautor verantwortlich zeichnet. Der schwarzweiße Neo-Noir-Thriller mit unerwartetem Ende beinhaltet schon alle Nolan-typischen Zutaten. Dazu gehört auch die da noch dezent, später labyrinthisch verschachtelte Narration, die er mit Memento (2000) weiter ausbaut. Basierend auf einer Kurzgeschichte und dem Drehbuch seines Bruders erscheint Memento in der Hochphase des Mindfuck-Kinos. Gekennzeichnet durch eine unzuverlässige Erzählweise führen um die Jahrtausendwende Filme wie Die üblichen Verdächtigen (R: Bryan Singer, 1995), The Sixth Sense (R: M. Night Shyamalan, 1999) oder Fight Club (R: David Fincher, 1999) ihr Publikum konsequent und raffiniert in die Irre und warten im Finale mit einem unvorhersehbaren Plottwist auf. Auch am Ende von Memento steht ein Twist, aber die verschachtelte und rückwärts erzählte Geschichte ist die eigentliche Attraktion.

Memento markiert auch die erste Zusammenarbeit mit Nolans langjährigem Kameramann Wally Pfister. Der Dreh an Originalschauplätzen und in urbanen Settings statt in kulissenhaften Studiobauten sowie der möglichst geringe Einsatz von visuellen Spezialeffekten wird zu einem weiteren Markenzeichen Nolans. CGI dient bei ihm nie dazu, Geschichten zu überdecken. Digitale Special Effects nutzt er nur, um die praktischen, „handgemachten“ Effekte aufzuwerten. Filmsprachliche, formale Spielereien sucht man in seinen Werken ebenfalls vergeblich. Die Form dient dazu, Betrachter*innen in die Handlung einzunähen. Dokumentarisch sind seine Filme jedoch nicht, auch wenn der Realismus der Diegese durch den geschickten Einsatz von Musik oder Montage oftmals bewusst in Zweifel gezogen wird.

Nach Memento folgt mit der US-Adaption des norwegischen Thrillers Insomnia (2002) eine Auftragsarbeit, mit der Nolan beweist, dass er auch ein größeres Budget händeln kann. Erst dadurch wird sein Engagement bei Batman Begins (2005) denkbar. Es wird ein Erfolg bei Kritik und Publikum. Wo Sam Raimis Spider-Man (2002) die Genese von Peter Parker zum Spinnenmann als selbstironische Coming-of-Age-Geschichte erzählt, wischt Nolans Batman Begins „the smile off the face of Superhero movies“, wie Kyle Smith damals in der New York Post bemerkt. Nolan belebt mit Batman Begins nicht nur die Reihe um DCs düsteren Heroen wieder, er haucht dem ganzen Superheldengenre neues Leben ein, eine Vielzahl anderer Reboots folgt. Auch sein eigenes Sequel The Dark Knight (2008) wird mit Heath Ledger als legendärem Joker ein Erfolg. Hierfür dreht er vier Sequenzen, darunter die Auftaktszene des Bankraubs, im 70mm-IMAX-Format. So sparsam Nolan mit CGI umgeht, so sehr bevorzugt er teures, analoges Filmmaterial. Auch über seine eigenen Filme hinaus. Als Mitglied der gemeinnützigen Organisation „The Film Foundation“ engagiert er sich für die Bewahrung und Archivierung analoger Filme.

Bevor Nolan die Batman-Trilogie mit The Dark Knight Rises (2012) beendet, etabliert er mit Inception (2010) endgültig seine Stellung als einziger Auteur Hollywoods. Er schreibt das Drehbuch selbst, verzichtet wie bei den Batman-Filmen auf ein zweites Kamerateam bei Action-Sequenzen, wie sonst für Filme dieser Größenordnung üblich. Wieder setzt er auf Originalschauplätze und dreht in sechs Ländern, darunter in Tokio, Kanada oder Marokko. Leonardo DiCaprio gibt in dem Science-Fiction-Heist-Film den Dieb Dom Cobb, der die Träume anderer Menschen infiltriert, um Informationen zu stehlen. In einem letzten, entscheidenden Coup dringt er in immer tiefere Schichten der menschlichen Psyche vor und landet, gejagt von den eigenen Dämonen, schließlich im unentrinnbaren Limbo des Unterbewusstseins. Oder doch nicht? Was hier Realität, was Illusion oder Traumwelt ist, lässt Nolan bewusst offen. Nach zweieinhalb Stunden faszinierender Beugung physikalischer Gesetzmäßigkeiten und waghalsiger Verfolgungsjagden durch die Gehirnwindungen ist das Popcorn alle und der Mund steht offen. Der Ariadnefaden reißt ab und der Regisseur lässt sein Publikum mit der eigenen Interpretation zurück, zwingt uns dazu, unser eigenes Verhältnis zur Realität zu reflektieren. Es gibt keinen anderen Blockbuster, der ein Mainstreampublikum mit einem derart hohen künstlerischen und intellektuellen Anspruch konfrontiert. Da stören auch die vielen Parodien der „Traum im Traum im Traum“-Struktur, beispielsweise in einer Episode der Simpsons, nicht.

2014 taucht Nolan mit Interstellar in extraterrestrische Sphären und arbeitet erstmals mit dem niederländischen Kameramann Hoyte van Hoytema zusammen. In einer dystopischen Zukunft steht die Erde vor dem Kollaps und drei Astronaut*innen machen sich auf eine ungewisse Reise durch ein Wurmloch, um neue Refugien für die dem Aussterben nahe Menschheit zu finden. Nolans Narration wechselt dabei nicht nur elegant die zeitlichen Ebenen, die Grenzen der Physik, von Zeit und Raum werden hier gleich ganz gesprengt. Der Regisseur lässt sich dafür von dem theoretischen Physiker Kip Thorne beraten, der ihm wiederum attestiert, wie ein Mathematiker zu denken. Tatsächlich fertigt Nolan stets akribisch Diagramme an, um bei seinen Erzählstrukturen den Überblick zu behalten. Interstellar ist nicht nur unter den zehn erfolgreichsten Filmen 2014, er ist auch als einziger in dieser Top Ten kein Remake, kein Sequel, kein Reboot und keine Adaption.

Danach kehrt Nolan in irdische Gefilde und in die Zeitgeschichte zurück. Der Kriegsfilm Dunkirk (2017) basiert auf den realen Ereignissen der „Operation Dynamo“ im Zweiten Weltkrieg, bei der 1940 britische Soldaten über den Ärmelkanal evakuiert wurden. Mit drei unterschiedlichen Erzählperspektiven ist er für Nolans Verhältnisse fast schon konventionell erzählt. Es ist der erste Film, für den er eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Beste Regie erhält, nachdem er schon 2012 als jüngster Regisseur der Geschichte seine Hand- und Schuhabdrücke im Zement vor dem Grauman‘s Chinese Theatre verewigen durfte.

Maxi Braun

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Unstillbare Sehnsucht http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/unstillbare-sehnsucht/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/unstillbare-sehnsucht/#respond Mon, 20 Jul 2020 12:55:00 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=959 Claude Sautet 23. Februar 1924 – 22. Juli 2000

„Mich interessiert das Banale“, sagte Claude Sautet einmal und meinte damit das Gegenteil vom Seichten und Trivialen. In den 14 Filmen, die er in 40 Jahren als Regisseur gedreht hat, ging es ihm zumeist um die Verwirrung der Gefühle seiner Protagonisten und die kleinen und großen Zwischenfälle, die sie aus der Bahn warfen. Das Banale – es manifestierte sich schon in den Titeln von zwei seiner bekanntesten Arbeiten: DIE DINGE DES LEBENS (1970) und EINE EINFACHE GESCHICHTE (1978). Wie kaum ein anderer analysierte und porträtierte er die französische Gesellschaft, nicht bitter und ätzend, sondern mit leichtem Strich und einer großen Sympathie für seine Figuren, auch und gerade für die gestrandeten und gescheiterten. Vor allem die Bourgoisie ist das soziale Kraftfeld seiner Filme, der saturierte Mittelstand ohne materielle Sorgen, damit mit umso größeren emotionalen Defiziten. Häufig sind es die Männer, die in eine Krise geraten, durch einen Unfall oder – wie in den meisten Fällen – durch eine Frau. Eine Krise, „vor welcher, während welcher und nach welcher alle Sicherheiten zu wanken beginnen und die Verletzlichkeit meiner Figuren bloßgelegt werden.“ (Sautet)

Claude Sautet

Claude Sautet ist mit dem Namen der berühmtesten Schauspieler des französischen Kinos von den 70er bis weit in die 90er Jahre verbunden: Michel Piccoli, Ives Montand, Gérard Depardieu, Jacques Dutronc, Daniel Auteuil, Emmanuelle Béart und natürlich Romy Schneider. Sie spielte in fünf seiner Filme mit. Erstmals in DIE DINGE MEINES LEBENS, einem psychologisch sensibel erzähltem Liebesdrama an der Seite von Piccoli, gleich darauf in der gleichen Personalkonstellation in DAS MÄDCHEN UND DER KOMMISSAR (1971). Darin prallen eine Prostituierte und ein vom Ehrgeiz zerfressener Ermittler aufeinander, der mit ihrer Hilfe eine Gaunergruppe aufliegen lassen will, und liefern sich einen dramatischen abgründigen Showdown – eine der vielleicht herausragendsten Darstellungen von Romy Schneider und einer der vielleicht besten Filme Sautets überhaupt. Es folgten in den nächsten Jahren CÉSAR UND ROSALIE (1972), VINCENT, François, PAUL UND DIE ANDEREN (1974), MADO (1976) und EINE EINFACHE GESCHICHTE: Eine Frau, gespielt von Romy Schneider, hat ein Kind aus einer früheren Verbindung abgetrieben, kehrt zu ihrem Ex-Mann zurück, der sich in einer neuen Beziehung befindet, und wird von ihm schwanger. Eine einfache Geschichte, die in Sautets brillanter Inszenierung zu einem Krisenpsychogramm von Menschen in der Mitte ihres Lebens wird. EINE EINFACHE GESCHICHTE erhielt dafür eine Oscar-Nominierung in der Kategorie bester fremdsprachiger Film.

Die 70er Jahre waren Sautets fruchtbarste Schaffensperiode. Nach dem Studium an der Filmhochschule in Paris drehte er zwei Kriminalfilme mit Lino Ventura – DER PANTHER WIRD GEHETZT (1960) und SCHIESS, SOLANGE DU KANNST (1965) –, die ohne durchschlagenden Erfolg blieben. Bis zu seinem Durchbruch mit DIE DINGE DES LEBENS schrieb er eigene Drehbücher oder überarbeitete als Scriptdoktor die anderer. Nachdem es in den 80ern ein wenig still um ihn geworden war, kehrte er mit EIN HERZ IM WINTER (1992), einem Kammerspiel um einen emotional erkalteten Geigenbauer mit Daniel Auteuil und Emmanuelle Béart, triumphal zurück. Der Film erhielt bei den Filmfestspielen in Venedig den silbernen Bären. Nicht weniger hochgeschätzt wurde auch seine letzte Regiearbeit: NELLY & MONSIEUR (1995). Wieder spielte Béart die Hauptrolle. Der Film handelt von der uneingestandenen Liebe zwischen einer jungen Frau und einem älteren Mann, einfühlsam und mit sparsamsten Mitteln erzählt. Sautet, der immer für ein Autorenkino frei von den Manierismen und akademischen Auswüchsen einer Nouvelle Vague etwa stand, hatte in seinem Spätwerk zu größtmöglicher Einfachheit gefunden.

Aus dem Filmkalender 2010

Zum Weiterlesen: https://www.schueren-verlag.de/programm/titel/447-unstillbare-sehnsucht-msm-56.html
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Bettina Böhler geb. 24. 6. 1960 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/bettina-boehler-geb-24-6-1960/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/bettina-boehler-geb-24-6-1960/#respond Tue, 23 Jun 2020 09:48:45 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=966 Wer kann aus dem Stand fünf deutsche Cutter an einer Hand aufzählen? Ein schwieriges Unterfangen. Selbst Bettina Böhler, die zu den renommiertesten Vertreterinnen des Editorenhandwerks hierzulande zählt und seit Jahren für den Schnitt einiger der besten deutschen Autorenfilme verantwortlich zeichnet, führt in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein. „Die große Unbekannte des deutschen Kinos“ wurde sie auch folgerichtig in der Jurybegründung genannt, als sie 2007 den Bremer Filmpreis für langjährige Verdienste und herausragende Leistungen im europäischen Kino verliehen bekam. Ähnlich wie Peter Przygodda, dem legendären Schnittmeister eines großen Teils des Wim Wenders-OEuvres, versteht Bettina Böhler ihre Arbeit nicht als ästhetisches Ereignis, das sich selber feiert, sondern mehr als Handwerk im Dienste des Gesamtkunstwerks Film. „Der Schnitt ist nicht dazu da, um vor allem möglichst viel zu schneiden, sondern er sollte das Material einfach so gut wie möglich bedienen, die Geschichte, die Schauspieler, die Inszenierung, was alles dazu gehört“, sagte sie einmal. Und weiter: „Es ist sozusagen ein Dienen für das, was vorgegeben ist.“ Davon profitierte vor allem ein Mann, der bei allen seinen bisherigen Projekten auf die Dienste der Wahl-Berlinerin vertraut hat: Christian Petzold. Die klare Erzählstruktur seiner Filme, das perfekte Timing im Wechsel der oft langen und statischen Einstellungen ist auch ein Verdienst Böhlers.

Ihre Arbeit ist mit dem technischen Begriff Schnitt nur unzureichend definiert. Genauer fasst sie die französische Bezeichnung Montage: das mal narrative, mal musikalische Verweben von Bildern, das die Gesamtdramaturgie des Films mitdenkt und entscheidend beeinflusst. In der Urkunde des Bremer Filmpreises, den Böhler für Petzolds GESPENSTER (2005) bekommen hatte, hieß es: „Mit bewunderungswürdiger Intuition erspürt sie die Dauer, die eine Szene braucht, um über das reine Erzählen oder den Dialog hinaus nachzuhallen.“ Das gilt für alle ihre Petzold-Kooperationen, von CUBA LIBRE (1996) über DIE INNERE SICHERHEIT (2000) – für den sie mit dem Schnitt-Preis 2000 ausgezeichnet wurde – und WOLFSBURG (2003) bis zu YELLA (2007) und zuletzt JERICHOW (2008). Bettina Böhler hat nicht nur den speziellen Stil Petzolds mitgeprägt, sondern den der gesamten „Berliner Schule“. Die minimalistischen Beziehungsstudien von Angela Schanelec in MEIN LANGSAMES LEBEN (2001), MARSEILLE (2004) und NACHMITTAG (2007) tragen genauso die Signatur ihrer editorischen Co-Autorenschaft wie Valeska Grisebachs formidables Provinzdrama SEHNSUCHT (2006).

Wie groß das formale Spektrum der Cutterin ist, beweisen aber auch Projekte ganz anderer Art: Christoph Schlingensiefs TERROR 2000 – INTENSIVSTATION DEUTSCHLAND (1992) und DIE 120 TAGE VON BOTTROP (1997) oder Oskar Roehlers energiegeladene Liebes- und Gangstergeschichte LULU & JIMI (2008). Immer wieder hat die gebürtige Freiburgerin auch an Dokumentarfilmen Hand angelegt: Beim mit experimentellen Formen spielenden „Laborfilm“ DAS PROBLEM IST MEINE FRAU von Calle Overweg etwa, der sich mit häuslicher Gewalt von Männern auseinandersetzt, oder auch bei Karin Jurschicks schonungslos persönlicher Abrechnung mit ihrem Vater, DANACH HÄTTE ES SCHÖN SEIN MÜSSEN (2001). Triviales und Mediokres ohne Ambition sucht man vergebens in Bettina Böhlers Filmografie, auch nur ganz wenige Fernsehproduktionen sind dort zu finden. In Gabriele Voss‘ Buch „Schnitte in Raum und Zeit“, in dem auch Böhler zu ihrer Arbeit befragt wird, sagt sie: „Im Fernsehen sieht man oft einen sogenannten ‘Establisher‘, damit sagt man: Hier sind wir, da sitzen die Figuren. Dann geht man näher heran. Ich finde das ziemlich langweilig.“ Nicht- Langeweile muss man sich erst einmal leisten können. Bettina Böhler kann das.

Aus dem Filmkalender 2010

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Stummfilm – Nein Danke! http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/stummfilm-nein-danke/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/stummfilm-nein-danke/#respond Wed, 17 Jun 2020 13:57:24 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=941 Zum perfekten Bild gehört der perfekte Klang

Seit Einführung des Tonfilms und später des Mehrkanaltons hat sich die Bedeutung des Tons erheblich verändert. Die ursprüngliche Funktion der reinen Dialogwiedergabe von Schauspielern bleibt natürlich bis heute weiter erhalten. Ein moderner Filmton kann aber erheblich mehr. Er sorgt für authentische Atmosphären, entsprechende Stimmung in der Szene oder für eine eigene akustische Spannung. Denken Sie nur an Jurassic Park, bei denen Fußstampfen schon zu hören sind, die Dinos selbst aber noch nicht im Bild erscheinen.

Drehen Sie doch einfach mal den Ton für wenige Minuten ab. Da werden selbst oscargekrönte Meisterwerke zu absoluten Langweilern. Nicht ohne Grund wurde schon sehr früh der Stummfilm mit Klavier- oder Orchestermusik begleitet. Sie untermalte den Film und sorgte für passende akustische Ergänzung.

Der heutige Filmton ist viele Evolutionsstufen weiterentwickelt. Moderne Filmtonmischungen legen nicht nur Dialoge und Musik sondern nahezu jedes Geräusch einzeln an. Es wird in „chirurgischer“ Feinarbeit jedes akustische Ereignis individuell analysiert, bearbeitet und in der Filmtonmischung platziert. Tonmeister und Regisseure schaffen eine komplexe Mischung aus Dialog, Musik, Geräuschen, Effekten bis hin zu Sound-Nuancen, die auf die jeweiligen Kanäle und Subwoofer präzise verteilt werden. Immersive Tonformate mit noch mehr Kanälen und Überkopf-Lautsprechern erweitern hierbei die kreativen Möglichkeiten und lassen den Zuschauer oder besser Zuhörer noch weiter in den Film eintauchen.

Leider lässt sich diese präzise und oft virtuose Arbeit auf einem normalen Fernseher kaum nachvollziehen. Die Geräte sind aus Designgründen superdünn, weshalb die integrierten Lautsprecher sehr klein sind und meist nach unten oder hinten abstrahlen. Hierbei gehen sehr viele Ton- und Mischungsinformation verloren. Aufwendige Surroundmischungen, werden zusätzlich stark zusammengefasst und in ein Pseudo-Stereo gepresst.

Eine externe Soundbar oder eine 5.1 Heimkinoanlage verbessern im Vergleich zum eingebauten Fernsehlautsprecher die Wiedergabe deutlich. Aber auch sie erreichen bei Weitem nicht das Klangerlebnis im Kino. Kinosäle sind akustisch abgeschottet und stark bedämpft, sodass viel Direktschall und keine Reflexionen zu hören sind. Im heimischen Wohnzimmer ist dies kaum umsetzbar. Fensterscheiben, Parkett- oder Fliesenböden und glatte Wände sind hier kontraproduktiv. Der Kinosaal bietet also eine bessere Akustik, viel mehr Ruhe und erlaubt dadurch eine größere Konzentration auf den Ton (und Film). Hinzu kommen die volumenbedingte Großzügigkeit des Kinosaals und die dunkle Atmosphäre, die alle Sinne auf die Leinwand fokussiert.

Filmpalast Kassel, 4DX-Saal

Zusätzlich ist der technische Aufwand des Kinos nicht mit dem Wohnzimmer vergleichbar. Ein Vielfaches an Lautsprechern, Leistung und Performance bietet die moderne Kinobeschallung.

Natürlich ist es bequem zu Hause über Streaming Dienste einen Film zu ‚konsumieren‘. Wer jedoch den Film wirklich sehen und hören möchte, braucht ein modernes Kino. Regisseur und Tonmeister haben den Film so angelegt, dass er im Kinosaal perfekt funktioniert. Alle anderen Abspielstationen bieten speziell beim Ton meist schlechte Kompromisse.

Wer mehr über professionellen Kinobeschallung erfahren möchte, sollte einen Blick ins Buch „Grundlagen der Kinobeschallung“ werfen. Es hilft den Unterschied zwischen professionellen Kinosound und Heimkino-Anlagen besser zu verstehen. Auch wenn nicht explizit auf Heimkinos eingegangen wird, sind viele akustische Grundlagen für beide Anwendungen identisch. Mit dieser Hilfe kann unter Umständen auch die eigene Heimkinoanlage optimiert werden.

Carsten Peter

https://www.schueren-verlag.de/programm/titel/651-grundlagen-der-kinobeschallung.html

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Clint Eastwood *31. Mai 1930 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/clint-eastwood-31-mai-1930/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/clint-eastwood-31-mai-1930/#respond Thu, 28 May 2020 11:45:00 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=924 Clint Eastwood hatte bereits Cowboy-Erfahrung vor der Kamera, vor allem als Rowdy Yates in der Serie Rawhide, doch erst mit seiner endgültigen Durchbruchrolle in Für eine Handvoll Dollar (1964) drückte er diesem Typus seinen Stempel auf. Denn da Sergio Leones Werk den Italowestern aus der Taufe hob und dieser wiederum den amerikanischen Spätwestern beeinflusste, wurde auch der Protagonist, der von Eastwood verkörperte Mann ohne Name, zum Archetyp. Schon in dieser Rolle des wortkargen, knallharten Einzelgängers steckt viel von seinem Starimage, aber auch seinem Schauspielstil. Eastwood ist einer der großen Minimalisten des Kinos, bei dem eine einzelne Gesichtszuckung manchmal mehr Aussagekraft hat als ganze Monologe anderer Kollegen.

Eastwood pflegte seine Attitüde als Westerner in weiteren Projekten, unter anderem Für ein paar Dollar mehr (1965) und Zwei glorreiche Halunken (1966), mit denen Leone seine Dollar-Trilogie komplettierte. Zusammen mit dem Regisseur Don Siegel übertrug er den Westernhelden als modernen Straßencowboy in den Polizeifilm: In Coogans großer Bluff (1968) ist Eastwood noch ein Provinzbulle, der New York mit Cowboyattitüde aufmischt, im Welthit Dirty Harry (1971) stammt die Titelfigur (wie Eastwood) zwar aus der Großstadt San Francisco, navigiert den urbanen Dschungel voller Räuber und Mörder aber mit der Mentalität eines Gunslingers. Man sah Eastwood in vielen Western- und Actionrollen, darunter vier Dirty Harry-Sequels. Doch wo andere sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht hätten, arbeitete der Kalifornier an seinem Image. Er ist einer der ersten Actionstars, die nicht ewig die gleichen Rollen spielten, sondern Bezug auf ihr eigenes Alter nahmen: Seine späteren Heldentaten finden entweder im selbstironischen, leicht parodistischen Modus der Actionkomödie wie in The Rookie (1990) statt oder Protagonisten wie Frank Horrigan in In the Line of Fire (1993) werden von altersbedingten Problemen geplagt. Außerdem erweiterte er sein Portfolio um Dramen und Komödien, um nicht nur auf körperbetonte Rollen abonniert zu sein.

Clint Eastwood in Gran Torino (Warner)

Vor allem aber nahm Eastwood starken Einfluss auf sein eigenes Schaffen: Schon 1967 gründete er die Produktionsfirma Malpaso, 1971 führte er das erste Mal Regie bei Play Misty for Me, den er seinen Mentoren Leone und Siegel widmete. Oft agiert Eastwood in seinen Regiearbeiten, aber er verwirklicht auch Herzensprojekt ohne eigene Mitwirkung als Schauspieler, etwa das Charlie-Parker-Biopic Bird (1988), bei dem der passionierte Jazzfan sich auf Regie und Produktion beschränkte. Während seines großen Laufs von Mystic River (2003) bis Gran Torino (2008) legte er gleich mehrere Meisterwerke in wenigen Jahren vor, die bei Award-Verleihungen reichlich abräumten. Dort ist Eastwood spätestens seit Erbarmungslos (1992), einem furiosen Requiem auf den Western und das eigene Rollenimage, eh schon Dauergast.

Das Multitalent ist jedoch auch ein begnadeter Sänger und Musiker, auf dessen Konto verschiedene Filmkompositionen gehen, darunter der gänsehautverursachende Titelsong von Gran Torino. Oft vermischen sich bei Eastwood Arbeit und Privates: Die Schauspielerin Sondra Locke war eine Zeit lang seine Film- und Lebenspartnerin, deren Regiedebüt Ratboy (1986) Malpaso ermöglichte, während von Eastwoods Kindern gleich drei (Alison, Scott und Francesca) ebenfalls Schauspieler wurden, teilweise durch Rollen in seinen Filmen. Politisch bezeichnet Eastwood sich als libertär und steht den Republikanern nahe. Doch trotz gelegentlicher Peinlichkeiten wie der berühmt-berüchtigten Rede mit einem leeren Stuhl, bei der er 2012 Barack Obama die Schuld am Irakkrieg andichten wollte, ist Eastwood ein eigener, reflektierter Kopf, der bei Themen wie Umweltschutz, Homoehe und Waffengesetzen eher Positionen der Demokraten zugeneigt ist. Ein Mann so vielseitig und vielschichtig wie sein Werk, eine lebende Legende und mit bald 90 immer noch im Filmgeschäft aktiv.

Nils Bothmann im Filmkalender 2020

Mehr über Clint Eastwood hier:

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Wie weiter mit der Sozialdemokratie? http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/wie-weiter-mit-der-sozialdemokratie/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/wie-weiter-mit-der-sozialdemokratie/#respond Tue, 19 May 2020 08:10:52 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=918 Hat sie noch eine Chance auf Zukunftsgestaltung oder wird sie zwischen den auseinanderdriftenden Kräften unserer Gesellschaft zerrieben werden?

Und wie könnte ein linkes Leitnarrativ für eine Welt jenseits des Marktradikalismus aussehen, das eine emanzipatorische und solidarische Gesellschaft der Freien und Gleichen, ohne Unterdrückung und Ausbeutung, in Aussicht stellt? In Krisensituationen hilft manchmal ein Blick in die Vergangenheit. Ohne gründliche Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse und reformtheoretische Begründung des politischen Handelns wird es keinen Wiederaufstieg «links der Mitte» geben.

Für eine solche «geistige Erneuerung» stand bereits vor rund 120 Jahren der sozialdemokratische Theoretiker und Politiker Eduard Bernstein, dessen Revisionismus das Praxisdefizit marxistischer Kapitalismuskritik anging und die eigentliche Verbindung zwischen Marx/Engels und moderner Sozialdemokratie darstellt. Doch heute führt Eduard Bernstein, Journalist, Schriftsteller, Politiker und Begründer des theoretischen Revisionismus, im geschichtspolitischen Diskurs und in programmatischen Analysen links der Mitte ein Schattendasein. Auch im Selbstverständnis der SPD als die eigentliche sozialdemokratische Partei spielt die Erinnerung an Bernstein eine marginale Rolle.

Es ist also an der Zeit, Bernstein dem Schattendasein zu entreißen und danach zu fragen, ob Bernsteins Konzept eines radikalen Reformismus uns auch heute, wo sich die Sozialdemokratie wie die Demokratie selbst in einer tiefen Identitäts- und Existenzkrise befinden, wieder Orientierung geben kann.

Der Band prüft Bernstein an verschiedenen Stellen seines Denkens und Wirkens auf dessen Aktualität und schlägt bewusst Brücken zwischen historischer Forschung, ideengeschichtlicher Interpretation und heutiger politischer Debatte „links der Mitte“. Darüber hinaus werden drei zusammenhängende Dimensionen des Politischen bei Bernstein deutlich , die noch immer aktuell sind, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden wissen und die Rekonstruktion sozialdemokratischer Identität befördern können. Indirekt liefert der Band auf diese Weise auch Denkanstöße für die Zeit nach Corona.

Weiter lesen

Horst Heimann, Hendrik Küpper, Klaus-Jürgen Scherer (Hg.):
Geistige Erneuerung links der Mitte.
Der Demokratische Sozialismus Eduard Bernsteins
342 S. | Pb.| 25,00
ISBN 978-3-7410-0267-0

Zur Homepage der Hochschulinitiative Demokratischer Sozialismus

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Mythen stehen unserem Glück entgegen http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/mythen-stehen-unserem-glueck-entgegen/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/mythen-stehen-unserem-glueck-entgegen/#respond Tue, 28 Apr 2020 11:16:15 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=888 Mathias Kopetzki erzählt, warum und für wen er sein Buch „ÜBERLEBEN IM DARSTELLERDSCHUNGEL – Wegweiser für freischaffende SchauspielerInnen“ geschrieben hat
Mathias Kopetzki bei der Buchvorstellung

Die Sehnsucht nach diesem Buch entstand schon vor vielen Jahren. Damals war ich mir aber noch nicht bewusst, dass ich selber es initiieren und schreiben würde. Ich wusste nur, sowas müsste es einfach geben.

Ich war gerade nach Berlin gezogen, nach meinen ersten aufwühlenden Jahren im festen Engagement, in denen ich mehr oder weniger durchgearbeitet hatte.
Diese Jahre waren wir im Rausch verflogen, und ich hatte alles meinem heißersehnten Traumberuf untergeordnet: Mein Privatleben, der Ort, an dem ich leben wollte, meine Beziehungen, Freundschaften, meine Finanzen, ja teilweise sogar meine Gesundheit. Ich hatte eine Menge „Ups“ erlebt, tolle Momente auf Proben, in Vorstellungen, auf Parties, aber auch sehr viele „Downs“, die mich letztendlich dazu gebracht hatten, meine feste Stelle in der Provinz zu kündigen. Ich hatte mich abhängig gemacht, abhängig vom System Stadttheater, vom System „Zuckerbrot & Peitsche“. Und ich wusste, dass ich einen kalten Entzug brauchen würde, um mich aus diesem System zu befreien. Doch wie genau das vonstatten gehen sollte, das wusste ich nicht. 
Ich war eine Menge Illusionen los, die ich mir über diesen Beruf gemacht hatte, fühlte mich frei und mutig, etwas neues anzufangen, gleichzeitig aber wie im freien Fall. Denn das so sicher scheinende Netz, das ich mir mit Festverträgen um mich herum mit den Jahren aufgebaut hatte, existierte nicht mehr.
Nun hockte ich also in Berlin, in der Metropole der Arbeitslosen Schauspieler, joblos, geldlos, perspektivlos, aber ganz viel mit dem ausgestattet, was ich mir schon lange erträumt hatte: Freiheit.

Endlich hatte ich die Chance, mit meiner Schauspieltätigkeit das zu machen, was ich am liebsten wollte – und nicht das, was mir das schwarze Brett im Theater befahl, was mich Intendanten, Regisseure machen ließen. Denn von ihrer Gnade, von ihrem „Goodwill“ mir gegenüber war ich bisher abhängig gewesen. Jetzt stand ich da, Ende 20, angefüllt mit überschäumender Kraft und Spiellust, ein gesunder junger Mann in der Blüte seiner Jahre, im großen, unbekannten, unüberschaubaren Berlin, vollkommen alleine. Und ohne Plan. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Ich wusste nicht, wie ich meinem neugewonnenen freischaffenden Alltag eine Struktur geben könnte.
Wie ich waren auch viele Schauspieler-Freunde nach Berlin gezogen, um freischaffend tätig zu sein, die meisten von ihnen hatten ebenfalls erst mal genug vom „Stadttheater“, von ihren ersten, oft eher frustrierenden Erfahrungen als Festangestellte. Doch wussten auch sie genauso wenig wie ich, wie ihre Zukunft aussehen sollte, und auf was sie sich da überhaupt in ihrem freischaffenden Leben einlassen würden. Wenn wir es zuvor gewusst hätten: Wahrscheinlich hätten wir es auch hübsch bleiben lassen.

Mit Anja Gräfenstein, Identity-Stylistin, einer seiner Gesprächspartnerinnen

Um es kurz zu machen: ich bekam in der ersten Phase meines freischaffenden Lebens die Füße nicht so recht auf dem Boden, und fühlte mich weder durch mein 4jähriges „Elite-Studium“ noch durch meine zu diesem Zeitpunkt dann ja doch schon mehrjährige Berufserfahrung nicht ausreichend gewappnet für diesen Beruf. 
Auch kannte ich nicht genügend Leute, die mich auf die Schnelle mit ein paar Spitzfindigkeiten, Tricks, Infos ausstatteten, die mein Überleben fortan sichern könnten. Und die mich in die Richtung dessen bringen würden, was ja eigentlich mein Ziel gewesen war, als ich diesen Beruf irgendwann einmal ergriffen hatte: ein glücklicher Schauspieler zu werden.

Überhaupt ist ja das Wörtchen „Glück“ der Hauptgrund, weshalb ich dieses Buch geschrieben habe. Denn ich möchte nichts weniger, als dass all die Leute die es lesen, nach der Lektüre eine Spur glücklicher sind, oder zumindest wissen, wohin ihr Weg in Richtung Glück sie treiben kann. Das klingt vielleicht etwas hochtrabend, und daher möchte ich es ein wenig erläutern. 
Ich finde nämlich, dass dem „Glücklichsein“ in diesem wunderbaren Beruf, den wir ausüben dürfen, all die Mythen entgegenarbeiten, die über ihn im Umlauf sind. Und ich rede dabei nicht von Klischees a la „Was machen Sie eigentlich tagsüber?“ Nein: Dieser Beruf lebt zum großen Teil innerhalb derer, die ihn ausüben oder ausüben wollen, von einer riesigen Mythifizierung, durch die das Glück vieler Kolleginnen und Kollegen beeinträchtigt wird, oder sogar zum Opfer fällt.

Ein erster Mythos ist: „Jeder Schauspieler muss Film- oder zumindest Fernsehstar sein, um als erfolgreich zu gelten“

Ich finde nicht, dass ein erfolgreicher Schauspieler gleichbedeutend ist mit einem erfolgreichen Film- oder Fernsehstar.
Das ist es allerdings, was die „Gesellschaft“ uns über unseren Beruf einzureden versucht.
Aber: Unser wunderschöne Tätigkeit ist die Menschen-Darstellung, ist das Spiel, durch das wir die Dinge begreifen, verändern, mit ihnen umgehen können.
Seit jeher haben die Menschen Spiel dazu genutzt, um einander den Spiegel vorzuhalten, um unerklärliche Dinge erklärlich zu machen.
Das Spielen ist ein Geschenk, dass uns Menschen mitgegeben wurde. Und wir SchauspielerInnen haben die einzigartige Möglichkeit, es als Profession auszuüben. Wir gehen mit Gefühlen um, mit unserem Körper, unserem Lieben, unserem Hassen, unserem Aufbäumen und unserem Scheitern, auf extreme Art und Weise, und können am Ende einer Aufnahme oder eines Theaterabends doch immer sagen: war alles nur gespielt, hatte mit uns selber nichts zu tun.
Wie dieses Spielen nun genau vonstatten geht, ob auf einer Bühne, vor einer Kamera, vor einem Mikrofon, ist im Grunde gleich, zumindest für den wahrhaft Spielenden.
Wichtig ist, dass seine Persönlichkeit, sein Spieltrieb heraustritt, gefordert wird, und zur Geltung kommt. Das Innere ist wichtig, nicht das äußere.
Daher ist vermeintlicher „Erfolg“ im gesellschaftlichen Sinne nur eine Zutat, nicht der Sinn des Spiels.

Es gibt sehr, sehr unglückliche, weil beruflich unbefriedigte Filmstars. Und es gibt sehr glückliche Schauspieler in der Off-Szene, die ihr Leben lang kaum Geld mit diesem Beruf verdienen, aber immerhin das machen, was sie künstlerisch erfüllt. Daher ist es unsinnig – zumal als Schauspieler, die wir diesen extremen, im Grunde unbürgerlichen Beruf ergriffen haben – permanent den bürgerlichen Werten hinterher rennen, und ihnen gerecht werden zu wollen. Man muss als SchauspielerIn kein Film-Star werden, um erfolgreich zu sein. Man muss es stattdessen schaffen, das zu werden, was einen in diesem Beruf irgendwann mal hinein getrieben hat, seinem ureigenen Spieltrieb, in seiner ganz individuellen Form gerecht zu werden. Dann, nur dann ist man in meinen Augen ein „erfolgreicher“ Schauspieler. Das ist die Philosophie, die neben zahllosen praktischen Überlebens-Tipps meinem Buch zugrunde liegt. Oder wie Hamlet sagt: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, die eure Schulweisheit nicht lehrt.“

Apropos Schulweisheit: Damit kommen wir zum zweiten Mythos, den zwar nicht die komplette Gesellschaft nährt, aber immerhin die meisten Schauspielschulen, und das seit vielen Jahrzehnten. Es ist der Mythos, dass ein guter, handwerklich hervorragend ausgebildeter Schauspieler mit großartigem künstlerischen Talent eigentlich nur eine Laufbahn einschlagen sollte: die klassische „Stadttheaterkarriere“. 

Dieser Mythos ist befeuert durch unsere jahrhundertelang gewachsene Tradition der deutschsprachigen Kulturnation, mit seinem unvergleichlich subventionierten Theatersystem. Nur leider zeigt dieses System seit Jahren innere und äußere Risse. Seit Jahren werden zahllose Stellen abgebaut, und im Gegenzug das Hiercharchiegebilde, die Gagen- und Vertragsstrukturen immer mehr in Frage gestellt. Die klassische, durchgängige „Stadttheater-Karriere“ – vor zehn, zwanzig Jahren für viele SchauspielschulabsolventInnen noch Usus und erstrebenswert – hat an Attraktivität eingebüßt. Gleichzeitig sind viele neue Arbeitsmöglichkeiten für SchauspielerInnen entstanden und gewachsen, die an den meisten Schauspielschulen nicht ausreichend vorgestellt werden oder als „unangemessen“ gelten. Das ist schade. Und auch mit diesem Defizit möchte mein Buch aufräumen, indem es etliche Bereiche, in den SchauspierInnen heutzutage arbeiten können, näher beleuchtet.

Mathias Kopetzki mit Gregory B. Waldis, Fotograf, einem seiner Gesprächspartner für sein Buch
Damit hängt auch der Dritte Mythos zusammen:
Es gäbe so etwas wie U und E.

Wie ich finde, eine ausgesprochen deutsche Sicht auf die Welt, die zur Folge hat, dass es hierzulande eine Unzahl plattester Komödien und Schmonzetten gibt und abgetrennt davon viel „ernsthafte“, humorlose Hochkultur, die keiner sehen will, außer ein paar Kritikern, die regelmäßig Preise dafür vergeben. Das „Vereinen“ dieser beiden Pole wird selten gewagt: Hervorragende, klischeelose, provokante Kunst, die in leichtem Gewand, unterhaltsam und massentauglich daherkommt. Hierfür spricht sich mein Buch aber eindeutig aus, indem es die scheinbar unvereinbaren Arbeitsfelder gleichbedeutend nebeneinander stellt: das Boulevard neben das Stadttheater, das freie, experimentelle Theater neben das Freilichtspiel, den Krankenhaus-Clown neben den CEO-Coach. Beispielsweise.

Ein Vierter Mythos: „Schauspieler sind Einzelkämpfer – man sollte möglichst nichts von seinem Erfolgsgeheimnis verraten“.

Ich muss zugeben: Als ich das ganze vergangene Jahr damit zubrachte, all diese ExpertInnen rund um die unterschiedlichsten Aspekte meines Berufes zu treffen und von ihnen wertvolle, inspirierende, handfeste Infos über meinen Beruf zu erhalten, die ich größtenteils noch gar nicht kannte, dachte ich mir auch das eine oder andere Mal: „Wieso bin ich eigentlich so blöd und schreibe ein Buch? Wieso behandle ich all diese tollen, weitreichenden Karrieretipps nicht als geheimes Herrschaftswissen, und veredele mir damit nur meine eigene Schauspielkarriere?“ Hmm. Vielleicht, weil es meine Innerste Überzeugung ist, dass es überlebenswichtig ist für unsre Spezies Mensch – und damit auch für die Spezies Schauspieler! – zu teilen: Infos, Inspiration, Kreativität, Erfahrungen – aber auch Sorgen, Ängste, Hoffnungen. Und das Schöne ist: nicht nur ich TEILE diese Einstellung, sondern alle, die sich in diesem Buch mit ihrem Wissen und ihrer Leidenschaft zur Verfügung gestellt haben.

Fünfter Mythos: „Ein Künstler sieht sich nicht als Ware. Er überzeugt durchs Spiel, nicht durch kaufmännische Fähigkeiten.“

Aber ich denke: ein Künstler muss seine Fähigkeit genauso feilbieten, wie ein Bäcker sein Brot oder wie Steve Jobs das iPhone. Und er muss arbeiten an diesen Fähigkeiten, und zwar in die Richtung, in die er arbeiten will, nicht die, die ihm die Gesellschaft oder die Schule vorgibt: Um irgendwann vielleicht an seinem Ziel angekommen zu sein, mit seinem Beruf, der ja vermutlich mal sein Traumberuf gewesen ist, glücklich zu werden.

Und mit diesem Ziel, möglichst viele glückliche, erfolgreiche SchauspielkollegInnen um uns herum zu haben, breche ich mir, brechen wir uns alle, schließlich keinen Zacken aus der Krone.

Das Buch von Mathias Kopetzki gibt es als Buch und ebook über jede Buchhandlung oder hier:

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Chronik einer Sehnsucht http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/chronik-einer-sehnsucht/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/chronik-einer-sehnsucht/#comments Sat, 18 Apr 2020 09:52:00 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=324 Edgar Reitz über eine ANDERE HEIMAT in Brasilien

Die Heimat-Trilogie, deren erster Teil als Fernsehserie vor beinahe 40 Jahren lief, hat eine ganze Generation bewegt. In seinem neuen Kinofilm Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht zeigt uns Edgar Reitz die Vorfahren der Familie Simon in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Armut und Unfreiheit viele Menschen zur Auswanderung trieben. In den Hunsrückdörfern war vor allem die Auswanderung nach Brasilien populär.

Vor dem Hintergrund dieser historischen Tatsache entfaltet sich eine bewegende Geschichte von großer Poesie, die sicher auch deswegen so berührt, weil Edgar Reitz das fiktive Dorf Schabbach mit größtmöglicher Sorgfalt und Präzision zum Leben erweckt hat. Im Folgenden geben wir einen gekürzten Auszug aus dem begleitenden persönlichen Filmbuch wieder, in dem der Regisseur schildert, wie das nüchterne Thema «Auswanderung» ihn zu seinem Film motiviert hat.

Auswanderertreck aus dem Hunsrück

Der Anstoß zur Produktion der Anderen Heimat liegt lange zurück. Das erste Mal begegnete mir das Thema Auswanderung schon während der Dreharbeiten von Heimat 1, als ich im Hunsrück immer wieder auf die Erinnerungen der Menschen an die Zeit des großen Exodus stieß. Hunderttausende hatten vor mehr als 150 Jahren bestimmte Regionen Europas verlassen, und ich war erstaunt zu sehen, dass sich die Spuren dieser Ereignisse noch im Gedächtnis der fünften Generation danach abzeichneten. Offensichtlich bestanden Kontakte zwischen der ‹Heimat› und den fortgegangenen Teilen der Familien noch über zwei Generationen nach der Auswanderung. Unterbrochen wurden sie im 20. Jahrhundert vor allem durch die Weltkriege – lebten dann aber wieder auf. Man berichtete mir von Begegnungen mit Nachkommen der Auswanderer, die in Brasilien bis auf den heutigen Tag Hunsrücker Dialekt sprechen und denen man sich gerade durch die Mundart überraschend nah fühlte …

Auswanderung im kollektiven Gedächtnis

Es gab von da an mehrfach Pläne, wenn es die Zeit erlaubte, nach Brasilien zu fahren, um die ‹fernen Verwandten› kennenzulernen. Ich habe die Reise jedoch immer wieder verschoben, weil ich mich vor solchen Begegnungen ein wenig fürchtete. Zugleich aber kreisten meine Gedanken immer häufiger um das Thema der Auswanderung, und ich besorgte mir Informationen und Literatur zum Thema, um die Motive der Menschen von damals verstehen zu lernen.

Ich begann zu recherchieren, wie die konkreten Zeitumstände im Hunsrück beschaffen waren. Überall, las man, habe große wirtschaftliche Not geherrscht, Hungersnöte wurden von Jahr zu Jahr größer, weil man Saatgut und Reserven aufgezehrt hatte.

Bildung als Auslöser

War es wirklich nur die Not? Gab es nicht immer schon dieses karge Leben mit gelegentlichen Missernten? Waren nicht in vergangenen Zeiten Tausende von armen Menschen auf dem Land verhungert? Warum kam es dann zu diesem Exodus, der von kritischen Zeitgenossen als «Brasilien-Sucht» oder «Auswanderungs-Epidemie» bezeichnet wurde? Ich stieß bei meinen Recherchen auf einen Umstand, der von den Historikern kaum beachtet wurde: Die Leute, die in der sogenannten «Vormärz-Zeit» (ca. 1830–1848) ausgewandert sind, gehörten zur ersten Generation der alphabetisierten Deutschen auf dem Lande. In Preußen, dessen Staatsgrenzen den Hunsrück mit umfassten, wurde um 1815 die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Ich nehme an, dass sich das allgemeine Wissen durch das Lesen grundlegend verändert hat. Auch der Hunsrücker Bauer wusste nun, dass die Erde rund ist, dass es andere Klimazonen und Länder mit anderen Eigentumsregeln gibt als in der Heimat. Das neue Wissen über ferne Völker hat m. E. auch die Fantasie der Menschen angeregt: Eine romantisch-eskapistische Fantasie breitete sich aus. Hinzu kam, dass Brasilien um Einwanderer warb. Der brasilianische Kaiser, Dom Pedro II., schickte seine Werbetrupps nach Europa, insbesondere nach Deutschland in die Regionen, in denen Landwirte lebten, die zugleich ausgebildete Handwerker waren.

Wir können uns in Deutschland heute nur schwer vorstellen, was «Auswandern» eigentlich bedeutet, da wir nur die Gegenseite des Problems kennen: Wir sind selbst zum Einwanderungsland geworden. Sich loszureißen, sich emotional von den vertrauten Menschen zu lösen, aber auch von der Landschaft und allen gewohnten Lebensumständen, ist schwer und gelingt nicht jedem. Wenn aber das Weggehen zu einer Massenbewegung wird, erkennen auf einmal alle, dass ihre Bindung an die gegebenen Verhältnisse schwächer geworden ist. Sie können irgendwann einfach sagen: Ich gehe auch.

Das Paradies im Kopf

Dieser Gedanke brachte eine neue Richtung in meine Stoffentwicklung. Würde eine Geschichte, die beschreibt, wie Menschen ihre Heimat verlassen, nicht dazu beitragen, die Einwanderer von heute besser zu verstehen? Wie sah der Abschied damals aus? Wie lange tragen die Menschen den Schmerz dieses Abschieds in der anderen Heimat noch mit sich?

Meine Antwort war die Figur des Jakob Simon: ein Hunsrücker Bauernjunge, der Bücher liest und sich ein eigenes Universum des Wissens und der Träume schafft. Das erste Treatment hatte den Arbeitstitel «Das Paradies im Kopf». Damit wollte ich nicht nur auf Jakobs Träume anspielen, sondern hatte diese Vorstellungen von einer besseren Welt im Blick, die durch das Lesen von Abenteuerromanen in die Köpfe der Menschen gedrungen war. Hauptpersonen der Familie, die ich dem Kosmos meiner Heimat-Trilogie entnahm, sind neben Jakob und seinem Bruder Gustav noch die Eltern, Margarethe, die Mutter, und Johann der Schmied, sowie eine Großmutter und die ältere Schwester der beiden Brüder.

Erfahren Sie mehr über Edgar Reitz, Die Andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht oder über das Jahrhundert-Epos Heimat – Eine deutsche Chronik

Andere Beiträge über das Werk von Edgar Reitz in diesem Blog:
http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/was-ist-film-was-ist-kino/
Und
http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=80

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Emma Watson zum Dreißigsten http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/emma-watson-zum-dreissigsten/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/emma-watson-zum-dreissigsten/#respond Wed, 15 Apr 2020 03:48:00 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=869 * 15. April 1990

Kelly und Ryan sind sicher sehr nette Menschen, sie moderieren seit vielen Jahren die US-Talkshow „Live mit Kelly und Ryan“. Aber man schlackert schon gewaltig mit den Ohren, wie bemüht sie bei einer Sendung im Jahr 2001 sind, mit einem Kind auf kleinkindliche Weise zu sprechen, sodass phasenweise die intellektuelle Augenhöhe nicht mehr gewährleistet scheint – für die Moderatoren. Die 11-jährige Interviewpartnerin lässt nie einen Zweifel daran, dass sie sehr intelligent und auch verbal schlagfertig ist, besonders in einem Moment des Interviews: Ryan möchte wissen, ob andere Kinder in ihrer Schule nicht neidisch auf sie seien, weil sie die Rolle der Hermine Granger in dem Blockbuster-Film Harry Potter und der Stein der Weisen (2001) bekommen hat. Dafür macht er Kinderstimmen nach und fragt: „Warum du? Warum du, Emma?“ Die junge Emma lächelt das weg und sagt ganz schlicht, nett und ehrlich belustigt: „Because I’m worth it!“ Genau dieses freundliche, aber bestimmte Selbstbewusstsein hatte auch die Casting-Agenten beeindruckt, die 1999 in England auf der Suche nach einer Hermine waren – und Emma Watson fanden.

Viele Jahre Harry-Potter-Wahnsinn hatten damit gerade erst begonnen. Am Ende sollten acht Filme stehen, die mit einem Gesamteinspielergebnis von beinahe acht Milliarden Dollar eine der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten bilden, nur ganz knapp hinter Star Wars. Hinter diesem Erfolg verbarg sich endlos viel Arbeit und aufgegebenes Leben für die jungen Schauspieler, besonders die Hauptdarsteller Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint, die als Kinder begannen, während den Dreharbeiten Teenager wurden und schließlich zu jungen Erwachsenen reiften. Man stelle sich einfach Boyhood (2014) als Mini-Serie im Jahresrhythmus in Fantasy vor.

Statt mit endlosen Dreharbeiten, unzähligen Filmpremieren, unzähligen Interviews und regelmäßigen Modelshootings verbringt der Mensch (hoffentlich) seine Teenagerjahre ja an einer Schule und in der Freizeit mit Freunden, macht Unfug, beginnt mit der Welt zu hadern, oder auch nicht. Wider Erwarten schaffte das auch Emma Watson, wobei natürlich viel Unterrichtszeit am Filmset stattfand. Sie machte ihren College-Abschluss mit Glanznoten und begann 2009 ein Literaturstudium in den USA. Der Traum eines ganz normalen Studentendaseins, das sie zeitweise in ihrer englischen Heimat Oxford weiterführte, blieb ihr selbstverständlich verwehrt. Paparazzi, die nach möglichst freizügigen Schnappschüssen geiferten, gehörten überall zum Alltag. Doch das brachte sie nicht von ihrem Ziel ab. In einem Interview mit Ellen DeGeneres bedauerte Watson lediglich, fünf Jahre statt der Regelstudienzeit von vier Jahren gebraucht zu haben.

Emma Watson in Vielleicht lieber morgen (2012, R: Stephen Chbosky)

Mit ihrer ungebrochenen Popularität setzt sie sich seit 2014 als UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte ein und startete mit UN Women die überaus erfolgreiche Kampagne „HeForShe“, die Männer und Jungen bewegen möchte, sich für Frauenrechte einzusetzen.

So zielstrebig wie sie sich im Studium und ihrer politischen Arbeit zeigte, war ihre Rollenwahl nach Harry Potter leider nicht. Mit Hauptrollen in Sofia Coppolas The Bling Ring (2013), Darren Aronofskys Noah (2014, oh Mann!), Florian Gallenbergers Colonia Dignidad (2015) und der Bestseller-Verfilmung The Circle (2017) festigte sie sich einen Ruf für Filme, die auf dem Papier sicher gut klingen mögen, aber im filmischen Ergebnis allesamt weniger bis wenig gelungen waren. Eine große Ausnahme gab es aber: The Perks of Being a Wallflower (2012) ist – mal ganz schlicht gesagt und ohne weitere Ausführungen – eines der besten Coming-of-Age-Dramen der letzten Jahrzehnte. So wie es auch das Leben von Emma Watson bis hierhin wäre.

Werner Busch im Filmkalender 2020

Der Filmkalender erscheint jedes Jahr im Juli im Schüren Verlag. Der Taschenkalender ist für alle Filmbegeisterte der perfekte Begleiter durchs Filmjahr

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