FILMgeBlätter http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de Der Blog des Schüren Verlags über Kino, Medien, Filme und was sonst so betrachtet werden kann Wed, 20 May 2020 10:04:59 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4.1 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/wp-content/uploads/2019/08/cropped-logoWP-1-2-32x32.png FILMgeBlätter http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de 32 32 Wie weiter mit der Sozialdemokratie? http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/wie-weiter-mit-der-sozialdemokratie/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/wie-weiter-mit-der-sozialdemokratie/#respond Tue, 19 May 2020 08:10:52 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=918 Hat sie noch eine Chance auf Zukunftsgestaltung oder wird sie zwischen den auseinanderdriftenden Kräften unserer Gesellschaft zerrieben werden?

Und wie könnte ein linkes Leitnarrativ für eine Welt jenseits des Marktradikalismus aussehen, das eine emanzipatorische und solidarische Gesellschaft der Freien und Gleichen, ohne Unterdrückung und Ausbeutung, in Aussicht stellt? In Krisensituationen hilft manchmal ein Blick in die Vergangenheit. Ohne gründliche Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse und reformtheoretische Begründung des politischen Handelns wird es keinen Wiederaufstieg «links der Mitte» geben.

Für eine solche «geistige Erneuerung» stand bereits vor rund 120 Jahren der sozialdemokratische Theoretiker und Politiker Eduard Bernstein, dessen Revisionismus das Praxisdefizit marxistischer Kapitalismuskritik anging und die eigentliche Verbindung zwischen Marx/Engels und moderner Sozialdemokratie darstellt. Doch heute führt Eduard Bernstein, Journalist, Schriftsteller, Politiker und Begründer des theoretischen Revisionismus, im geschichtspolitischen Diskurs und in programmatischen Analysen links der Mitte ein Schattendasein. Auch im Selbstverständnis der SPD als die eigentliche sozialdemokratische Partei spielt die Erinnerung an Bernstein eine marginale Rolle.

Es ist also an der Zeit, Bernstein dem Schattendasein zu entreißen und danach zu fragen, ob Bernsteins Konzept eines radikalen Reformismus uns auch heute, wo sich die Sozialdemokratie wie die Demokratie selbst in einer tiefen Identitäts- und Existenzkrise befinden, wieder Orientierung geben kann.

Der Band prüft Bernstein an verschiedenen Stellen seines Denkens und Wirkens auf dessen Aktualität und schlägt bewusst Brücken zwischen historischer Forschung, ideengeschichtlicher Interpretation und heutiger politischer Debatte „links der Mitte“. Darüber hinaus werden drei zusammenhängende Dimensionen des Politischen bei Bernstein deutlich , die noch immer aktuell sind, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden wissen und die Rekonstruktion sozialdemokratischer Identität befördern können. Indirekt liefert der Band auf diese Weise auch Denkanstöße für die Zeit nach Corona.

Weiter lesen

Horst Heimann, Hendrik Küpper, Klaus-Jürgen Scherer (Hg.):
Geistige Erneuerung links der Mitte.
Der Demokratische Sozialismus Eduard Bernsteins
342 S. | Pb.| 25,00
ISBN 978-3-7410-0267-0

Zur Homepage der Hochschulinitiative Demokratischer Sozialismus

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Mythen stehen unserem Glück entgegen http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/mythen-stehen-unserem-glueck-entgegen/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/mythen-stehen-unserem-glueck-entgegen/#respond Tue, 28 Apr 2020 11:16:15 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=888 Mathias Kopetzki erzählt, warum und für wen er sein Buch „ÜBERLEBEN IM DARSTELLERDSCHUNGEL – Wegweiser für freischaffende SchauspielerInnen“ geschrieben hat
Mathias Kopetzki bei der Buchvorstellung

Die Sehnsucht nach diesem Buch entstand schon vor vielen Jahren. Damals war ich mir aber noch nicht bewusst, dass ich selber es initiieren und schreiben würde. Ich wusste nur, sowas müsste es einfach geben.

Ich war gerade nach Berlin gezogen, nach meinen ersten aufwühlenden Jahren im festen Engagement, in denen ich mehr oder weniger durchgearbeitet hatte.
Diese Jahre waren wir im Rausch verflogen, und ich hatte alles meinem heißersehnten Traumberuf untergeordnet: Mein Privatleben, der Ort, an dem ich leben wollte, meine Beziehungen, Freundschaften, meine Finanzen, ja teilweise sogar meine Gesundheit. Ich hatte eine Menge „Ups“ erlebt, tolle Momente auf Proben, in Vorstellungen, auf Parties, aber auch sehr viele „Downs“, die mich letztendlich dazu gebracht hatten, meine feste Stelle in der Provinz zu kündigen. Ich hatte mich abhängig gemacht, abhängig vom System Stadttheater, vom System „Zuckerbrot & Peitsche“. Und ich wusste, dass ich einen kalten Entzug brauchen würde, um mich aus diesem System zu befreien. Doch wie genau das vonstatten gehen sollte, das wusste ich nicht. 
Ich war eine Menge Illusionen los, die ich mir über diesen Beruf gemacht hatte, fühlte mich frei und mutig, etwas neues anzufangen, gleichzeitig aber wie im freien Fall. Denn das so sicher scheinende Netz, das ich mir mit Festverträgen um mich herum mit den Jahren aufgebaut hatte, existierte nicht mehr.
Nun hockte ich also in Berlin, in der Metropole der Arbeitslosen Schauspieler, joblos, geldlos, perspektivlos, aber ganz viel mit dem ausgestattet, was ich mir schon lange erträumt hatte: Freiheit.

Endlich hatte ich die Chance, mit meiner Schauspieltätigkeit das zu machen, was ich am liebsten wollte – und nicht das, was mir das schwarze Brett im Theater befahl, was mich Intendanten, Regisseure machen ließen. Denn von ihrer Gnade, von ihrem „Goodwill“ mir gegenüber war ich bisher abhängig gewesen. Jetzt stand ich da, Ende 20, angefüllt mit überschäumender Kraft und Spiellust, ein gesunder junger Mann in der Blüte seiner Jahre, im großen, unbekannten, unüberschaubaren Berlin, vollkommen alleine. Und ohne Plan. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Ich wusste nicht, wie ich meinem neugewonnenen freischaffenden Alltag eine Struktur geben könnte.
Wie ich waren auch viele Schauspieler-Freunde nach Berlin gezogen, um freischaffend tätig zu sein, die meisten von ihnen hatten ebenfalls erst mal genug vom „Stadttheater“, von ihren ersten, oft eher frustrierenden Erfahrungen als Festangestellte. Doch wussten auch sie genauso wenig wie ich, wie ihre Zukunft aussehen sollte, und auf was sie sich da überhaupt in ihrem freischaffenden Leben einlassen würden. Wenn wir es zuvor gewusst hätten: Wahrscheinlich hätten wir es auch hübsch bleiben lassen.

Mit Anja Gräfenstein, Identity-Stylistin, einer seiner Gesprächspartnerinnen

Um es kurz zu machen: ich bekam in der ersten Phase meines freischaffenden Lebens die Füße nicht so recht auf dem Boden, und fühlte mich weder durch mein 4jähriges „Elite-Studium“ noch durch meine zu diesem Zeitpunkt dann ja doch schon mehrjährige Berufserfahrung nicht ausreichend gewappnet für diesen Beruf. 
Auch kannte ich nicht genügend Leute, die mich auf die Schnelle mit ein paar Spitzfindigkeiten, Tricks, Infos ausstatteten, die mein Überleben fortan sichern könnten. Und die mich in die Richtung dessen bringen würden, was ja eigentlich mein Ziel gewesen war, als ich diesen Beruf irgendwann einmal ergriffen hatte: ein glücklicher Schauspieler zu werden.

Überhaupt ist ja das Wörtchen „Glück“ der Hauptgrund, weshalb ich dieses Buch geschrieben habe. Denn ich möchte nichts weniger, als dass all die Leute die es lesen, nach der Lektüre eine Spur glücklicher sind, oder zumindest wissen, wohin ihr Weg in Richtung Glück sie treiben kann. Das klingt vielleicht etwas hochtrabend, und daher möchte ich es ein wenig erläutern. 
Ich finde nämlich, dass dem „Glücklichsein“ in diesem wunderbaren Beruf, den wir ausüben dürfen, all die Mythen entgegenarbeiten, die über ihn im Umlauf sind. Und ich rede dabei nicht von Klischees a la „Was machen Sie eigentlich tagsüber?“ Nein: Dieser Beruf lebt zum großen Teil innerhalb derer, die ihn ausüben oder ausüben wollen, von einer riesigen Mythifizierung, durch die das Glück vieler Kolleginnen und Kollegen beeinträchtigt wird, oder sogar zum Opfer fällt.

Ein erster Mythos ist: „Jeder Schauspieler muss Film- oder zumindest Fernsehstar sein, um als erfolgreich zu gelten“

Ich finde nicht, dass ein erfolgreicher Schauspieler gleichbedeutend ist mit einem erfolgreichen Film- oder Fernsehstar.
Das ist es allerdings, was die „Gesellschaft“ uns über unseren Beruf einzureden versucht.
Aber: Unser wunderschöne Tätigkeit ist die Menschen-Darstellung, ist das Spiel, durch das wir die Dinge begreifen, verändern, mit ihnen umgehen können.
Seit jeher haben die Menschen Spiel dazu genutzt, um einander den Spiegel vorzuhalten, um unerklärliche Dinge erklärlich zu machen.
Das Spielen ist ein Geschenk, dass uns Menschen mitgegeben wurde. Und wir SchauspielerInnen haben die einzigartige Möglichkeit, es als Profession auszuüben. Wir gehen mit Gefühlen um, mit unserem Körper, unserem Lieben, unserem Hassen, unserem Aufbäumen und unserem Scheitern, auf extreme Art und Weise, und können am Ende einer Aufnahme oder eines Theaterabends doch immer sagen: war alles nur gespielt, hatte mit uns selber nichts zu tun.
Wie dieses Spielen nun genau vonstatten geht, ob auf einer Bühne, vor einer Kamera, vor einem Mikrofon, ist im Grunde gleich, zumindest für den wahrhaft Spielenden.
Wichtig ist, dass seine Persönlichkeit, sein Spieltrieb heraustritt, gefordert wird, und zur Geltung kommt. Das Innere ist wichtig, nicht das äußere.
Daher ist vermeintlicher „Erfolg“ im gesellschaftlichen Sinne nur eine Zutat, nicht der Sinn des Spiels.

Es gibt sehr, sehr unglückliche, weil beruflich unbefriedigte Filmstars. Und es gibt sehr glückliche Schauspieler in der Off-Szene, die ihr Leben lang kaum Geld mit diesem Beruf verdienen, aber immerhin das machen, was sie künstlerisch erfüllt. Daher ist es unsinnig – zumal als Schauspieler, die wir diesen extremen, im Grunde unbürgerlichen Beruf ergriffen haben – permanent den bürgerlichen Werten hinterher rennen, und ihnen gerecht werden zu wollen. Man muss als SchauspielerIn kein Film-Star werden, um erfolgreich zu sein. Man muss es stattdessen schaffen, das zu werden, was einen in diesem Beruf irgendwann mal hinein getrieben hat, seinem ureigenen Spieltrieb, in seiner ganz individuellen Form gerecht zu werden. Dann, nur dann ist man in meinen Augen ein „erfolgreicher“ Schauspieler. Das ist die Philosophie, die neben zahllosen praktischen Überlebens-Tipps meinem Buch zugrunde liegt. Oder wie Hamlet sagt: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, die eure Schulweisheit nicht lehrt.“

Apropos Schulweisheit: Damit kommen wir zum zweiten Mythos, den zwar nicht die komplette Gesellschaft nährt, aber immerhin die meisten Schauspielschulen, und das seit vielen Jahrzehnten. Es ist der Mythos, dass ein guter, handwerklich hervorragend ausgebildeter Schauspieler mit großartigem künstlerischen Talent eigentlich nur eine Laufbahn einschlagen sollte: die klassische „Stadttheaterkarriere“. 

Dieser Mythos ist befeuert durch unsere jahrhundertelang gewachsene Tradition der deutschsprachigen Kulturnation, mit seinem unvergleichlich subventionierten Theatersystem. Nur leider zeigt dieses System seit Jahren innere und äußere Risse. Seit Jahren werden zahllose Stellen abgebaut, und im Gegenzug das Hiercharchiegebilde, die Gagen- und Vertragsstrukturen immer mehr in Frage gestellt. Die klassische, durchgängige „Stadttheater-Karriere“ – vor zehn, zwanzig Jahren für viele SchauspielschulabsolventInnen noch Usus und erstrebenswert – hat an Attraktivität eingebüßt. Gleichzeitig sind viele neue Arbeitsmöglichkeiten für SchauspielerInnen entstanden und gewachsen, die an den meisten Schauspielschulen nicht ausreichend vorgestellt werden oder als „unangemessen“ gelten. Das ist schade. Und auch mit diesem Defizit möchte mein Buch aufräumen, indem es etliche Bereiche, in den SchauspierInnen heutzutage arbeiten können, näher beleuchtet.

Mathias Kopetzki mit Gregory B. Waldis, Fotograf, einem seiner Gesprächspartner für sein Buch
Damit hängt auch der Dritte Mythos zusammen:
Es gäbe so etwas wie U und E.

Wie ich finde, eine ausgesprochen deutsche Sicht auf die Welt, die zur Folge hat, dass es hierzulande eine Unzahl plattester Komödien und Schmonzetten gibt und abgetrennt davon viel „ernsthafte“, humorlose Hochkultur, die keiner sehen will, außer ein paar Kritikern, die regelmäßig Preise dafür vergeben. Das „Vereinen“ dieser beiden Pole wird selten gewagt: Hervorragende, klischeelose, provokante Kunst, die in leichtem Gewand, unterhaltsam und massentauglich daherkommt. Hierfür spricht sich mein Buch aber eindeutig aus, indem es die scheinbar unvereinbaren Arbeitsfelder gleichbedeutend nebeneinander stellt: das Boulevard neben das Stadttheater, das freie, experimentelle Theater neben das Freilichtspiel, den Krankenhaus-Clown neben den CEO-Coach. Beispielsweise.

Ein Vierter Mythos: „Schauspieler sind Einzelkämpfer – man sollte möglichst nichts von seinem Erfolgsgeheimnis verraten“.

Ich muss zugeben: Als ich das ganze vergangene Jahr damit zubrachte, all diese ExpertInnen rund um die unterschiedlichsten Aspekte meines Berufes zu treffen und von ihnen wertvolle, inspirierende, handfeste Infos über meinen Beruf zu erhalten, die ich größtenteils noch gar nicht kannte, dachte ich mir auch das eine oder andere Mal: „Wieso bin ich eigentlich so blöd und schreibe ein Buch? Wieso behandle ich all diese tollen, weitreichenden Karrieretipps nicht als geheimes Herrschaftswissen, und veredele mir damit nur meine eigene Schauspielkarriere?“ Hmm. Vielleicht, weil es meine Innerste Überzeugung ist, dass es überlebenswichtig ist für unsre Spezies Mensch – und damit auch für die Spezies Schauspieler! – zu teilen: Infos, Inspiration, Kreativität, Erfahrungen – aber auch Sorgen, Ängste, Hoffnungen. Und das Schöne ist: nicht nur ich TEILE diese Einstellung, sondern alle, die sich in diesem Buch mit ihrem Wissen und ihrer Leidenschaft zur Verfügung gestellt haben.

Fünfter Mythos: „Ein Künstler sieht sich nicht als Ware. Er überzeugt durchs Spiel, nicht durch kaufmännische Fähigkeiten.“

Aber ich denke: ein Künstler muss seine Fähigkeit genauso feilbieten, wie ein Bäcker sein Brot oder wie Steve Jobs das iPhone. Und er muss arbeiten an diesen Fähigkeiten, und zwar in die Richtung, in die er arbeiten will, nicht die, die ihm die Gesellschaft oder die Schule vorgibt: Um irgendwann vielleicht an seinem Ziel angekommen zu sein, mit seinem Beruf, der ja vermutlich mal sein Traumberuf gewesen ist, glücklich zu werden.

Und mit diesem Ziel, möglichst viele glückliche, erfolgreiche SchauspielkollegInnen um uns herum zu haben, breche ich mir, brechen wir uns alle, schließlich keinen Zacken aus der Krone.

Das Buch von Mathias Kopetzki gibt es als Buch und ebook über jede Buchhandlung oder hier:

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Chronik einer Sehnsucht http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/chronik-einer-sehnsucht/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/chronik-einer-sehnsucht/#comments Sat, 18 Apr 2020 09:52:00 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=324 Edgar Reitz über eine ANDERE HEIMAT in Brasilien

Die Heimat-Trilogie, deren erster Teil als Fernsehserie vor beinahe 40 Jahren lief, hat eine ganze Generation bewegt. In seinem neuen Kinofilm Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht zeigt uns Edgar Reitz die Vorfahren der Familie Simon in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Armut und Unfreiheit viele Menschen zur Auswanderung trieben. In den Hunsrückdörfern war vor allem die Auswanderung nach Brasilien populär.

Vor dem Hintergrund dieser historischen Tatsache entfaltet sich eine bewegende Geschichte von großer Poesie, die sicher auch deswegen so berührt, weil Edgar Reitz das fiktive Dorf Schabbach mit größtmöglicher Sorgfalt und Präzision zum Leben erweckt hat. Im Folgenden geben wir einen gekürzten Auszug aus dem begleitenden persönlichen Filmbuch wieder, in dem der Regisseur schildert, wie das nüchterne Thema «Auswanderung» ihn zu seinem Film motiviert hat.

Auswanderertreck aus dem Hunsrück

Der Anstoß zur Produktion der Anderen Heimat liegt lange zurück. Das erste Mal begegnete mir das Thema Auswanderung schon während der Dreharbeiten von Heimat 1, als ich im Hunsrück immer wieder auf die Erinnerungen der Menschen an die Zeit des großen Exodus stieß. Hunderttausende hatten vor mehr als 150 Jahren bestimmte Regionen Europas verlassen, und ich war erstaunt zu sehen, dass sich die Spuren dieser Ereignisse noch im Gedächtnis der fünften Generation danach abzeichneten. Offensichtlich bestanden Kontakte zwischen der ‹Heimat› und den fortgegangenen Teilen der Familien noch über zwei Generationen nach der Auswanderung. Unterbrochen wurden sie im 20. Jahrhundert vor allem durch die Weltkriege – lebten dann aber wieder auf. Man berichtete mir von Begegnungen mit Nachkommen der Auswanderer, die in Brasilien bis auf den heutigen Tag Hunsrücker Dialekt sprechen und denen man sich gerade durch die Mundart überraschend nah fühlte …

Auswanderung im kollektiven Gedächtnis

Es gab von da an mehrfach Pläne, wenn es die Zeit erlaubte, nach Brasilien zu fahren, um die ‹fernen Verwandten› kennenzulernen. Ich habe die Reise jedoch immer wieder verschoben, weil ich mich vor solchen Begegnungen ein wenig fürchtete. Zugleich aber kreisten meine Gedanken immer häufiger um das Thema der Auswanderung, und ich besorgte mir Informationen und Literatur zum Thema, um die Motive der Menschen von damals verstehen zu lernen.

Ich begann zu recherchieren, wie die konkreten Zeitumstände im Hunsrück beschaffen waren. Überall, las man, habe große wirtschaftliche Not geherrscht, Hungersnöte wurden von Jahr zu Jahr größer, weil man Saatgut und Reserven aufgezehrt hatte.

Bildung als Auslöser

War es wirklich nur die Not? Gab es nicht immer schon dieses karge Leben mit gelegentlichen Missernten? Waren nicht in vergangenen Zeiten Tausende von armen Menschen auf dem Land verhungert? Warum kam es dann zu diesem Exodus, der von kritischen Zeitgenossen als «Brasilien-Sucht» oder «Auswanderungs-Epidemie» bezeichnet wurde? Ich stieß bei meinen Recherchen auf einen Umstand, der von den Historikern kaum beachtet wurde: Die Leute, die in der sogenannten «Vormärz-Zeit» (ca. 1830–1848) ausgewandert sind, gehörten zur ersten Generation der alphabetisierten Deutschen auf dem Lande. In Preußen, dessen Staatsgrenzen den Hunsrück mit umfassten, wurde um 1815 die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Ich nehme an, dass sich das allgemeine Wissen durch das Lesen grundlegend verändert hat. Auch der Hunsrücker Bauer wusste nun, dass die Erde rund ist, dass es andere Klimazonen und Länder mit anderen Eigentumsregeln gibt als in der Heimat. Das neue Wissen über ferne Völker hat m. E. auch die Fantasie der Menschen angeregt: Eine romantisch-eskapistische Fantasie breitete sich aus. Hinzu kam, dass Brasilien um Einwanderer warb. Der brasilianische Kaiser, Dom Pedro II., schickte seine Werbetrupps nach Europa, insbesondere nach Deutschland in die Regionen, in denen Landwirte lebten, die zugleich ausgebildete Handwerker waren.

Wir können uns in Deutschland heute nur schwer vorstellen, was «Auswandern» eigentlich bedeutet, da wir nur die Gegenseite des Problems kennen: Wir sind selbst zum Einwanderungsland geworden. Sich loszureißen, sich emotional von den vertrauten Menschen zu lösen, aber auch von der Landschaft und allen gewohnten Lebensumständen, ist schwer und gelingt nicht jedem. Wenn aber das Weggehen zu einer Massenbewegung wird, erkennen auf einmal alle, dass ihre Bindung an die gegebenen Verhältnisse schwächer geworden ist. Sie können irgendwann einfach sagen: Ich gehe auch.

Das Paradies im Kopf

Dieser Gedanke brachte eine neue Richtung in meine Stoffentwicklung. Würde eine Geschichte, die beschreibt, wie Menschen ihre Heimat verlassen, nicht dazu beitragen, die Einwanderer von heute besser zu verstehen? Wie sah der Abschied damals aus? Wie lange tragen die Menschen den Schmerz dieses Abschieds in der anderen Heimat noch mit sich?

Meine Antwort war die Figur des Jakob Simon: ein Hunsrücker Bauernjunge, der Bücher liest und sich ein eigenes Universum des Wissens und der Träume schafft. Das erste Treatment hatte den Arbeitstitel «Das Paradies im Kopf». Damit wollte ich nicht nur auf Jakobs Träume anspielen, sondern hatte diese Vorstellungen von einer besseren Welt im Blick, die durch das Lesen von Abenteuerromanen in die Köpfe der Menschen gedrungen war. Hauptpersonen der Familie, die ich dem Kosmos meiner Heimat-Trilogie entnahm, sind neben Jakob und seinem Bruder Gustav noch die Eltern, Margarethe, die Mutter, und Johann der Schmied, sowie eine Großmutter und die ältere Schwester der beiden Brüder.

Erfahren Sie mehr über Edgar Reitz, Die Andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht oder über das Jahrhundert-Epos Heimat – Eine deutsche Chronik

Andere Beiträge über das Werk von Edgar Reitz in diesem Blog:
http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/was-ist-film-was-ist-kino/
Und
http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=80

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Emma Watson zum Dreißigsten http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/emma-watson-zum-dreissigsten/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/emma-watson-zum-dreissigsten/#respond Wed, 15 Apr 2020 03:48:00 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=869 * 15. April 1990

Kelly und Ryan sind sicher sehr nette Menschen, sie moderieren seit vielen Jahren die US-Talkshow „Live mit Kelly und Ryan“. Aber man schlackert schon gewaltig mit den Ohren, wie bemüht sie bei einer Sendung im Jahr 2001 sind, mit einem Kind auf kleinkindliche Weise zu sprechen, sodass phasenweise die intellektuelle Augenhöhe nicht mehr gewährleistet scheint – für die Moderatoren. Die 11-jährige Interviewpartnerin lässt nie einen Zweifel daran, dass sie sehr intelligent und auch verbal schlagfertig ist, besonders in einem Moment des Interviews: Ryan möchte wissen, ob andere Kinder in ihrer Schule nicht neidisch auf sie seien, weil sie die Rolle der Hermine Granger in dem Blockbuster-Film Harry Potter und der Stein der Weisen (2001) bekommen hat. Dafür macht er Kinderstimmen nach und fragt: „Warum du? Warum du, Emma?“ Die junge Emma lächelt das weg und sagt ganz schlicht, nett und ehrlich belustigt: „Because I’m worth it!“ Genau dieses freundliche, aber bestimmte Selbstbewusstsein hatte auch die Casting-Agenten beeindruckt, die 1999 in England auf der Suche nach einer Hermine waren – und Emma Watson fanden.

Viele Jahre Harry-Potter-Wahnsinn hatten damit gerade erst begonnen. Am Ende sollten acht Filme stehen, die mit einem Gesamteinspielergebnis von beinahe acht Milliarden Dollar eine der erfolgreichsten Filmreihen aller Zeiten bilden, nur ganz knapp hinter Star Wars. Hinter diesem Erfolg verbarg sich endlos viel Arbeit und aufgegebenes Leben für die jungen Schauspieler, besonders die Hauptdarsteller Daniel Radcliffe, Emma Watson und Rupert Grint, die als Kinder begannen, während den Dreharbeiten Teenager wurden und schließlich zu jungen Erwachsenen reiften. Man stelle sich einfach Boyhood (2014) als Mini-Serie im Jahresrhythmus in Fantasy vor.

Statt mit endlosen Dreharbeiten, unzähligen Filmpremieren, unzähligen Interviews und regelmäßigen Modelshootings verbringt der Mensch (hoffentlich) seine Teenagerjahre ja an einer Schule und in der Freizeit mit Freunden, macht Unfug, beginnt mit der Welt zu hadern, oder auch nicht. Wider Erwarten schaffte das auch Emma Watson, wobei natürlich viel Unterrichtszeit am Filmset stattfand. Sie machte ihren College-Abschluss mit Glanznoten und begann 2009 ein Literaturstudium in den USA. Der Traum eines ganz normalen Studentendaseins, das sie zeitweise in ihrer englischen Heimat Oxford weiterführte, blieb ihr selbstverständlich verwehrt. Paparazzi, die nach möglichst freizügigen Schnappschüssen geiferten, gehörten überall zum Alltag. Doch das brachte sie nicht von ihrem Ziel ab. In einem Interview mit Ellen DeGeneres bedauerte Watson lediglich, fünf Jahre statt der Regelstudienzeit von vier Jahren gebraucht zu haben.

Emma Watson in Vielleicht lieber morgen (2012, R: Stephen Chbosky)

Mit ihrer ungebrochenen Popularität setzt sie sich seit 2014 als UN-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte ein und startete mit UN Women die überaus erfolgreiche Kampagne „HeForShe“, die Männer und Jungen bewegen möchte, sich für Frauenrechte einzusetzen.

So zielstrebig wie sie sich im Studium und ihrer politischen Arbeit zeigte, war ihre Rollenwahl nach Harry Potter leider nicht. Mit Hauptrollen in Sofia Coppolas The Bling Ring (2013), Darren Aronofskys Noah (2014, oh Mann!), Florian Gallenbergers Colonia Dignidad (2015) und der Bestseller-Verfilmung The Circle (2017) festigte sie sich einen Ruf für Filme, die auf dem Papier sicher gut klingen mögen, aber im filmischen Ergebnis allesamt weniger bis wenig gelungen waren. Eine große Ausnahme gab es aber: The Perks of Being a Wallflower (2012) ist – mal ganz schlicht gesagt und ohne weitere Ausführungen – eines der besten Coming-of-Age-Dramen der letzten Jahrzehnte. So wie es auch das Leben von Emma Watson bis hierhin wäre.

Werner Busch im Filmkalender 2020

Der Filmkalender erscheint jedes Jahr im Juli im Schüren Verlag. Der Taschenkalender ist für alle Filmbegeisterte der perfekte Begleiter durchs Filmjahr

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Erinnerung an Robby Müller http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/erinnerung-an-robby-mueller/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/erinnerung-an-robby-mueller/#respond Tue, 31 Mar 2020 11:33:07 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=856 4. 4. 1940 – 3. 7. 2018

Es ist so einfach, ein schönes Bild zu machen“, sagte Robby Müller einmal in einem Interview und fügte hinzu: „Viel schwieriger ist es, ein Bild zu machen, das nicht komponiert ist.“ Diese Sätze könnte man als künstlerisches Credo über das einzigartige Œuvre des niederländischen Kameramanns setzen. Müller ist seit vier Jahrzehnten ein herausragender Vertreter seiner Zunft, in Europa genauso hochgeschätzt wie in Nordamerika. Als er im Jahr 2003 mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet wurde, hob der Beirat in seiner Begründung zwei Eigenschaften heraus, die Müllers Arbeitsmodus auszeichnen: „Die Neugierde auf das, was jenseits der Professionalität des Berufes in der Sprache des Kinos zu entdecken ist, und das Vertrauen in die gemeinsam getragene Arbeit an einem Film als ideeler Kraft für die Utopie eines Einzelnen, eines Regisseurs.“

Wie kaum ein anderer ist Müller imstande, sich der visuellen Vision des Autors unterzuordnen, ohne sich selbst zu verleugnen. Die Bedingung: absolutes gegenseitiges Vertrauen. In Wim Wenders fand der Niederländer von Beginn seiner Karriere an bis in die jüngere Gegenwart den perfekten Kreativ-Partner auf dem Regiestuhl. Von Wenders Hochschul- und Kurzfilmen bis BUENA VISTA SOCIAL CLUB (1999) war Müller fast an allen Produktionen beteiligt. Er prägte den „Wenders-Touch“: Fließende Kranfahrten und kreisende Kamerabewegungen, die leere Flächen zu reichen Assoziationsfeldern verdichteten. In DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER (1972) etwa, in IM LAUF DER ZEIT (1976) oder auch in BIS ANS ENDE DER WELT (1991). Für FALSCHE BEWEGUNG (1974) bekam Müller das Filmband in Gold, für PARIS, TEXAS (1984) die Goldene Kamera – nur zwei von ungezählten Auszeichnungen im Laufe seines langen Berufslebens.

Foto Robby Müller: Rolf Coulanges

Wie reflektiert Müller (zusammen)arbeitet, belegt eine Produktionsnotiz aus ALICE IN DEN STÄDTEN. Ursprünglich wollten Wenders und er den Film in Farbe drehen, vor allem auf Wunsch des Verleihers und des Sponsors Polaroid. Entgegen aller ökonomischen Vernunft entschieden sich die beiden schließlich für Schwarzweiß. „Farbe hätte zu viele zusätzliche Informationen bedeutet, die vom eigentlichen Inhalt der Erzählung abgelenkt hätten“, erzählte Müller in einem Gespräch. „Das kleine Mädchen, von dem der Film handelt, wäre völlig verloren gewesen in New York, dieser lauten, exotischen Stadt.“

Müller wurde auf Curaçao geboren, der größten Insel der Niederländischen Antillen in der Karibik. Sein Vater arbeitete im Ölgeschäft und war viel auf Reisen, die Familie stets im Gepäck. Mit der Amateurkamera des Vaters machte Müller seine ersten Erfahrungen mit Medien. Nach seinem Studium an der Filmhochschule in Amsterdam war er zunächst Assistent des niederländischen Kameramanns Gerard Vandenberg und erhielt 1970 seinen ersten großen Auftrag in Hans W. Geißendörfers Film DER FALL LENA CHRIST. Über Geißendörfer kam er mit dem Neuen Deutschen Film in Kontakt – und mit Wim Wenders. Schon ab 1978 jedoch reichte Müllers Arbeitsradius weit über Deutschland hinaus. In Singapur drehte er mit Peter Bogdanovich SAINT JACK (1979), für William Friedkin fotografierte er den Polizeithriller LEBEN UND STERBEN IN L.A. (1985).

Neben der Zusammenarbeit mit Wenders machten ihn vor allem jene mit zwei anderen Regisseuren berühmt: Jim Jarmusch und Lars von Trier. Für Jarmusch schuf er mit seinen geliebten Schwarweiß-Bildern die teils mystisch-hypnotische Atmosphäre von DOWN BY LAW (1986) und DEAD MAN (1995); für Lars von Trier interpretierte er die strikten Dogma 95-Regeln für seine Ansprüche um und verlor trotz Hand- und Schulterkamera die Protagonisten nie aus dem Blick. DANCER IN THE DARK (2000) und BREAKING THE WAVES (1996) hießen die gemeinsamen Projekte, inzwischen feste Bestandteile des Filmkanons – auch dank der visuellen Virtuosität von Robby Müller.

Aus dem Filmkalender 2010

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http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/erinnerung-an-robby-mueller/feed/ 0
Heimat – eine deutsche Chronik http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/heimat-eine-deutsche-chronik/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/heimat-eine-deutsche-chronik/#comments Wed, 18 Mar 2020 21:11:00 +0000 http://wp11020226.server-he.de/?p=80 Edgar Reitz’ Meisterwerk in digitaler Qualität neu zu sehen

Als die 11-teilige Serie Heimat – Eine deutsche Chronik 1984 erstmals im Fernsehen gezeigt wurde, wurde sie sofort als unerhörtes Fernsehereignis wahrgenommen und gehört heute zu den Meilensteinen deutscher Filmgeschichte. Viele Menschen erinnern sich, dass sie gebannt vor dem Fernseher saßen, weil es so etwas im deutschen Fernsehen noch nicht zu sehen gegeben hatte. Der Spiegel fasste damals dieses Empfinden in Worte: «Was der Heimat-Unternehmung von Edgar Reitz ihre ganz eigene Kraft gibt, ist die persönliche Nähe: die Leidenschaft und Unbedingtheit, mit der Reitz sich in das eigene Eckchen Heimat verbissen hat. Gerade weil er nur auf seinen Hunsrück geschaut und keinen Moment auf Wirkung in der größeren Welt geschielt hat, ist sein Schabbach beispielhaft geraten, wirklich Mitte der Welt geworden, und die mächtige Zustimmung, die sein Werk nun von Folge zu Folge findet, macht es zu einem Stückchen deutscher Fernsehgeschichte.» (Nr. 40, 1984)

Mühevolle Restaurierung

Aber zwanzig Jahre später konnte dieses wichtige Filmwerk nicht mehr öffentlich vorgeführt werden, weil das Ausgangsmaterial zu verfallen drohte: Alle Szenen, selbst die Schwarz-Weiß-Szenen, hatten sich auf den Kopien in lachsrote Monochrombilder verwandelt, denen jeglicher Kontrast fehlte. Abgesehen von zahllosen Laufstreifen und Schäden an der Perforation waren die Kopien an vielen Stellen gerissen, es fehlten ganze Szenen und die Tonspur ließ oft nur noch ein periodisches Rumpeln vernehmen. Heimat konnte nur noch auf DVDs von technisch mäßiger Qualität an­gesehen werden. Es musste also dringend etwas zur Rettung der Filme unternommen werden.
Professionelle Filmrestaurierung ist teuer und besteht aus unendlich vielen und zeitraubenden Arbeiten, die zumeist sorgfältige Handarbeit erfordern – etwa 1,4 Mill. Einzelbilder mussten mehrfach eingescannt und bearbeitet werden, Kratzer und fehlerhafte Stellen beseitigt und die Farben aufgefrischt werden. Dabei sollte auf alle Fälle der Charakter des ursprünglichen Werks beibehalten werden.

Erinnerungen in Bildern festgehalten: Maria Simon (Marita Breuer)

Kinofassung als Bildband

Nach fünf Jahren war die Arbeit beendet, und Heimat – Eine deutsche Chronik erlebte im Frühjahr 2015 eine begeisternde Wiederaufführung. Die brilliante Bildqualität ermöglicht insbesondere auf der großen Leinwand eine ganz neue sinnliche Filmerfahrung. Parallel zur Kino- und Blu-ray/DVD-Fassung der restaurierten Kinofassung von Heimat erscheint ein reich bebildertes Buch, das alle Dialoge mit erläuternden Zwischentexten der nun siebenteiligen Kinofassung sowie einen umfangreichen Anhang enthält. Ein schöner Band für alle alten und neuen Liebhaber von Heimat.

Am 24. April 2020 hat Edgar Reitz für sein Lebenswerk den deutschen Filmpreis erhalten.
Über sein Lebenswerk informiert dieser Blogbeitrag.

Zu dem Film DIE ANDERE HEIMAT gibt es diesen Beitrag:
http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/chronik-einer-sehnsucht/

Heimat – eine deutsche Chronik von Edgar Reitz

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Deutsche Träume vom Norden http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/deutsche-traeume-vom-norden/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/deutsche-traeume-vom-norden/#respond Fri, 13 Mar 2020 11:36:39 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=845 Darstellungen Skandinaviens in Literatur und Film der Gegenwart

Wenn man sich in der deutschen medialen Öffentlichkeit umschaut, fällt deutlich die starke Präsenz von Skandinavienbildern in Film und Fernsehen sowie in Literatur und Presse auf. Hierzulande erfreuten sich nicht nur die inzwischen international beliebten Skandinavien-Krimis früher Beliebtheit, Nordic Noir-Serien und andere skandinavische TV-Produktionen entstehen zudem heute häufig mit deutscher Beteiligung. Darüber hinaus lässt sich das auffallend große Interesse an den nordischen Ländern an der Vielzahl der Skandinaviendarstellungen aus deutscher Perspektive ablesen.

Im Rahmen dieser Gruppe der Heteroimages vom Norden stechen im Bereich des deutschen Unterhaltungsfernsehens besonders zwei Fernsehreihen hervor: Inga Lindström und Liebe am Fjord spielen an pittoresken schwedischen und norwegischen Schauplätzen, wo sich allerlei Liebeshandlungen, Verwirrungen und Intrigen mit garantiertem Happy End entspinnen. Wie nicht nur diese Serien beweisen, verbinden die deutschen Zuschauer – anders als etwa das britische Publikum – Skandinavien nicht ausschließlich mit Vorstellungen brutaler Kriminalfälle oder Visionen einer gewalttätigen, von Wikingern beherrschten Vorzeit. Vielmehr stützen sich deutsche Imaginationen des europäischen Nordens bevorzugt einerseits auf idyllisch-nostalgische Visionen vertrauter Kindheitsparadiese – schließlich entstanden auch die Pippi-Langstrumpf-Verfilmungen einst als deutsche Koproduktionen. Zum anderen erscheint Skandinavien mit seiner weitläufigen Natur trotz des kühlen Klimas als perfekte Reise- und Urlaubsregion, wie sie schon vor fast hundert Jahren Kurt Tucholskys mehrfach verfilmter Bestseller Schloss Gripsholm in leicht humoristischer Brechung präsentierte und wie sie in realiter und ganz ironiefrei nicht zuletzt von Kaiser Wilhelm II. geschätzt wurde.

Die in völkischen Vorstellungen wurzelnde Vorliebe des letzten deutschen Monarchen für ‚Nordlandfahrten‘ rückt die politisch-ideologische Dimension der deutsch-skandinavischen Beziehungen in den Vordergrund, die – vom Schleswig-Holstein-Konflikt einmal abgesehen – nach langen Jahren friedlicher Koexistenz und lebhaften kulturellen Austauschs unvermutet in die Aggression der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg mündete. Dass sich das skandinavisch-deutsche Verhältnis heute nach diesen kriegerischen Auseinandersetzungen weitgehend normalisiert hat, man die Deutschen wieder willkommen heißt und u.a. in der schwedischen Region Östergötland gutgelaunt touristisches Kapital aus dem Inga Lindström-Fieber schlägt, sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass die deutsche Affinität zu Skandinavien schon lange vor der im Zweiten Weltkrieg erfolgten militärischen Einverleibung von problematischen Vereinnahmungstendenzen geprägt war, die bis heute nachwirken.

Ein Mann, ein Fjord (R: Angelo Colagrossi, D 2009)

Spätestens seit den im 19. Jahrhundert erfolgten Prozessen nationaler und kultureller Identitätsbildung, die nach der Ablösung von den vorherrschenden antiken Vorbildern die Essenz des Deutschtums an die in Deutschland spärlich vorhandene aber in den nordischen Ländern in zahlreichen Zeugnissen erhaltene ‚germanische‘ Überlieferung koppelten, wurde Skandinavien zum selbstergänzenden, freundlichen Other der Deutschen stilisiert, zur „fremden Heimat“, wie Thomas Mann das deutsche Zugehörigkeitsgefühl zum Norden umschrieb.

Diese evokative Bezeichnung und die in ihr enthaltene Erwartungshaltung an die nordischen Länder prägen bis heute die deutschen literarischen und filmischen Repräsentationen Skandinaviens. Die Region erscheint typischerweise als ein Erkenntnisraum, ein Ort der potenziellen Selbstfindung, die häufig durch die beeindruckende Qualität der nordischen Naturphänomene, insbesondere des Nordlichts, befördert wird.

Implizit wird davon ausgegangen, dass diese epistemologischen Erfahrungen im Norden auch oder sogar in besonderem Maße für Deutsche zugänglich sein sollten. Diese Vermessenheit einer von kolonialistischen Zügen geprägten Anspruchshaltung wird zu Recht in einigen der in Skandinavien spielenden Erzählungen und Filme abgelehnt. In Werken von Autorinnen wie Judith Hermann und Filmemachern wie Till Franzen wird die Instrumentalisierung des Nordens zur Erfüllung deutscher Fantasien desavouiert und klassische deutsche Norddiskurse werden in Frage gestellt. Hier wird Skandinavien weder als heimatlicher Raum angesehen noch fungiert die Region als Ort einer erfolgreichen Selbstfindung, Sinnsuche oder Versöhnung.

Trotz der Präsenz dieser in den letzten Jahrzehnten mehrfach artikulierten Appropriationskritik reißt besonders im Bereich von Film und Fernsehen die Reihe gegenläufiger Repräsentationen bisher nicht ab, in denen weiter auf naive bis anstößige Weise tradierte deutsche Aneignungsfantasien und Superioritätsgefühle gegenüber den ‚kleineren‘ nordischen Nachbarstaaten ausgelebt werden. Beispielsweise schreckt Matthias Glasner nicht davor zurück, in Gnade seine deutschen Aussteiger auf ihrem Selbsterfahrungstrip dort anzusiedeln, wo die Wehrmacht Jahrzehnte zuvor nur verbrannte Erde hinterlassen hatte. Obendrein benutzt der Regisseur diese Region als Kulisse für eine mit religiösen Anklängen versehene Erlösungsgeschichte, die sich zu Lasten der auf die Rolle von Statisten reduzierten einheimischen Bevölkerung entfaltet, deren Lebensalltag der Film bedenkenlos den Bedürfnissen der sich imperialistisch gebärdenden deutschen Neuankömmlinge unterordnet.

Helle Nächte (R: Thomas Arslan D 2017)

Dennoch bereitet es Hoffnung, dass der jüngste deutsche Kinobeitrag mit skandinavischem Schauplatz – der vielleicht nicht zufällig von einem Regisseur mit Migrationshintergrund gedreht wurde – die nordische Region als unzugängliche Nebellandschaft präsentiert, deren flüchtig und unzuverlässig erscheinende Natur sich der klassischen Instrumentalisierung als Katalysator für die auch hier wieder im Vordergrund stehenden Identitäts- und Beziehungsprobleme klar entzieht. Möglicherweise signalisiert Thomas Arslans Helle Nächte mit seinen hilflos und ziellos durch die norwegische Landschaft stapfenden Figuren, dass jetzt tatsächlich endlich die Zeit gekommen ist, sich von der vorherrschenden Repräsentationstradition zu verabschieden und ein Verhältnis zu den nordischen Ländern zu suchen, das jenseits der alten Aneignungsprozesse und der überhöhten Erlösungsfantasien Raum schafft für eine Neuerkundung dessen, was Skandinavien aus deutscher Perspektive tatsächlich sein kann.

Claudia Gremler

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Schlaf(modus). Pause | Verarbeitung | Smartphone | Mensch http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/schlafmodus-pause-verarbeitung-smartphone-mensch/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/schlafmodus-pause-verarbeitung-smartphone-mensch/#respond Sun, 01 Mar 2020 11:57:25 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=835 Warum beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe (77) der Zeitschrift AUGENBLICK mit Schlaf und Smartphone?

Wie es zu unserem Heft Schlaf(modus) kam? Welch‘ bemerkenswerte Frage. Wird man doch normalerweise im Wissenschaftskontext entweder nach der Quintessenz seiner Gedanken bzw. der Publikation oder gleich nach dem neuen Projekt gefragt. Was steht als nächstes an? Was hast du in der pipeline? So oder ähnlich klingen die üblichen Fragen auf Fachtagungen, auf den Unifluren oder in der Mensa. Hier nun also eine Rückschau, ein Innehalten, ein Schritt zurück. – Pause!

„Im Anfang war das Wort“ (Joh 1, 1–3), heißt es im Johannisevangelium; einer Art ‚Neuauflage‘ der Schöpfungsgeschichte aus der hebräischen Bibel. Das Wort, das Gespräch und der Austausch standen auch bei meinen beiden Mitherausgeberinnen Ulrike Allouche und Solveig Ottmann mit mir am Anfang – wie immer, wenn etwas Gemeinsames und nicht Solitäres entstehen soll. Während ich darüber nachdachte, ‚etwas‘ zu digital detox schreiben zu wollen, kehrten die Ambitionen der beiden anderen immer wieder zum Thema Schlaf zurück. Die eine müde von der Arbeit, die andere müde aufgrund von Arbeit und schlaflosen Nächten – vielleicht auch beide müde vom ständigen Medienkonsum. Zunehmend kristallisierte sich heraus, dass doch beide Themen miteinander kombinierbar sein müssten. Ist die Sehnsucht von digital detox nicht auch die Ruhe, das Nicht-Senden und Nicht-Empfangen, der Schlaf? Im Frühjahr 2018 reifte die Idee, ein transdisziplinäres Symposium zum Thema Schlaf und Smartphone auf die Beine stellen zu wollen. Unterschiedlichste Disziplinen – Mediziner, Psychologen, Informations- wie Medien- und Kulturwissenschaftler – sollten in diesem Kontext zusammenfinden und überlegen, was das Smartphone mit unserem Schlaf ‚macht‘. Im Januar 2019 dann die Realisierung an der Universität Regensburg, ein Jahr später die Publikation. Schneller kann ein Wissenstransfer von der Idee bis zum fertigen Buch kaum von Statten gehen – Verarbeitung!

Filme, in denen der Schlaf thematisiert gibt, es viele (bspw. Vanilla Sky (Cameron Crowe, USA 2001), The Machinist (Brad Anderson, USA 2004), Science of Sleep (Michel Gondry, Frankreich 2006); ebenso viel Kluges wurde bereits dazu geschrieben. Grundsätzlich scheinen sich Bildmedien regelmäßig mit Schlaf(losigkeit) als sujet auseinanderzusetzen. Eine Schnittmenge aus Forschungsinteressen der Herausgeberinnen und deren Verankerung im Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur an der Universität Regensburg brachte schließlich das Smartphone als Medium für die Reflexion von Schlafzuständen hervor. Ist es aktuell doch das digitale Medium, an dem sich scheinbar sämtliche Fragen der Medienkulturgeschichte und deren Wissenschaft durchdeklinieren lassen – schließlich implementiert es unterschiedlichste Medien wie das Telefon, den Fotoapparat, den Wecker, den Rechner etc.. Der AugenBlick sollte also diesem Mini-Computer unter Bezugnahmen auf das Thema Schlaf gewidmet sein – Smartphone!

Hier gehts zum Heft

Im Zentrum des Interesses stand dabei von der ersten Idee bis zur fertigen Publikation der Mensch. Eine medien- und informationstechnologische Perspektive mitführend, sollten die Auswirkungen, Verschränkungen und Verschaltungen des Geräts auf und mit den/dem Menschen und seinen Schlaf im Fokus stehen. Begriffen werden kann der AugenBlick also als ein Beitrag zur Mediengeschichte des Menschen, „solange es noch eine Geschichte des Menschen ist“ (Prolog, S. 11) – Mensch!

Silke RoeslerKeilholz

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CINEMA, Chicago, Skandal http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/cinema-chicago-skandal/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/cinema-chicago-skandal/#respond Fri, 14 Feb 2020 08:50:45 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=821 Heinrich Weingartner über das neue CINEMA #65: Skandal

Ich bin noch nicht lange in der CINEMA-Redaktion. Auf die Themenwahl des «CINEMA Jahrbuch 65» hatte ich so gut wie keinen Einfluss. Ein Skandal. Wieso ich trotzdem darum gebeten wurde, einen Blogbeitrag zu verfassen? Weil ich, zusammen mit meinem Kollegen David Grob, das Buch produziert habe. Aus Chicago. Also, ich aus Chicago, David aus Zürich. Das hat trotz geographischer Dislozierung tipptopp funktioniert, wie Sie sehen können. Natürlich wollten wir mit dieser räumlichen Aufteilung keinen Guinness-Rekord erzielen. Ich habe von August bis November letzten Jahres in Chicago einen Atelieraufenthalt absolviert und diese schöne Aufgabe mit ins Gepäck genommen. Die Tätigkeit bei der CINEMA-Redaktion basiert auf Ehrenamt und mein Atelieraufenthalt wurde von der öffentlichen Hand bezahlt. Deshalb konnte ich mich guten Gewissens der auswärtigen Selbstausbeutung hingeben. Drei Erkenntnisse:

1. Sitzungen töten und verunmöglichen Arbeit. In Chicago hatte ich keine. einzige. Sitzung. Ich war erstaunt darüber, wie schnell und effizient meine redaktionelle Betätigung für das CINEMA-Jahrbuch über die Bühne ging, sobald sich keine Inputs, Vorbehalte, Brainstormings, Ideen oder Termine in meinen Kopf frassen. Wer keine Sitzung hat, kriegt den Allerwertesten hoch und macht. die. Arbeit. Ich habe das Buch natürlich nicht im Alleingang produziert. Aber es war sicher gut für die anderen Menschen aus der CINEMA-Redaktion und Susanne Kreuzer vom Layout, dass sie mit mir ebenfalls keine Sitzung hatten. Ich hätte bloss deren Zeit verschwendet und die tatsächliche Arbeit wäre auf die nächste Sitzung traktandiert worden.

2. Digital ist nicht nur schlecht. Schon bei meiner Betätigung für ein Zentralschweizer Printmagazin habe ich immer darüber gestaunt, dass man die Buchstaben zuerst am Bildschirm herumschiebt, bevor sie dann gedruckt werden. Kann man sie nicht gleich auf dem Bildschirm lassen und lesen? Es tut mir leid, Frau Schüren. Aber wäre es so ein riesiger Skandal, wenn das gedruckte Wort sterben würde? Es ist so viel einfacher, die digitalen Dokumente, Daten und Druckaufträge per Mail hin- und herzuschicken. Okay, vielleicht liegt gerade in dieser Einfachheit das Diabolische des Internets. Ein Buch braucht Zeit, Formatwechsel, Geduld.

Heinrich Weingartners Arbeitsplatz in Chicago, nahezu papierlos

3. Für diese dritte Erkenntnis möchte ich gerne Thomas Basgier, einen Essayautoren unseres Buches, zitieren, der im ersten Abschnitt seines Beitrags unser Vorhaben grundlegend in Frage stellt: «Der Begriff ‹Skandalfilm› ist eigentlich ahistorisch, er ist schwammig, eine Art Leerformel, zumindest kein klar definierter Terminus. Er taugt nicht zur Kategorisierung von Filmen, weil er suggeriert, bestimmte merkmalsabhängige Produktionen seien auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, obwohl sie oft genug über einen solchigen nicht verfügen, weil er unterschiedliche historische, politische, sozialgesellschaftliche, ökonomische Kontexte in ein Verhältnis der Vergleichbarkeit setzt, die gemeinhin nur unter grössten intellektuellen Verbiegungen verglichen werden können.» Ein Skandal? Nein, eine wahre Einsicht.
Und jetzt: Lesen Sie das CINEMA-Buch! Es lohnt sich!

Mehr dazu

Am 20. 2. 2020 gibt es eine Buchvernissage im Filmpodium in Zürich: Infos hier

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Wer will ich sein? http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/wer-will-ich-sein/ http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/wer-will-ich-sein/#respond Wed, 12 Feb 2020 09:01:55 +0000 http://filmgeblaetter.schueren-verlag.de/?p=814 Stefan Leisten über seine Arbeit über Ethisches Lernen an TV- und Videospielserien sowie Let’s Plays

Wer will ich sein? – Ethisches Lernen an TV- und Videospielserien sowie Let’s Plays

Sei es bei der Familienfeier, beim Bier mit FreundInnen, auf dem Institutsflur im Gespräch mit KollegInnen oder auf Tagungen – die Fragen, wie ich auf das Thema meiner Dissertation gekommen bin und was mich daran besonders interessiert, kamen und kommen immer noch in unterschiedlichen Kontexten auf. Nicht selten schließt daran die Frage nach den Erkenntnissen meiner Arbeit an. Beide möchte ich in diesem Blogeintrag kurz beantworten.

Themenfindung und Interesse

Tatsächlich sind meine Gründe für die Beschäftigung mit diesem Thema sehr vielfältig. So habe ich mich schon lange für Serien interessiert, die mit ihren Figuren und Geschichten die ZuschauerInnen unterhalten wollen. Waren es zunächst noch primär TV-Serien und größere Videospielreihen, die ich in meiner Freizeit konsumiert habe, kamen später auch Videospiele im Episodenformat und die Let’s Plays dazu. In Let’s Plays spielen sogenannte Let’s PlayerInnen ein Videospiel, wobei sie das Spielgeschehen aufzeichnen und kommentieren. Die Tatsache, dass besonders narrative Produkte aber eben nicht nur unterhalten, sondern auch Einfluss auf die Identitätsentwicklung haben, war ein Grund, sich mit diesen Serien aus (religions-)pädagogischer Sicht auseinandersetzen zu wollen. Daneben wurden Serien im letzten Jahrzehnt immer beliebter und ihr Konsum durch den technischen Fortschritt zunehmend autonomer. TV-, Videospielserien und Let’s Plays, die durch interessante Geschichten und Figuren unterhalten, sind folglich durch diese Entwicklungen auch in jugendlichen Lebenswelten mehr oder weniger stark präsent.

Serien bergen daher für die Schule bzw. die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein großes Potenzial. Sie konfrontieren mit fremden Werten, erzeugen Spannung durch Dilemmata oder diskutable Sachverhalte und ermöglichen eine emotionale Auseinandersetzung sowie den Aufbau von Beziehungen zu Figuren. Dabei werden eigene Erfahrungen, der situative Kontext und Folgeentscheidungen miteinbezogen. Dies ist aus moralpsychologischer und pädagogischer Sicht von großer Bedeutung, wirft aber auch die Frage auf, wie in der schulischen Praxis mit den verhältnismäßig zeitintensiven Serien gearbeitet werden kann. Gibt es Kriterien, die eine Unterhaltungsserie erfüllen muss, um einen ethischen und medialen Kompetenzerwerb ermöglichen zu können? Was unterscheidet Serien von Einzeltiteln? Wie unterscheiden sich TV-, Videospielserien und Let’s Plays voneinander und welche didaktischen und rechtlichen Aspekte gilt es beim Einsatz zu bedenken?

Erkenntnisse

Am Ende meiner Arbeit steht schließlich ein wissenschaftlich fundiertes, interdisziplinäres Modell, das ethisches Lernen an Serien in der Praxis ermöglicht und durch seinen einfachen Zugang auch interessierte Lehrkräfte anspricht, die sich einen Serieneinsatz sonst nicht zutrauen würden. Es versteht sich vor dem Hintergrund der pluralen Serienlandschaft, einer heterogenen Lerngruppe und den verschiedenen Möglichkeiten ethische Bildung zu ermöglichen als eine begründete Option. Ein praktischer Einblick anhand der TV-Serie Modern Family rundet die Arbeit ab.

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