Von der futuristischen Idee zur Kultserie – Star Trek als Spiegel seiner Zeit

Gene Roddenberry (1921-1991) revolutionierte mit seiner Science-Fiction-Serie Star Trek das Fernsehen und prägte ein kulturelles Phänomen, das bis heute Generationen begeistert. Seine Karriere startete er jedoch zunächst bei der Polizei von Los Angeles. 1956 trat Roddenberry dann aus dem Polizeidienst aus, um sich ganz einer Karriere als Fernsehautor zu widmen. Sieben Jahre später produzierte er seine erste eigene Serie The Lieutenant, die jedoch nach einer Staffel mit 29 Episoden eingestellt wurde.

Die originale STAR TREK / RAUMSCHIFF ENTERPRISE-Crew mit William Shatner als
Captain Kirk, Nichelle Nichols als Lieutenant Uhura und Leonard Nimoy als Spock (© Paramount)

Als Grund hierfür gilt die Episode 21 (mit dem ersten TV-Auftritt von Nichelle Nichols, die später auf der Enterprise als Kommunikationsoffizierin Uhura zurückkehren sollte), welche rassistische Auseinandersetzungen zwischen Soldaten thematisierte – worauf das US-Verteidigungsministeriums sogleich die Produktionshilfe für die Militärserie entzog.

Umso mehr setzte Roddenberry auf seine neue Idee, jene in der Zukunft des 23. Jahrhunderts angesiedelte Science-Fiction-Serie um ein Raumschiff, dessen Besatzung neue Welten, neues Leben und neue Zivilisationen erforschen sollte.

Wagon Train zu den Sternen“: Die Geburt von Star Trek

Da das Wildwestgenre gerade in den USA populär war, verkaufte Roddenberry sein Konzept als „Wagon Train zu den Sternen“. Wagon Train (1957-1965) war eine erfolgreiche Serie, die einen Siedlerzug auf den Weg in den amerikanischen Westen begleitete und somit in jeder Woche an einem neuen Schauplatz einer Reise spielte.

Roddenberry formte sein Science-Fiction-Konzept zu einem abwechslungsreichen, variablen Storygerüst: So konnte die Crew in einen internen Konflikt eines fremden Planeten involviert, mit Gefahren oder Gegnern im Weltraum selbst konfrontiert, auf diplomatische Missionen geschickt werden oder konnten auch Problematiken innerhalb der Besatzung zum Gegenstand der Handlung werden.

Einfach ikonisch: Die Enterprise (© Paramount)

Bis zur Ausstrahlung der ersten Folge von Raumschiff Enterprise, so der deutsche Titel von Star Trek, auf NBC am 8. September 1966 war jedoch noch einiges an Entwicklung notwendig. Vom ersten Pilotfilm, der nach seiner Fertigstellung im Februar 1965 vom Sender abgelehnt wurde, blieben nur das Raumschiff im Design einer Untertasse mit jenem merkwürdigen Anbau, bei dem die zwei Antriebsgondeln aus seitlicher Sicht ein wenig wie ein Heckspoiler aussehen, und – obwohl vom Fernsehsender kritisch beäugt – der halbaußerirdische, jegliche seiner Gefühle unterdrückende Wissenschaftsoffizier Mr. Spock (Leonard Nimoy).

Der ursprünglich als Raumschiffskapitän vorgesehene Jeffrey Hunter sagte hingegen selbst ab und wurde für einen zweiten, „weniger verkopften“ Pilotfilm durch den geradlinigen, gutaussehenden William Shatner als Captain Jim Kirk ersetzt, dessen Hemd in Zweikämpfen regelmäßig zerrissen werden würde, um seinen muskulösen Oberkörper in voller Schönheit zur Geltung kommen zu lassen.

Charaktere, die Geschichte schrieben: Kirk, Spock & McCoy

Die Vervollständigung des lebendigen Protagonistenensembles, welches noch vor den phantastischen Zukunftssensationen die zentrale Qualität der Serie ausmachen sollte, gelang dann einen weiteren Schritt später mit der ersten regulär produzierten Folge, in der der erfahrene Schauspieler DeForest Kelley als Schiffsarzt Leonard „Pille“ McCoy hinzustieß.

DeForest Kelley als Schiffsarzt Leonard „Pille“ McCoy (© Paramount)

McCoy, der zunächst nicht einmal als Hauptcharakter vorgesehen war, wurde zum moralischen Ankerpunkt und zur menschlichsten Figur der Serie und war die ideale Ergänzung sowohl zum klassischen Helden Kirk wie auch zum kühlen Logiker Spock; erst recht, weil Roddenberry seine Protagonisten in einer vertrauensvollen Freundschaft verband, die somit den ständigen Konflikt der drei Offiziere in einem festen, versöhnlichen Rahmen hielt.

Außerdem trat so die militärisch organisierte Hierarchie der das Raumschiff betreibenden Sternenflotte der vereinigten Planeten in den Hintergrund. Die Uniformen bestanden aus gemütlichen bunten Pullovern und zumindest für den deutschen Zuschauer konterkarierte noch eine herrlich flapsige Synchronisation den letzten soldatischen Unterton.

Subversives und Unterhaltsames

Raumschiff Enterprise bediente das Science-Fiction-Sujet dann wechselweise mit Action, Drama oder Komödie, beschäftigte sich mit Themen wie Rassismus, Krieg, mit ethischen und erkenntnistheoretischen Fragen, blieb aber selbst in anspruchsfreieren Episoden ausgesprochen unterhaltsam, wie in jener, in der weibliche Außerirdische in kurzen Röcken Spocks Gehirn rauben, das dann McCoy im Finale in den zwischenzeitlich leeren Kopf wieder hineinoperieren muss – wobei ihm sein Patient, nachdem Spocks Sprachzentrum als erstes wieder angeschlossen ist, wertvolle Anleitung geben kann.

Ein unschlagbares Duo: Spock und Kirk (© Paramount)
Zwischen Flops und Kultstatus: Roddenberrys 1970er Jahre

Nach drei Staffeln und 79 Folgen war dann Schluss. Roddenberrys Suche nach neuen Aufgaben verlief holprig. Am gelungensten geriet ihm der Kinofilm Pretty Maids All in a Row (alias Sex-Lehrer-Report, 1971), über einen von Rock Hudson gespielten, seine Oberstufenschülerinnen ermordenden Schulpsychologen, den Roddenberry für MGM schrieb und produzierte. Trotz ständiger Konflikte zwischen Roddenberry und dem Regisseur Roger Vadim wirkt der zwischen Holzhammer und feiner Subtilität variierende satirische Sexkrimi auch aus heutiger Sicht noch erfrischend bösartig.

Roddenberrys Versuche, beim Fernsehen wieder Fuß zu fassen, verblieben hingegen weitgehend fruchtlos: Es folgten zwei (schwache) Pilotfilme über eine Organisation namens „PAX“, die in einer von Mutanten beherrschten postapokalyptische Zukunft um Ordnung kämpft (Genesis II, 1973, und Planet Earth, 1974), ein weiterer in der Gegenwart spielender Pilot über einen von der menschlichen Natur faszinierten Androiden und seinen Wissenschaftlerfreund auf der Flucht (The Questor Tapes bzw. Ein Computer wird gejagt, 1975) und ein vierter für eine okkulte Detektivserie (Spectre, 1977).

Die einzige Serie, die Roddenberry in den 1970ern tatsächlich realisieren durfte, war eine extrem billig animierte, aber ordentlich geschriebene Zeichentrickversion von Raumschiff Enterprise für das Kinderprogramm (1973-1974, 24 Folgen), deren Produktion hauptsächlich von Dorothy Fontana geleitet wurde, einer Hauptautorin der Originalserie.

Spin-Offs, Parodien, Conventions

Denn die Originalserie blieb nicht nur populär, sondern ihre Anhängerschaft wuchs trotz der erfolgten Absetzung weiter und Star Trek wurde immer mehr zu einem Phänomen. Es verkauften sich neue Star Trek-Romane und -Comics, bald gab es Star Trek-Conventions (die erste größere war 1972 in New York), in denen die Fans die Drehbuchautoren trafen oder anfangs sogar noch kostenlose Autogramme ihrer Stars ergattern konnten, und selbst die Muppet-Show parodierte ab 1977 Captain Kirks Abenteuer als „Schweine im Weltall“.

Kostümwettbewerb bei einer Star Trek-Convention in in Las Vegas 2014 (© Wikimedia Commons)

Weltweit war in Wiederholungen zu sehen, wie beim Besuch fremder Planeten McCoy sich über Nebendarsteller in roten Pullovern beugte und mit ernster Miene feststellte: „Er ist tot, Jim.“ In der Türkei entstand unter Missachtung sämtlicher Urheberrechte sogar ein Kino-Rip-Off, in der die Besatzung einer nachgebauten Enterprise von der Figur des populären Tagediebs Ömer heimgesucht wird (Turist Ömer Uzay Yolunda, 1973), und nachdem Krieg der Sterne (1977) das Weltraumgenre für das Kino wiederentdeckt hatte, bekamen auch der echte Captain Kirk und seine Mannschaft die Chance zur Eroberung der großen Leinwände. Star Trek – Der Film (1979) galt Kritikern als zu philosophisch, zu langsam, zu lang, und war aber doch so erfolgreich, dass fünf Fortsetzungen folgten (1982-1991), allerdings von nun an ohne Roddenberry als Produzenten und stattdessen unter verstärktem Einfluss der Stars Nimoy und Shatner.

Auf ins 24. Jahrhundert

Roddenberry durfte dafür, nachdem auch Star Trek IV – Zurück in die Gegenwart (1986 unter der Regie von Nimoy) immer noch Massen in die Kinos lockte, eine Neuauflage fürs Fernsehen konzipieren, nun im 24. Jahrhundert spielend, mit einem neuen Raumschiff (nicht nur größer, sondern auch mit Teppichboden ausgelegt) und einer neuen Besatzung mit neuer Figurenkonstellation: Ein älterer, erfahrener Raumschiffskommandant namens Picard (Patrick Stewart), ein jungdynamischer erster Offizier Riker (Jonathan Frakes) und unter anderem ein offenkundig an das Vorbild aus Ein Computer wird gejagt angelehnter Androide Data (Brent Spiner), der sich danach sehnt, Emotionen erfahren zu können, und über den sich somit die erneut Möglichkeit bot, menschliches Verhalten aus einer Außenperspektive zu betrachten, ohne die Figur des Spock zu wiederholen.

Die neue Enterprise-Crew um Captain Jean-Luc Picard (Patrick Sterwart), Commander William T. Riker (Jonathan Frakes) und Lieutenant Commander Geordi La Forge (LeVar Burton) (© Paramount)

Darüber hinaus wurde nun das gesamte Figurenensemble von, variierend nach Staffel, sieben bis neun festen Protagonisten im Rahmen einer moderneren, noch weiter aufgestellten Erzählstruktur genutzt. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten erreichte Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert (sieben Staffeln von 1987-1994, danach vier Kinofilme 1994-2002 – die beiden besseren übrigens unter der Regie von Frakes) eine Popularität, die hinter jener der Originalserie nicht zurückstehen sollte, auch weil es eine ähnliche, oft gesellschaftlich relevante Themenvielfalt zum Gegenstand hatte.

Deep Space Nine und Roddenberrys Tod

Nach dem Tod Roddenberrys 1991 entstand mit Deep Space Nine (1993-1999) ein weiteres Spin-Off, nunmehr spielend auf der titelgebenden Raumstation in der Nähe eines gerade von Jahrzehnten der Fremdherrschaft befreiten Planeten, die nach Entdeckung einer Verbindung zu einem zuvor unbekannten Teil der Galaxis zu einen Handels- wie Konfliktzentrum wird: Statt Wagon Train jetzt also Casablanca im Weltraum.

Deep Space Nine erreichte zwar nicht die Einschaltquoten seiner Vorgänger, wurde aber zum künstlerischen Höhepunkt des Franchise, vor allem unter dem Showrunner Ira Steven Behr, der vermehrt auf episodenübergreifende Handlungsstränge setzte, und teilweise unbequeme, düstere Episoden erlaubte. Das Figurenensemble um den Stationskommandanten (Hobbys: Kochen, Baseball und Leute anschreien) war ambivalenter, und dank großartiger Drehbücher erhielten die Charaktere eine erstaunliche Tiefe, dies sogar bei nur gelegentlich auftretenden Nebenfiguren, wie der von Louise Fletcher verkörperten pharisäerhaften Religionsführerin oder Jeffrey Combs’ stets bestens gelauntem, skrupellosen Schergen, der nach jedem seiner Tode als neuer Klon wiederauferstand.

Von Voyager bis Discovery

Das nächste Franchise-Spin-Off schloss sich mit Voyager (1995-2001) an, danach kamen die Prequelserie Enterprise (2001-2005) und drei Reboot-Kinofilme mit Kirk, Spock und McCoy in neuer, junger Besetzung (2009-2016, spielend in einer alternativen Zeitlinie, um Konflikte mit der Majorität der auf kanonische Stringenz bestehenden Star Trek-Fans zu vermeiden).

Eine erneute Rückkehr zum Fernsehen bzw. für das Streaming erfolgte mit der Serie Discovery (2017-2024, angesiedelt zunächst im 23., dann 32. Jahrhundert), die bei vielen alten Fans als zu „woke“ verhasst war – wobei dieser Vorwurf eigentlich ins Leere ging: Schon die Originalserie war mit ihren Themen und der multikulturellen Besetzung zumindest der Nebenfiguren, darunter einer Schwarzen Frau als Kommunikationsoffizierin auf der Schiffsbrücke, für die USA der 1960er ungewöhnlich progressiv, und so war die gewollte Diversität nicht das Problem von Discovery, sondern waren es mäßige Drehbücher und vor allem ein etwas penetranter Drang, dem Zuschauer ständig vorgeben zu wollen, was er zu empfinden hatte.

Dennoch hatte Discovery dem Franchise neues Leben eingehaucht. Es folgten weiteren Serien, die zunächst wie die animierte Sitcom Lower Decks (2020-2024) oder die Nächstes Jahrhundert-Neuauflage Picard (2020-2023) zwischen Fanservice und moderner Neuinterpretation hin- und herstolperten, aber dann auch Strange New Worlds (seit 2022) oder die überraschend gelungene, im Kinderprogramm versteckte CGI-Trickserie Prodigy (seit 2021), die trotz aller Nostalgie tatsächlich eine eigenständige, frische Vision von Roddenberrys ursprünglicher Idee in die Fernsehzukunft tragen.

Carsten Tritt

Dieser Beitrag stammt aus dem Filmkalender 2026. Auch der Kalender für 2027 enthält Portraits von Filmschaffenden und spannende Textbeiträge.