Die chaotischen Dreharbeiten zu TITANIC (1997)
Filmdrehs laufen bei weitem nicht immer so glamourös oder gar reibungslos ab, wie man sich das vielleicht vorstellen mag. Auch bei den ganz großen Klassikern – von Der weiße Hai bis Apocalypse Now – gab es das eine oder andere Produktionsdesaster: Naturkatastrophen, Unfälle am Set, egomanische Regisseure. Renatus Töpke hat sich die lustigsten und katastrophalsten Filmdesaster angeschaut und berichtet hier über einen der erfolgreichsten Filme aller Zeiten: Titanic (1997).

Der größte Freilufttank der Welt
Für den Filmdreh von Titanic kauft 20th Century Fox für fünf Millionen Dollar mehrere Hektar Land am Ozean in Playas de Rosarito, Mexiko. Hier entstehen für 20 Millionen Dollar die Fox Baja Studios mit dem bis dato größten Freilufttank der Welt. Hier beginnen die Bauten für ein beinahe maßstabsgetreues 230 Meter langes «Titanic»-Modell, auf dem ein Großteil der Außenaufnahmen stattfinden wird.
Nur eine Seite des Schiffes wird gebaut – was einen cleveren Grund hat: «Wir haben nur eine Seite des Schiffes komplett gebaut, aber um die Illusion zu erwecken, dass wir beide Seiten gebaut haben, spiegeln wir das Filmbild», gibt Landau zu. «So entsteht die Illusion, dass wir auf der anderen Seite des Schiffes filmen.» Das bedeutet auch, dass die Aufschrift auf Uniformen oder Schildern spiegelverkehrt sein muss. Angeblich gibt es auch 100 Taschenuhren, deren Zeiger entgegen dem Uhrzeigersinn laufen.

Das Hinterdeck der «Titanic», das sogenannte «Poopdeck», wird noch einmal separat auf einer gigantischen Wippe errichtet und lässt sich um 90 Grad kippen, um im dramatischen Finale die Passagiere – oder besser: die Stuntleute – in den Abgrund stürzen zu lassen.
Angel Dust
Am 31. Juli 1996 beginnt der Dreh zunächst in Dartmouth, Nova Scotia, wo die ersten Aufnahmen auf dem Forschungsschiff «Akademik Mstislav Keldysh» entstehen. Die Produktion hier fällt wetterbedingt von Tag 1 an schon hinter den Zeitplan.
Nach 14 Tagen passiert es dann: Eine bis heute unbekannte Person mischt die Droge PCP, auch Angel Dust genannt, in das Essen. Über 50 Crewmitglieder und Darsteller bekommen Halluzinationen und müssen ins Krankenhaus. Auch Cameron ist betroffen, kann jedoch das Mittel weitestgehend erbrechen. Darsteller Bill Paxton blickt zurück: «Es war der totale Ausnahmezustand. Die Leute tanzten, machten Line Dancing, den Leuten kam der Mist aus der Nase. Jim [James Cameron] hatte ein Auge komplett rot, wie die Terminator-Augen, keine Pupille, keine Iris, einfach rot wie eine Tomate. Das andere Auge sah aus, als hätte er Klebstoff geschnüffelt, seit er vier Jahre alt war.»

© Paramount / 20th Century Fox
Im September 1996 geht es zum Dreh nach Mexiko. Cameron fordert beim Dreh von seinen Leuten alles. Wenn nötig, stößt er mit seinem Kamerakran wie ein Raubvogel auf bestimmte Personen hinab und brüllt sie in Grund und Boden. Camerons Ausraster schüchtern seine junge Hauptdarstellerin Kate Winslet dermaßen ein, dass sie sich, als sie sich den Arm bricht, nicht traut, etwas zu sagen. Paxton kennt Cameron natürlich schon länger: «Es gab viele Leute auf dem Set. Jim ist keiner von denen, die Zeit haben, Herzen und Gemüter zu gewinnen.»
Ein schwimmendes Lazarett
Die langwierigen Dreharbeiten im kalten Wasser sorgen bei den Darstellern für Grippe, Erkältungen und Nierenentzündungen. Auch die Crewmitglieder bleiben nicht verschont. Während des Drehs kommt es immer wieder zu Kündigungen. Das liegt nicht nur an den körperlich fordernden Drehtagen und -nächten, sondern auch an Camerons Verhalten. All das sorgt für reges Interesse seitens der Presse.
Als Artikel über unmenschliche Arbeitsbedingungen, in denen die mexikanischen Arbeiter auf dem Boden schlafen müssen, ihre Kreise ziehen, muss selbst Cameron lachen. Schließlich wird er deutlich: «Bin ich getrieben? Ja, absolut. Außer Kontrolle? Niemals. Sicherheitsmängel? Nicht unter meiner Aufsicht.» Parallel zu den Geschichten hat die Variety eine «Titanic Watch» eingerichtet, in der täglich über Setkatastrophen und Budget-Überschreitungen berichtet wird.
Renatus Töpke
Lesen Sie weiter im Buch The Shark Is Not Working. Die Größten Desaster der Filmgeschichte.

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