Der Blog des Schüren Verlags über Kino, Medien, Filme und was sonst so betrachtet werden kann

Kategorie: Filmgeschichte (Seite 1 von 3)

Schauen Sie genau hin!

Christopher Nolan (* 30.7. 1970)
und sein Einfluss auf das Kino

Are you watching closely?“ – mit dieser an die Zuschauer*innen gerichteten Frage endet Christopher Nolans Prestige – Die Meister der Magie (2006). Es geht um zwei rivalisierende Magier im ausgehenden 19. Jahrhundert, die einander ein Leben lang übertrumpfen und die Tricks des anderen entlarven wollen, bis beide daran zugrunde gehen und alles verlieren. Zahlreiche falsche Fährten führen sowohl die Zauberer als auch das Publikum mehrfach in die Irre. Der Rat, ganz genau hinzusehen, empfiehlt sich aber für alle von Nolans Filmen, der selbst einer der großen Kinomagier des zeitgenössischen Films ist.

Christopher Nolan, Man of Steel European Film Premiere, Leicester Square London UK, 12 June 2013, (Photo by Richard Goldschmidt)

Christopher Nolan wird am 3. Juli 1970 als Sohn einer US-Amerikanerin und eines Briten in London geboren. Schon früh experimentiert er mit der Super-8-Kamera seines Vaters, ab 1977 verengt sich sein kindliches Sujet auf das Weltall. Grund ist mit Star Wars das erste prägende Kinoereignis, an das er sich erinnert. Als Nolan 12 Jahre alt ist, reift in ihm die Idee, Regisseur zu werden. Er bewundert Alien (1979) ebenso wie Blade Runner (1982) und erkennt, dass die Handschrift von Regisseur Ridley Scott auch in zwei so unterschiedlichen Filmen erkennbar ist. Seine Eltern unterstützen ihn in seinem Wunsch – auch als er die teure Super-8-Kamera kaputt macht. Wie konkret und realistisch seine Einschätzung des Filmemachens ist, zeigt sich in der frühen Erkenntnis: Niemand gibt einem unbekannten Filmemacher ein fertiges Drehbuch. Fortan verfasst er selbst Drehbücher, um eigene Geschichten in petto zu haben. Er findet Gefallen daran, ebenso wie sein jüngerer Bruder Jonathan, mit dem er bis heute an fünf Filmen zusammengearbeitet hat.

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Unstillbare Sehnsucht

Claude Sautet 23. Februar 1924 – 22. Juli 2000

„Mich interessiert das Banale“, sagte Claude Sautet einmal und meinte damit das Gegenteil vom Seichten und Trivialen. In den 14 Filmen, die er in 40 Jahren als Regisseur gedreht hat, ging es ihm zumeist um die Verwirrung der Gefühle seiner Protagonisten und die kleinen und großen Zwischenfälle, die sie aus der Bahn warfen. Das Banale – es manifestierte sich schon in den Titeln von zwei seiner bekanntesten Arbeiten: DIE DINGE DES LEBENS (1970) und EINE EINFACHE GESCHICHTE (1978). Wie kaum ein anderer analysierte und porträtierte er die französische Gesellschaft, nicht bitter und ätzend, sondern mit leichtem Strich und einer großen Sympathie für seine Figuren, auch und gerade für die gestrandeten und gescheiterten. Vor allem die Bourgoisie ist das soziale Kraftfeld seiner Filme, der saturierte Mittelstand ohne materielle Sorgen, damit mit umso größeren emotionalen Defiziten. Häufig sind es die Männer, die in eine Krise geraten, durch einen Unfall oder – wie in den meisten Fällen – durch eine Frau. Eine Krise, „vor welcher, während welcher und nach welcher alle Sicherheiten zu wanken beginnen und die Verletzlichkeit meiner Figuren bloßgelegt werden.“ (Sautet)

Claude Sautet

Claude Sautet ist mit dem Namen der berühmtesten Schauspieler des französischen Kinos von den 70er bis weit in die 90er Jahre verbunden: Michel Piccoli, Ives Montand, Gérard Depardieu, Jacques Dutronc, Daniel Auteuil, Emmanuelle Béart und natürlich Romy Schneider. Sie spielte in fünf seiner Filme mit. Erstmals in DIE DINGE MEINES LEBENS, einem psychologisch sensibel erzähltem Liebesdrama an der Seite von Piccoli, gleich darauf in der gleichen Personalkonstellation in DAS MÄDCHEN UND DER KOMMISSAR (1971). Darin prallen eine Prostituierte und ein vom Ehrgeiz zerfressener Ermittler aufeinander, der mit ihrer Hilfe eine Gaunergruppe aufliegen lassen will, und liefern sich einen dramatischen abgründigen Showdown – eine der vielleicht herausragendsten Darstellungen von Romy Schneider und einer der vielleicht besten Filme Sautets überhaupt. Es folgten in den nächsten Jahren CÉSAR UND ROSALIE (1972), VINCENT, François, PAUL UND DIE ANDEREN (1974), MADO (1976) und EINE EINFACHE GESCHICHTE: Eine Frau, gespielt von Romy Schneider, hat ein Kind aus einer früheren Verbindung abgetrieben, kehrt zu ihrem Ex-Mann zurück, der sich in einer neuen Beziehung befindet, und wird von ihm schwanger. Eine einfache Geschichte, die in Sautets brillanter Inszenierung zu einem Krisenpsychogramm von Menschen in der Mitte ihres Lebens wird. EINE EINFACHE GESCHICHTE erhielt dafür eine Oscar-Nominierung in der Kategorie bester fremdsprachiger Film.

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Clint Eastwood *31. Mai 1930

Clint Eastwood hatte bereits Cowboy-Erfahrung vor der Kamera, vor allem als Rowdy Yates in der Serie Rawhide, doch erst mit seiner endgültigen Durchbruchrolle in Für eine Handvoll Dollar (1964) drückte er diesem Typus seinen Stempel auf. Denn da Sergio Leones Werk den Italowestern aus der Taufe hob und dieser wiederum den amerikanischen Spätwestern beeinflusste, wurde auch der Protagonist, der von Eastwood verkörperte Mann ohne Name, zum Archetyp. Schon in dieser Rolle des wortkargen, knallharten Einzelgängers steckt viel von seinem Starimage, aber auch seinem Schauspielstil. Eastwood ist einer der großen Minimalisten des Kinos, bei dem eine einzelne Gesichtszuckung manchmal mehr Aussagekraft hat als ganze Monologe anderer Kollegen.

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Chronik einer Sehnsucht

Edgar Reitz über eine ANDERE HEIMAT in Brasilien

Die Heimat-Trilogie, deren erster Teil als Fernsehserie vor beinahe 40 Jahren lief, hat eine ganze Generation bewegt. In seinem neuen Kinofilm Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht zeigt uns Edgar Reitz die Vorfahren der Familie Simon in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Armut und Unfreiheit viele Menschen zur Auswanderung trieben. In den Hunsrückdörfern war vor allem die Auswanderung nach Brasilien populär.

Vor dem Hintergrund dieser historischen Tatsache entfaltet sich eine bewegende Geschichte von großer Poesie, die sicher auch deswegen so berührt, weil Edgar Reitz das fiktive Dorf Schabbach mit größtmöglicher Sorgfalt und Präzision zum Leben erweckt hat. Im Folgenden geben wir einen gekürzten Auszug aus dem begleitenden persönlichen Filmbuch wieder, in dem der Regisseur schildert, wie das nüchterne Thema «Auswanderung» ihn zu seinem Film motiviert hat.

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Heimat – eine deutsche Chronik

Edgar Reitz’ Meisterwerk in digitaler Qualität neu zu sehen

Als die 11-teilige Serie Heimat – Eine deutsche Chronik 1984 erstmals im Fernsehen gezeigt wurde, wurde sie sofort als unerhörtes Fernsehereignis wahrgenommen und gehört heute zu den Meilensteinen deutscher Filmgeschichte. Viele Menschen erinnern sich, dass sie gebannt vor dem Fernseher saßen, weil es so etwas im deutschen Fernsehen noch nicht zu sehen gegeben hatte. Der Spiegel fasste damals dieses Empfinden in Worte: «Was der Heimat-Unternehmung von Edgar Reitz ihre ganz eigene Kraft gibt, ist die persönliche Nähe: die Leidenschaft und Unbedingtheit, mit der Reitz sich in das eigene Eckchen Heimat verbissen hat. Gerade weil er nur auf seinen Hunsrück geschaut und keinen Moment auf Wirkung in der größeren Welt geschielt hat, ist sein Schabbach beispielhaft geraten, wirklich Mitte der Welt geworden, und die mächtige Zustimmung, die sein Werk nun von Folge zu Folge findet, macht es zu einem Stückchen deutscher Fernsehgeschichte.» (Nr. 40, 1984)

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Deutsche Träume vom Norden

Darstellungen Skandinaviens in Literatur und Film der Gegenwart

Wenn man sich in der deutschen medialen Öffentlichkeit umschaut, fällt deutlich die starke Präsenz von Skandinavienbildern in Film und Fernsehen sowie in Literatur und Presse auf. Hierzulande erfreuten sich nicht nur die inzwischen international beliebten Skandinavien-Krimis früher Beliebtheit, Nordic Noir-Serien und andere skandinavische TV-Produktionen entstehen zudem heute häufig mit deutscher Beteiligung. Darüber hinaus lässt sich das auffallend große Interesse an den nordischen Ländern an der Vielzahl der Skandinaviendarstellungen aus deutscher Perspektive ablesen.

Im Rahmen dieser Gruppe der Heteroimages vom Norden stechen im Bereich des deutschen Unterhaltungsfernsehens besonders zwei Fernsehreihen hervor: Inga Lindström und Liebe am Fjord spielen an pittoresken schwedischen und norwegischen Schauplätzen, wo sich allerlei Liebeshandlungen, Verwirrungen und Intrigen mit garantiertem Happy End entspinnen. Wie nicht nur diese Serien beweisen, verbinden die deutschen Zuschauer – anders als etwa das britische Publikum – Skandinavien nicht ausschließlich mit Vorstellungen brutaler Kriminalfälle oder Visionen einer gewalttätigen, von Wikingern beherrschten Vorzeit. Vielmehr stützen sich deutsche Imaginationen des europäischen Nordens bevorzugt einerseits auf idyllisch-nostalgische Visionen vertrauter Kindheitsparadiese – schließlich entstanden auch die Pippi-Langstrumpf-Verfilmungen einst als deutsche Koproduktionen. Zum anderen erscheint Skandinavien mit seiner weitläufigen Natur trotz des kühlen Klimas als perfekte Reise- und Urlaubsregion, wie sie schon vor fast hundert Jahren Kurt Tucholskys mehrfach verfilmter Bestseller Schloss Gripsholm in leicht humoristischer Brechung präsentierte und wie sie in realiter und ganz ironiefrei nicht zuletzt von Kaiser Wilhelm II. geschätzt wurde.

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Rundum-Kino

Panoramen, Planetarien und Kuppelkinos

Bewegte Bilder können nicht nur plan auf einer Kinoleinwand oder einem Bildschirm gezeigt werden. 3D-Filme, die die Illusion der Räumlichkeit steigern sollen, hat wohl jeder schon mal gesehen. Aber seit den Anfängen des Kinos haben Tüftler auch andere Möglichkeiten der Illusionssteigerung ausprobiert, etwa mehrere Leinwände nebeneinander oder gar 360°-Projektionen.

Werfen wir mit der Filmhistorikerin Maren Kießling einen Blick zurück in die Geschichte der Kinoillusion.

Panoramen

Zylindrische Panoramen mit gemalten oder fotografischen Abbildungen gab es bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts, und diese waren ein Publikumsliebling. Durch einen dunklen Gang gelangte man über eine spiralförmige Treppe auf die runde Aussichtsplattform in der Mitte der Rotunde. Dort offenbarten sich dem Publikum Landschaftsszenen von fernen Orten, Stadtan- und übersichten oder Kriegsschlachten im 360°-Rundumblick. Bei den sogenannten ‹moving panoramas› wurden vor den Augen des Publikums auf riesigen Leinwänden gemalte Landschaften vorbeigezogen, was den Eindruck von Bewegung vermittelte. Zur Pariser Weltausstellung 1900 überraschte etwa Raoul Grimoin-Sanson sein Publikum mit seinem von Jules Verne inspirierten «Panorama der Vollimmersion». Er lud das Publikum mit seinem Cinéorama in ein 360°-Bewegtbild-Panorama ein – eine dekagonförmige Halle (mit einem Durchmesser von 30 Metern) ganz in der Nähe des Eiffelturms. Die Zuschauerplattform war getarnt als riesige Gondel mit angedeutetem Ballon darüber. Unter der Plattform verbarg sich die Projektionskonstruktion mit zehn Filmprojektoren.

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Daniel Auteuil * 24.1. 1950

Französisches Kino ohne Daniel Auteuil? Denkbar, aber sinnlos. Wie kaum ein Zweiter verkörpert Auteuil das Selbstverständnis einer Nation, wie sie sich gern selbst sieht.

Dabei war es eigentlich ganz anders geplant. Das Theater sollte es sein. Nach drei Absagen vom Pariser Konservatorium, der prestigeträchtigsten Schauspielschule des Landes, fiel der Groschen, dass sein Talent und seine verschmitzt-linkische Attraktivität auf der großen Leinwand eher gefragt seien. Wem galt es zu diesem Zeitpunkt noch etwas zu beweisen? Schließlich stand er schon seit dem vierten Lebensjahr auf den Theaterbühnen. Zeit für neue Herausforderungen. Statt, mit dem Ritterschlag der Akademie versehen, den Lebensabend auf den Bühnen zu verbringen, erklomm der Geschmähte mit unermüdlichem Eifer langsam doch stetig die Sprossen der Erfolgsleiter.

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Conrad Veidt

geb. 22.1.1893 / gest. 3.4.1943

Er war noch nicht einmal fünfzig, als sein Herz versagte; er hatte immer zu viel von ihm verlangt. Stummfilmstar, absolut und kategorisch wie vielleicht außer ihm nur noch Asta Nielsen, hatte er mit dem Tonfilm nicht nur fürs Kino zu sprechen lernen müssen, er musste es auch gleich in einer fremden Sprache lernen. Als abzusehen war, wie weit es die Nazis in Deutschland treiben würden, zog es ihn nach England und dann nach Amerika. Dort war Conrad Veidt schon einmal für zwei Jahre und vier Filme gewesen, 1927 bis 1929. Geblieben war er nicht, weil er in Hollywood nur doppelt war, was er einfach auch in Babelsberg und in allen seinen Filmen war: ein Fremder.
Geboren als Sohn eines preußischen Feldwebels, kommt der Medizinstudent (andere Quellen lassen ihn schon auf dem Gymnasium scheitern) eher zufällig mit dem Theater und Max Reinhardt in Berührung, der sein Talent entdeckt und fördert. Erste Filme heißen (seit 1916) Der Spion, Wenn Tote sprechen oder Das Tagebuch einer Verlorenen, wovon es zwei Folgen gibt, ebenso wie von Prostitution. Und schon steckt dieser Conrad Veidt fest im Rollenfach des zwielichtigen Verführers: bleich-gesichtig und hager, groß gewachsen und mit un- (oder über-)natürlich großen, weit auseinander stehenden und stechenden Augen. In denen scheinen Laster und Perversion zu brennen, Morbidität und unkontrollierbare Leidenschaft. Und, allerdings, als Versprechen einer Lust, von der sich die bürgerliche Moral (und deren Kino) nur in den allerkühnsten Träumen etwas träumen lässt.
Es ist vor allem Friedrich Wilhelm Murnau, der diesen ambivalenten und doppelgesichtigen Conrad Veidt differenzierter zu sehen scheint, in Satanas oder Der Gang in die Nacht und vor allem Der Januskopf. Dass diese Filme Murnaus als nicht erhalten gelten müssen, gehört zur besonderen, in diesem Fall geradezu diabolischen Ironie der Filmgeschichte. So nämlich hatten sie und Murnau keine Chance, das Bildnis des Conrad Veidt nachhaltig und für die Nachwelt zu prägen.

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Tschechische Filmklassiker

Mit Limonaden-Joe auf dem Feuerwehrball

Fast jeder von uns kennt Drei Nüsse für Aschenbrödel, den herzerwärmenden Weihnachtsklassiker, viele auch Pan Tau oder Das Krankenhaus am Rande der Stadt (die Mutter aller Arztserien): Tschechoslowakische Film- und Fernsehproduktionen haben schon in den 70er Jahren Menschen begeistert. Doch das tschechische und slowakische Kino hat noch sehr viel mehr zu bieten.

Klassiker des tschechischen und slowakischen Films heißt das Buch, das 25 Filmklassiker vorstellt und zum Wiedersehen einlädt. Wir zitieren stellvertretend aus 3 Filmanalysen dieser Sammlung.

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