Regisseur und Drehbuchautor *17. Juni 1936
You can’t say Ken Loach without Klassenkampf. Und es grenzt an ein mittleres Wunder, dass zu Zeiten von Ken Loach auch ein gewisser Mike Leigh Filme machen sollte, aber dieser Text handelt von Ken Loach, beim Thema Klassenkampf vergaß ich dies kurz.

Wir befinden uns in Plattenbauten, Sozialämtern, Streikposten und Bars, die für geflüchtete Menschen Nahrung anbieten, also auch einem Teil des Vereinigten Königreiches, welches selbiges eher wie einen Anker am Schiff lästig mitschleift, als diesen mit an Bord zu holen. Ken Loach widersprach mit Beginn seiner filmischen Karriere diesem Bild und zeigt mit seinen Filmen das, was das Königreich als abject, vom lateinischen „abiectus“, ausstößt. Es geht um Marginalisierte und Ausgebeutete, es ist kein Kino der Dekoration vom Selbst, sondern der Handfläche zur Faust geformten Gegenwehr.
Schauplätze abseits des Glamours
1969 geht es los mit Kes (1969), einem Film über Arbeiterkinder und eine alleinerziehende Mutter, die mit den Vorstellungen von Recht und Ordnung des englischen Schulsystems anecken. Und dabei, wie in allen Loach-Filmen, wird die gesellschaftliche Unterschicht nicht verlacht, ausgeschlachtet oder voyeuristisch mit Humor beladen, sondern auf Augenhöhe gesehen, die Kamera viel eher dokumentarisch nachzeichnend als führend, es geht um eine andere Sprache und eine Dekonstruktion der Sehgewohnheiten. Folglich möchte Loach keine Held:innen zeigen, sondern Menschen, entrückt von der Bewertung einzelner, um diese auf ein Podest zu heben, denn der Mensch ist und bleibt schließlich Mensch, oder?
Direkte Beispiele dafür sind etwa Riff-Raff (1991), Ladybird Ladybird (1994), My Name is Joe (1998) und sogar sein aktuellster (und wohl letzter) Film The Old Oak (2023). Es sind Menschen, die in sozialen Ausnahmezuständen leben, durch das System der Bürokratie fallen und von ebenjenem System entmenschlicht werden. In The Old Oak etwa stellt sich der Besitzer einer Bar gegen Stammgäst:innen und die lokale Gemeinschaft, als er eine Volksküche für Geflüchtete und Menschen ohne Einkommen errichtet. Wie in allen Loach-Filmen geht es um Menschen und Menschenwürde, was sie vereint und auch voneinander trennt, immer mit der hoffnungsvollen Intention, dass der Versuch mehr wert ist als die unmittelbare Absage.
Britisches Kino mit globaler Relevanz
Klassenverhältnisse wabern durch seine gesamte Filmografie und so thematisiert er den irischen Freiheitskampf in The Wind That Shakes the Barley (2006) ebenso stilsicher wie zehn Jahre später die menschenunwürdigen Verhältnisse, mit denen die Titelfigur in Ich, Daniel Blake vom faschistoiden Verwaltungsapparat nahezu ausradiert werden soll. Und, dieser eine Verweis auf die Maschinerie sei an dieser Stelle gemacht, für beide Filme gewann Loach die Palme d’Or in Cannes.

THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY (2006) © Neue Visionen
Loachs Filme geben der unteren Klasse eine Fläche, sind durch und durch britisch, soll heißen, sie thematisieren sämtliche Grässlichkeiten des National Health Service, Streitereien zwischen Tories und Labor Party und bleiben dabei dennoch anschlussfähig für (andere) Kulturen. Die Ästhetik seiner Filme ist nahezu unverblümt, kaum bis gar keine Musik und dafür eine große Ladung Dialog.
Hinter beziehungsweise neben der Kamera ist Loach (natürlich) politisch aktiv und zeigte jüngst auch Solidarität mit Palästina. Und so ist sein Kino auch immer ein didaktisches, keines, das in letzter Instanz auf die eine tolle Einstellung oder Leistung der Darsteller:innen eingeht (im Übrigen verwendet Loach häufig Laiendarsteller:innen), sondern viel eher vom Publikum einfordert am Ende des Films zu sagen: „Not like this, not with us!“
Jonas Neldner
Dieser Beitrag stammt aus dem Filmkalender 2026. Auch der Kalender für 2027 enthält Portraits von Filmschaffenden und spannende Textbeiträge.


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