Drehbuchautor, Filmregisseur und Filmproduzent Billy Wilder schuf Klassiker, die auch heute noch glänzen. Heute wäre er 120 Jahre alt geworden.
Ende der 1930er saß Ernst Lubitsch, damals der erfolgreichste Filmemacher in Hollywood, einem jungen Drehbuchautor gegenüber, der verzweifelt Arbeit suchte. Lubitsch wollte eine romantische Komödie drehen und fragte nach originellen Ideen. Der junge Autor beschrieb eine Szene im Kaufhaus: Ein Mann will eine Pyjama-Hose kaufen. Der Verkäufer sagt, dass Hose und Oberteil nur gemeinsam verkauft werden. Der Mann braucht aber das Oberteil nicht, und er hat nicht genug Geld für beides. Da kommt eine Frau hinzu und sagt, dass sie sich zusammentun sollten: Sie braucht nur das Oberteil. Lubitsch lachte. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und einer beispiellosen Hollywood-Karriere. Der Junge Drehbuchautor: Billy Wilder.

MANCHE MÖGEN’S HEISS (1959) © MGM / 20th Century Fox
Samuel „Billy“ Wilder war im heutigen Polen geboren und in Österreich aufgewachsen, bevor er als junger Mann in Berlin in die Filmbranche kam – und als Jude nach ersten Erfolgen gleich vor den Nazis fliehen musste. Nach Stationen in Frankreich und Mexiko, wo er verzweifelt auf ein US-Visum wartete, hatte er es endlich nach Los Angeles geschafft. Nach diesem Kennenlernen schrieb Wilder einige legendäre Filme für Lubitsch, wurde selbst Regisseur und Produzent und gilt heute als einer der besten Filmemacher aller Zeiten. Seinen Mentor hat er nie vergessen: In Wilders Büro hing immer ein Schild: „What Would Lubitsch Do?“
„Du sollst dein Publikum nicht langweilen“
Wilder brachte nicht nur drollige Ideen mit nach Amerika, sondern auch eine europäische Weltsicht. Und in den 30ern und 40ern hieß das vor allem: einen klaren Blick auf die Abgründe der Menschheit. In einem Hollywood der Helden-Western, Tanzmusicals und High-Society-Komödien drehte er Geschichten über Alkoholismus, Armut, Ehebruch und Mord – und er machte sie unterhaltsam und erfolgreich.
„Ich habe zehn Gebote fürs Filmemachen“, scherzte er einmal. „Die ersten neun lauten: Du sollst dein Publikum nicht langweilen.“ Seine Vielseitigkeit dabei war erstaunlich: Egal ob Screwballkomödien wie Manche mögen‘s heiß (1959), Film Noirs wie Frau ohne Gewissen (1944), Gerichts-Thriller wie Zeugin der Anklage (1957), Drogendramen wie Das verlorene Wochenende (1945) oder Showbiz-Satiren wie Sunset Boulevard (1950) – in Wilders Händen wurde alles zum Klassiker. Seine langen Einstellungen waren elegant, seine Dialoge perfekt pointiert und seine Drehbücher spielten virtuos mit komplexen Themen.

DAS APPARTEMENT (1960) © MGM / United Artists / 20th Century Fox
Die Komik in der Tragödie
Vor allem seine Komödien zeigten Wilders Talent, selbst den dunkelsten Seiten des Lebens noch eine warme Komik abzugewinnen: Manche mögen‘s heiß beginnt mit einem berüchtigten Mafia-Massaker, das die Protagonisten zwingt, in Frauenkleidern aus der Stadt zu fliehen. Das Appartement (1960) dreht sich um Ehebruch und einen Selbstmordversuch, bevor es in der romantischen Komödie endet. Kein Wunder, dass Wilder, obwohl seine ganze Familie im Holocaust ermordet wurde, nach dem Krieg auch in Deutschland und Europa drehte. Er konnte selbst über diese Situation lachen – das Publikum damals noch nicht.
Sein ebenso komischer wie anrührender Trümmerfilm Eine auswärtige Affäre (1948) gibt Marlene Dietrich als ehemaliger Nazi-Konkubine und nun G.I.-Geliebter ein paar der treffendsten Monologe der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und seine urkomische Kalter-Krieg-Satire Eins, zwei, drei (1961) zieht im geteilten Berlin Deutsche ebenso wie Amis und Russen durch den Kakao. Nicht nur sind seine Filme deutlich besser gealtert als die mancher Zeitgenossen, einige seiner vergessenen Alterswerke, wie die leichtfüßige Ferienkomödie Avanti, Avanti! (1972), werden gerade erst wiederentdeckt. Er hat aus tragischer Realität aufregende, elegante und liebevolle Filme gemacht – und vor allem hat er sein Publikum nie gelangweilt.
Daniel Bickermann
Dieser Beitrag stammt aus dem Filmkalender 2026. Auch der Kalender für 2027 enthält Portraits von Filmschaffenden und spannende Textbeiträge.


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