Der Blog des Schüren Verlags über Kino, Medien, Filme und was sonst so betrachtet werden kann

Schlagwort: Film

Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger

Ein Auszug aus Thomas Koebners Die Erfindung des Abenteuers über den 2001 erschienenen Roman von Yann Martel

Die Vorgeschichte nimmt ein Drittel des Buchumfangs ein. Dann erst beginnt das wahre Abenteuer für Piscine Molitor Patel, kurz Pi Patel. Er wächst in Pondicherry auf, an der Ostseite des indischen Subkontinents. Sein Vater betreibt einen Zoo, Pi ist bald mit vielen Tieren vertraut. Zudem beschäftigt die Religion den jungen Mann: der Hinduismus, das Christentum und auch noch der Islam, alles auf einmal. Er scheint von Gottes Offenbarungen nicht genug zu kriegen. So subtil die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Glaubensordnungen ausfällt, die sich nur bei Pi nicht gegenseitig ausschließen, der Disput der Konfessionen verliert abrupt an Bedeutung im Hauptteil der Erzählung.

In Ang Lees Verfilmung (USA 2012) verkörpert Suraj Sharma Pi (Bild © Sony)
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Das mechanische Theater – Gustaf Gründgens und der Film

Ein Auszug aus dem Buch Gustaf Gründgens. Filmische Arbeiten 1930-1960 von Kristina Höch

Der 1917 seinen Kriegsdienst absolvierende Gustaf Gründgens, geboren am 22.12.1899 als Gustav Arnold Heinrich Gründgens in Düsseldorf-Oberkassel, bekam ein Armeeverordnungsblatt in die Hände, in dem das Fronttheater Erwähnung fand, was ihn dazu animierte, sich dort mit erfundener Bühnenerfahrung zu bewerben. So kam es, dass er am 2.10.1918 zum ersten Mal im Stück Jugendfreunde auf einer Theaterbühne stand. Die Grundsteinlegung für die Schauspielkarriere war erfolgt.

Gustaf Gründgens schaut kalt und herablassend (schwarzweiß-Bild)
Gustaf Gründgens in ‹So endete eine Liebe› (D 1934, Regie: Karl Hartl)
© Beta Film / DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum e.V., Frankfurt / KINEOS Sammlung
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DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT – einer der besten Filme des Jahres 2022

Leicht erzähltes, tiefgründiges Drama um die Selbstfindung einer jungen Frau mit großer Sensibilität für die gegenwärtigen gesellschaftlichen Umbrüche

Es ist Sommer in Oslo, der Tag neigt sich seinem Ende zu. Goldenes Licht schwebt über der Stadt, die sich dem Blick einer jungen Frau (Renate Reinsve) wie ein Panorama unendlicher Möglichkeiten öffnet. Rauchend steht sie in einem zarten schwarzen Abendkleid auf einer Anhöhe, hat für einen Augenblick das laute Treiben einer Feier in der hinter ihr liegenden Villa verlassen, um kurz ganz bei sich zu sein. Statt einer Handtasche trägt sie nur ihr Smartphone bei sich. Der auftauchende Reflexionsraum verschließt sich schon wenige Augenblicke später, als ihre Aufmerksamkeit ganz automatisch zurück zum Bildschirm wandert. Dabei ist dieser Moment ein Wendepunkt in Julies Leben. Wie sich herausstellen wird, markiert er eine Zäsur mit weitreichenden Folgen.

Renate Reinsve als Julie in DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT
(‹Verdens verste menneske›, © Oslo Pictures / Plaion)
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Aufstieg, Fall und Comeback des phantastischen Kinos

Sassan Niasseri über die Fantasy- und Sci-Fi-Filme, die seine Kindheit prägten

Meine Kindheit endete nicht mit dem ersten Kuss. Sie endete viel früher, mit 10 Jahren. Schuld daran war Chuck Norris.

Jeder, der in den 1980er-Jahren wissen wollte, was in den kommenden zwölf Monaten in die Kinos kommt, griff zum «Film-Jahrbuch» der Zeitschrift «Cinema». Das «Film-Jahrbuch» war meine Bibel. Sie war auch meine Kindheit. Die Umschläge dieser jährlich erschienenen Kompendien setzten sich aus verschiedenen Filmbildern zusammen. Und in den Jahren 1981 bis 1985 war meine Welt noch in Ordnung, war die Kinowelt noch in Ordnung, war meine Kindheit noch in Ordnung – weil die «Cinema»-Fotos, eine strenge Auswahl anstehender Highlights, mir bewiesen, dass es nicht Wichtigeres im Kino gibt als Fantasy-und Sci-Fi-Filme. Am wichtigsten war das Foto in der Mitte. 1981 prangte Superman auf dem Cover. 1982 Conan der Barbar. 1983 E.T. 1984 duellierten sich Luke Skywalker und Darth Vader mit ihren Lichtschwertern. 1985 gab’s das Supergirl, ein schlimmer Streifen, aber das konnte man ja nicht wissen, die Jahrbücher waren keine Bilanzen, sie waren Vorschauen auf die nächsten zwölf Monate. Heute erfahren wir nicht erst zwölf Monate, sondern schon zwei Jahre vorher, dass die Dreharbeiten zu einem neuen Dune beginnen, der dann wiederum erst vier Jahre später ins Kino kommen würde. Aber damals gab es kein Internet. Es gab nur die dicken Wälzer von «Cinema» . Und deren Redakteure fuhren mehr oder weniger auf Sicht.

Und dann kam Chuck Norris. Für 1986 erhielt nicht eine Fantasy-Figur, sondern der ehemalige Martial-Arts-Star den prominenten Platz auf dem größten Foto des Jahrbuchs. Aufgeknöpftes Jeans-Hemd, eine Uzi links, eine Uzi rechts, es könnte sein Auftritt in Delta Force gewesen sein. Ich fand es faul, mit Norris aufzumachen. Das war Action, nicht Fantasy. Mir dämmerte da was. Ich konnte es nicht in Worte fassen, heute würde ich mit viel Pathos sagen: «Die Ära der Fantasy-Filme neigte sich dem Ende zu». Und die «Cinema» hatte darauf reagiert, mit Chuck Norris. Das war nicht mehr mein Kino. Ich war erledigt, mit zehn Jahren schon.

Der Anfang vom Ende: Chuck Norris in Delta Force, 1986 (© Yoni S. Hamenahem)
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