Im Londoner Old Bailey beruft sich ein Angeklagter auf Visionen des Schauspielers Lon Chaney – und macht einen Kriminalfall zu einem ungewöhnlichen Kapitel der Filmgeschichte.

London 10. Januar 1929: An diesem Tag steht der Angeklagte Robert Williams wegen Mordes vor Gericht. Der 28-Jährige arbeitslose Zimmermann hatte am 23. Oktober des Vorjahres die Hausangestellte Julia Mangan getötet. Es besteht kein Zweifel an seiner Schuld, dennoch weist Williams die Verantwortung von sich und stellt eine groteske Behauptung auf, die diesen Fall weit über seine Zeit hinaus populär machen wird: Kurz bevor er der jungen Frau im Hyde Park mit einem Rasiermesser die Kehle durchschneidet, sieht Williams laut eigener Aussage in einer Vision «einen Mann an der Ecke, der Grimassen schnitt. Er drohte mir und schrie mich an, dass er mich da hätte, wo er mich haben wollte!» Dieser Mann ist für kaum jemanden im Gerichtssaal ein Unbekannter, im Gegenteil: Der Mann ist weltberühmt – es ist der Hollywoodstar Lon Chaney.

Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits eine Leinwandlegende und kaum ist sein Name im Gerichtssaal ausgesprochen, schenkt die internationale Presse dem Prozess ihre Aufmerksamkeit. «Mörder von Chaney heimgesucht; erzählt Londoner Gericht, dass Vision des Schauspielers während seines Anfalls ihn in Angst und Schrecken versetzt hat», so lautet am nächsten Tag die Schlagzeile der New York Times.

Wie Williams behauptet, trug der imaginäre Chaney das Vampirkostüm aus seinem 1927 veröffentlichten Film London After Midnight. Williams Verteidiger Humphreys bekräftigt die Aussage seines Mandanten, indem er betont, der Anblick von Lon Chaneys Maske in diesem Film habe seinen Mandanten derart traumatisiert, dass es zu einem anfallartigen Auftreten von Wahnsinn gekommen sei und in Folge dessen zur Bluttat. «Ich weiß nicht, ob jemand von Ihnen Lon Chaney gesehen hat», sagt Humphreys. «Aber falls Sie ihn in […] London After Midnight gesehen haben oder jemals sein Bild in der Werbung erblickt haben, dann mögen Sie zustimmen, dass das genug ist, um jedermann in Angst und Schrecken zu versetzen.»

Lon Chaney, Marceline Day und Edna Tichenor in LONDON AFTER MIDNIGHT
(1927, kolorierte Lobby-Card) © MGM

Was nach einer abwegigen Ausrede klingt und mit Sicherheit auch ist, bewahrt den Beschuldigten Williams dennoch vor dem Galgen. Die Geschworenen des Krongerichts im Londoner Old Bailey kommen im ersten Prozess zu keinem einstimmigen Urteil. Erst bei dem Wiederaufnahmeverfahren wird Robert Williams dann des Mordes schuldig gesprochen und erhält die Todesstrafe, letztlich verbringt er aber den Rest seines Lebens in der Psychiatrie. Offenbar schenken sowohl die Geschworenen wie auch die Richter seiner fantastischen Verteidigungsstrategie einen gewissen Glauben.

Der Mordprozess und Williams schräge Behauptung sind seither eine Randnotiz in der geheimnisumwitterten Vita von Lon Chaney, dem Mann mit den Tausend Gesichtern. Doch hinter dem gruseligen Image verbirgt sich ein Mensch, dessen Ziel es ist, die moderne Gesellschaft ein Stück weit zu verbessern…

Sabine Schwientek

Lesen Sie weiter im Buch Lon Chaney – Das Phantom von Hollywood