Schauspielerin *16. April 1996

Zu Beginn von M. Night Shyamalans Psychothriller Split (2016) werden drei Mädchen von einem Mann mit multipler Persönlichkeit entführt. Als würdige Gegenspielerin erweist sich allerdings nicht die populäre Schulkönigin Claire, sondern die stille, pragmatische Außenseiterin Casey. Sie gibt einer Mitgefangenen den Rat, sich einzupinkeln, damit der Psychopath von ihr ablässt, sie spielt die verschiedenen Persönlichkeiten des Entführers gegeneinander aus. Mit der Rolle der Casey und ihrem Durchbruchsfilm The Witch (2015) etabliert sich Anya Taylor-Joy schon in jungen Jahren als Star.

Anya Taylor-Joy in THE MENU (2022) © Walt Disney / 20th Century Fox

Sie kommt 1996 während eines Miami-Urlaubs ihrer Eltern auf die Welt und erhält durch diesen Zufall die amerikanische Staatsbürgerschaft. Die junge Anya wächst in Buenos Aires und London auf, wodurch sie sowohl Englisch als auch Spanisch fließend spricht.

Als jüngstes von sechs Kindern ist es ihre Aufgabe, bei gemeinsamen Filmabenden mit der Familie die Laserdics umzudrehen, wenn dies in der Filmmitte nötig ist. Sie ist begeistert von Jumanji (1995), aber auch von Thelma & Louise (1991), den sie ihrer eigenen Aussage nach in viel zu jungem Alter sieht. In der Schule ist sie stets eine Außenseiterin: Zu englisch in Argentinien, zu argentinisch in England, weshalb Mitschüler sie auch mal im Spind einschließen. Vielleicht ist diese Erfahrung prägend für spätere Paraderollen.

Früher Karrierestart

Schon während der Schule spielt Anya Taylor-Joy Theater, wird mit 17 als Model entdeckt, verfolgt aber gleichzeitig ihre Schauspielkarriere. Nach Fernsehrollen und einem Mini-Part in Vampire Academy (2014), der allerdings der Schere zum Opfer fällt, schlägt mit Robert Eggers‘ Debütfilm The Witch ihre große Stunde.

Anya Taylor-Joy als Thomasin in THE WITCH (2015) © Universal

Darin ist sie als Puritaner-Tochter Thomasin in den 1630ern zu sehen, eine Außenseiterin innerhalb der Kernfamilie. Als sich Anzeichen für Hexerei mehren, wird sie am vehementesten beschuldigt, wahlweise Unglücksbringerin oder die Hexe selbst zu sein. Thomasin leidet unter den Anschuldigungen ebenso wie unter den streng religiösen Familienverhältnissen. Der auf Altenglisch gedrehte Folk-Horrorfilm begeistert Genrefans ebenso wie Cineasten, nicht zuletzt wegen Taylor-Joys Performance.

Schwarzer Humor und Außenseiter-Rollen

Viele ihrer folgenden Filme operieren als gehobenes Horror- und Thrillerkino an der gleichen Schnittstelle: In der schwarzhumorigen Thriller-Komödie Vollblüter (2017) planen sie und eine Freundin einen Mord, in Edgar Wrights Giallo- und Swinging-Sixties-Hommage Last Night in Soho (2021) gerät sie als Nachtclubsängerin auf Abwege und in The Northman (2022), dem dritten Film von The Witch-Regisseur Robert Eggers, wird sie als Ex-Sklavin und Hexe Olga zur Partnerin des titelgebenden Nordmannes Amleth.

Oft ist sie dabei als Außenseiterin zu sehen, die am Ende triumphiert, wie in der bösen Thriller-Satire The Menu (2022): Als mitgeschlepptes, meinungsstarkes Date unter High-Society-Schnöseln wird ihr Gnade zuteil, während der wahnsinnige Gourmet-Guru Julian Slowik Gäste und Personal im Rahmen des Event-Essens ermorden lässt. Unvergessen ist auch ihre Performance als exzentrisches Schach-Genie Beth Harmon in Das Damengambit (2020).

FURIOSA: A MAD MAX SAGA (2024) © Warner Bros.
Ausflüge in den Mainstream

Trotz einer Sprecherrolle als Prinzessin Peach im animierten Der Super Mario Bros. Film (2023) lässt sich Anya Taylor-Joy nie ganz vom Mainstream vereinnahmen, landet aber vielleicht gerade deshalb die begehrte Titelrolle in Furiosa: A Mad Max Saga (2024). Der Dreh wird allerdings eine schwere Erfahrung für sie, da sie nur etwas mehr als 30 Dialogzeilen hat. Dies ist für sie härter als die physisch anspruchsvollen Actionszenen des Endzeitspektakels. Die Arbeit mit Regisseur George Miller bezeichnet Taylor-Joy als lehrreich, „nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als jemand, der hofft, eines Tages mal Regie zu führen“.

Der Star, der seit 2022 mit dem (ebenfalls am 16. April geborenen) Musiker Malcolm McRae verheiratet ist, hat also noch viel vor. Bei welchem Film auch immer sie mal Regie führen wird – wahrscheinlich wird er Genre- und Arthouse-Fans begeistern.

Nils Bothmann

Dieser Beitrag stammt aus dem Filmkalender 2026. Auch der Kalender für 2027 enthält Portraits von Filmschaffenden und spannende Textbeiträge.