Prof. Dr. Marcus Stiglegger über seine Neuerscheinung Holofiction sowie seine jahrzehntelange Forschung zur Ikonografie des Holocaust in Film und Popkultur

Herr Stiglegger, Sie forschen schon seit vielen Jahren zu den Themen Nationalsozialismus und Holocaustdarstellungen in Film, Fernsehen und Popkultur. Wie kamen Sie nun zum Buch Holofiction bzw. wie schließt sich das Buch an Ihre bisherigen Forschungen an?

Mitte der 1980er Jahre besuchte ich die Gedenkstätte Mauthausen in Österreich. Dort sah ich zum ersten Mal den Essayfilm NACHT UND NEBEL von Alain Resnais. Dieses Ereignis hat sich unauslöschlich bei mir eingeprägt. Der Genozid der Naziära ist eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte, und als ich später Filmwissenschaft studierte, war die filmische Auseinandersetzung mit diesem Thema stets eine wichtige Orientierung für meine Forschung.

NACHT UND NEBEL (1965) © Absolut Medien

1999 schrieb ich meine Dissertation über die italienischen Filme der 1970er Jahre, die durch Visconti, Cavani, Wertmüller und Pasolini eine neue und ungewöhnliche Reflexion der Naziära boten. Wie konnte sich der Spielfilm diesem Thema nähern, ohne ethische Grenzen zu verletzen?

Im Schüren Verlag entstand dann ein zweiter Band: Zur neuen Kinematographie des Holocaust inklusive meines Beitrags „Alte und neue Vorstellungen von einem Schreckensort. Ein filmhistorischer Abriss“, u.a. motiviert von meinem Doktorvater Prof. Dr. Thomas Koebner, der selbst ein bekannter Exilforscher ist. Er schrieb dann auch das Vorwort zu meiner zweiten Monografie Auschwitz TV, in der ich Fernsehserien über den Holocaust analysiere. Im Grunde erforsche ich die Ikonografie des Holocaust in narrativen Medien also seit 30 Jahren. Das schuf eine fruchtbare Grundlage für eine weitergehende Beschäftigung: Ich hatte schon länger das Bedürfnis, eine Summe dieser Erkenntnisse zu präsentieren. Das vorliegende Buch ist diese Summe.

Wie entstand die Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Michal Kosakowski?

Ich kenne Michal seit vielen Jahren, wir tauschten uns immer wieder fruchtbar über Filmerlebnisse und Kunst aus. Zu seiner Produktion GERMAN ANGST schrieb ich das Booklet der Bluray-Veröffentlichung. Dann berichtete er mir von einem groß angelegten Kunstprojekt namens DARK TOURISM, für das wir nach Mauthausen fuhren, wo er mich über meine Forschung interviewte. Wenig später drehten wir zusammen den Essayfilm WER KEINE ERINNERUNG HAT, HAT AUCH KEIN LEBEN, der auf der Bluray von GEH UND SIEH erschienen ist.

Wir beschlossen, an einem konkreteren Projekt zur Fiktionalisierung des Holocaust zu arbeiten, bei dem ich als wissenschaftlicher Berater fungierte. Aus den Unmengen an Filmen, die Michal sammelte, entstand die Idee eines Montagefilms, der nun als HOLOFICTION vorliegt, basierend u.a. auf meinen bisherigen Veröffentlichungen. Da der Film immer in einem größeren Kontext gedacht war, ist auch das nun erschienen Buch Holofiction. Die Ikonographie des Holocaust Teil dieses Projekts. All das entwickelte sich symbiotisch und in regelmäßigem Austausch, und gipfelte in dem im Buch dokumentierten Gespräch.

Was waren für Sie die Kern-Erkenntnisse aus der Recherche?

Im Grunde verdichtete die Recherche zu diesem Buch zwei Thesen, die ich seit Jahren verfolge: Unser kollektives Bildarchiv ist durch inszenierte und fiktionale Bilder stärker geprägt als durch historische Dokumente. Offenbar ist es gerade die emotionalisierte Vermittlung, die Eindruck hinterlässt, nicht die distanzierte Dokumentation. SCHINDLERS LISTE hat heute größeren Einfluss als SHOAH.

Und zweitens lässt sich eine verdichtete Ikonografie des Holocaust in den fiktionalen Medien nachweisen, die sich bis in Reportagen, Dokumentarfilme hinein fortsetzt und auch die Berichterstattung zu aktuellen Ereignissen widerspiegelt. Mediale Simulationen überschreiben so die eigentlichen Dokumente, was Vor- und Nachteile für die Erinnerungskultur hat. Wir müssen bedenken, dass auch Marvelfilme wie X-MEN ›spielerisch‹ Bezüge zum Holocaust aufbauen.

Welche Hinweise würden Sie Zuschauer*innen für das Schauen von Filmen, die den Holocaust und die NS-Zeit thematisieren, mitgeben?

Wichtig scheint mir, nach einer Multiperspektivik zu suchen, um ein komplexes Bild zu gewinnen. Viele Filme zum Thema seit 1945 nehmen eigene Blickwinkel ein, aus denen sich nach und nach eine differenzierte Summe ergibt – vom Opfer zum Täter, direkt und indirekt vermittelt. Es ist daher wichtig, sich auch mit historischen Dokumenten zu beschäftigten, Aufnahmen von der Befreiung der Lager zu kennen, Erinnerungsliteratur zu lesen und Gedenkstätten zu besuchen. In diesem Wechseleffekt entwickelt sich das Filmerlebnis wesentlich eindrücklicher.

Welche Filme würden Sie Zuschauer*innen empfehlen?

Ich denke, NACHT UND NEBEL ist noch immer eine gute Basis, auf der aktuelle Beispiele wie SON OF SAUL oder THE ZONE OF INTEREST mit ihren bewusst eingeschränkten Perspektiven gut funktionieren. Von den klassischen Filmen fand ich DIE LETZTE ETAPPE (1947) sehr einprägsam, der von Überlebenden vor Ort gedreht wurde. Und in Seminaren bemerke ich, dass DIE GRAUZONE (2001) sehr intensiv erfahren wird, da er sich in die tabuisierte Welt der Sonderkommandos vorwagt. Doch ohne die Klassiker SHOAH und SCHINDLERS LISTE kommt man in diesem Thema auch weiterhin nicht aus.



Prof. Dr. Marcus Stiglegger lehrt Film- und Kulturwissenschaft in Regensburg und Ludwigsburg. Er hat umfassend zu Filmgeschichte, -ästhetik und -theorie publiziert, die Seduktionstheorie des Films entwickelt und produziert seit zwei Dekaden Bonusmaterial für Filmveröffentlichungen international. Er ist Musiker, Kolumnist in dem Magazin Deadline und betreibt mit Benjamin Johann den Podcast Projektionen – Kinogespräche. Info: https://stiglegger.de