Mit Staffel 5 geht 2026 die Serie BABYLON BERLIN zu Ende. Doch die Faszination für die Jahre der Weimarer Republik bleibt bestehen. Leonardo Quaresima bettet die Serie in ihren medialen Kontext ein.
Volker Kutschers 2007 erschienener Roman Der nasse Fisch (Dieser Ausdruck wird im Berliner Polizeirevier für ungelöste Fälle verwendet) bildet die Grundlage für die ersten beiden Staffeln der Serie Babylon Berlin. Auf dem zweiten Roman mit dem Titel Der stumme Tod (2009) beruht hingegen die dritte Staffel (2020). Aus dem dritten Band der Kutscher-Romane ging die vierte Staffel hervor. Doch gibt es noch weitere textliche Kernstücke, die sowohl für Kutschers Romane als auch direkt für die Serie eine bedeutende Mittlerfunktion innehatten.


Ich beziehe mich hier auf die Reihe Berliner Kurzgeschichten unter dem Titel Goodbye to Berlin (1939) von Christopher Isherwood, der in den letzten Jahren der Weimarer Republik in Berlin wohnte und die ersten Momente des Nazi-Regimes unmittelbar miterlebte. Der Nachhall dieser Texte, die den Zeitraum zwischen 1930 und 1933 umfassen, ihrer Figuren und Schauplätze war ausgesprochen umfangreich und hatte unmittelbare Auswirkungen, die als keineswegs weniger relevant einzuschätzen sind.
Zu verweisen ist diesbezüglich insbesondere auf das Theaterstück I Am a Camera von John Van Druten, das 1951 in New York mit großem Erfolg inszeniert wurde. Aus dem Stück ging im Nachhinein der gleichnamige Film hervor, der 1955 in die Kinos kam. Aus dieser Textsammlung entstand dann das Musical Cabaret (1966), das ebenfalls ein großer Erfolg war. Einen unmittelbaren Rückgriff hierauf vollzieht 1972 ein weiterer Film, der denselben Titel trug und die Erweiterung und Durchdringung der Figuren und Ereignisse noch weiter ausgedehnt hat. Die beiden letztgenannten Werke spielten ihrerseits eine äußert wichtige Rolle in der Zeit, die gegen Ende der 1970er-Jahre ihren Ausgang nahm und in der die Kultur der Weimarer Republik wiederentdeckt und neu aufbereitet wurde.

Babylon Berlin ist aber nicht nur eine Fernsehserie. Babylon Berlin ist auch eine Graphic Novel: Der nasse Fisch, 2017 in Deutschland erschienen, einige Monate vor der Veröffentlichung der ersten Folge der Serie; in den USA wurde sie unter dem Titel Babylon Berlin publiziert. Babylon Berlin ist ein Computerspiel, das sich grafisch an den Comic anlehnt. Babylon Berlin sind zudem zwei Spin-offs, ebenfalls literarischer Natur: die illustrierte Buchreihe Moabit, in dem einige Vorgeschichten des ersten Romans erzählt werden, insbesondere die der weiblichen Hauptfigur Charlotte, und Mitte, das – wiederum mit Bezug auf Charlotte – im Jahr 1936, dem Jahr der Olympischen Spiele in Berlin, spielt.
Babylon Berlin – Die Vorläufer
Nun zurück zur Serie: In Zusammenhang mit den Merkmalen der «Erzählung in Bild und Ton» sind auch die direkten Filmquellen relevant. Geht man von den Texten aus, die erklärtermaßen den Stammbaum des Werkes bilden und einen Bezug zum Kino aufweisen, treffen wir auf Filme, die als Begründer der Neuen
kinematografischen Sachlichkeit gelten: Berlin Alexanderplatz (von Piel Jutzi, 1931), Menschen am Sonntag (von Robert Siodmak, Edgar Ulmer, Billy Wilder, 1930), Berlin. Die Sinfonie der Grosstadt (Walter Ruttmann, 1927) sowie einige der wichtigsten Ergebnisse des abstrakten Films: Die dynamischen Figurationen von Lichtspiel Opus 2 (1921) und Ruttmann Opus 4 (1924), beide von Ruttmann, bilden den Hintergrund für den Abspann der einzelnen Episoden.

Piel Jutzi, 1931

der Grosstadt,
Walter Ruttmann, 1927
Ebenfalls zu nennen sind Asphalt (1927) von Joe May sowie spätere Filmtitel, wie der zuvor genannte I Am a Camera (von Henry Cornelius, 1955), Cabaret
(von Bob Fosse, 1972), Berlin Alexanderplatz (von Rainer Werner Fassbinder, 1980), aber auch Neo-Noir-Klassiker wie Road to Perdition (von Sam Mendes, 2002).
Die Entstehung von BABYLON BERLIN
Nach Kutschers Zustimmung zur Verfilmung seiner Romane beschließt der Autor, sich nicht an der Verfassung des Drehbuchs zu beteiligen. Vielmehr betrachtet er die von den drei Drehbuchautoren und Regisseuren der Serie – Tom Tykwer (dem Regisseur von Lola rennt, 1998), Henk Handloegten und Achim von Borries – durchgeführte Umgestaltung mit all ihren Unterschieden und Neuerungen im Vergleich zu seinen Romanen als Teil seiner eigenen Bücher. Die drei Autoren der Serie arbeiten in Hinblick auf die historischen Ereignisse und Schauplätze mit der gleichen Genauigkeit Kutschers («Bis in die Kleinigkeiten, Speisekarten, Aschenbecher und Streichholzbriefchen, ist hier
alles auf Zwanziger getrimmt»), wobei sie erklären, sich vom Buch emanzipiert und ein Werk geschaffen zu haben, das von diesem zugleich abhängig als auch unabhängig ist. «Die Romane von Kutscher und Babylon Berlin überschneiden sich, sind aber zwei parallel existierende Universen.» «Drei Jahre war das Autorentrio mit den Drehbüchern beschäftigt […], immer ausgehend von der literarischen Vorlage, ihre eigene Welt zu erschaffen.»
Die Serie verwendet selbstverständlich rekonstruierte Kulissen (vier Hauptstraßen, die in den Neubabelsberger Studios nachgebaut wurden), bedient sich digitaler Verarbeitungen, ist aber so weit wie möglich auf ein reales Setting bedacht: «Die Stadt ist bei uns ein weiterer Hauptdarsteller.» Im Allgemeinen erhalten die politischen Ereignisse in der Serie mehr Raum, als dies im Roman der Fall ist: «[E]s gibt etwas mehr Prominenz, mehr Haupt- und Staatsaffären, was ich bewusst in den Büchern vermieden habe.»
Eine der bedeutendsten Neuerungen ist die musikalische Komponente, die die drei Autoren jedoch mit der gleichen Methode erarbeitet haben, die dem Gesamtprojekt zugrunde liegt: Die historische Kulisse stellt, obgleich sie mit äußerster Genauigkeit angestrebt wurde, keinen Selbstzweck dar. Ziel ist nicht lediglich die Präzision der Rekonstruktion und die philologische Akkuratheit (diesbezüglich wurden den Schauspielern – unglaublich, aber wahr – sogar Achselhaare angebracht …), sondern es soll vielmehr ein Einblick in die Vergangenheit geboten werden, die sich an der Gegenwart orientiert. Die späten Zwanziger Jahre werden durch die Brille der Siebziger und Achziger Jahre betrachtet.
Leonardo Quaresima
Gekürzter und leicht abgewandelter Auszug aus Babylon Berlin. Weimar heute – ein Kaleidoskop.

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