FILMgeBlätter

Der Blog des Schüren Verlags über Kino, Medien, Filme und was sonst so betrachtet werden kann

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Wer will ich sein?

Stefan Leisten über seine Arbeit über Ethisches Lernen an TV- und Videospielserien sowie Let’s Plays

Wer will ich sein? – Ethisches Lernen an TV- und Videospielserien sowie Let’s Plays

Sei es bei der Familienfeier, beim Bier mit FreundInnen, auf dem Institutsflur im Gespräch mit KollegInnen oder auf Tagungen – die Fragen, wie ich auf das Thema meiner Dissertation gekommen bin und was mich daran besonders interessiert, kamen und kommen immer noch in unterschiedlichen Kontexten auf. Nicht selten schließt daran die Frage nach den Erkenntnissen meiner Arbeit an. Beide möchte ich in diesem Blogeintrag kurz beantworten.

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Eine Art Flaschenpost

Bernd Stiegler erzählt, wie das AugenBlick-Heft über Christian Petzold entstanden ist.

Manchmal ist es eine Flaschenpost, die am Anfang eines Projekts steht. Christian Petzold hatte ich Mitte der 2000er-Jahre bei der Eröffnung der Berliner Dependance des Suhrkamp Verlags, für den ich seinerzeit als Wissenschaftslektor arbeitete, in der Fasanenstraße getroffen. Wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt mit seinen Filmen alles andere als vertraut war. Er sah es mir in seiner besonderen generösen Art nach. Nach dem Abend kam es zum rituellen Gabentausch: Ich schickte ihm eine kleine Sendung mit eigenen Büchern und er im Gegenzug eine DVD von Die innere Sicherheit mit einem kleinen Begleitbrief: „Lieber Bernd, hab Dank für die Bücher. Ich bin gerade vor den Dreharbeiten, da muss man ein wenig blöd sein, ‚dump‘. Blöd filmt gut, sagen die Kameraassistenten, die mit Pferdeschwanz und Überwintern in Thailand. Ende Juni, Anfang Juli, da sind wir fertig, dann kann wieder gelesen werden, aber so sprechen die Kameraassistenten auch: ‚Das gute Buch‘ oder ‚Jetzt eine heiße Badewanne, Grog etc…‘. Also, ich werde lesen, den ganzen Sommer lang, hoffe, daß wir uns bald wiedersehen, liebe Grüße, Christian“.

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Rundum-Kino

Panoramen, Planetarien und Kuppelkinos

Bewegte Bilder können nicht nur plan auf einer Kinoleinwand oder einem Bildschirm gezeigt werden. 3D-Filme, die die Illusion der Räumlichkeit steigern sollen, hat wohl jeder schon mal gesehen. Aber seit den Anfängen des Kinos haben Tüftler auch andere Möglichkeiten der Illusionssteigerung ausprobiert, etwa mehrere Leinwände nebeneinander oder gar 360°-Projektionen.

Werfen wir mit der Filmhistorikerin Maren Kießling einen Blick zurück in die Geschichte der Kinoillusion.

Panoramen

Zylindrische Panoramen mit gemalten oder fotografischen Abbildungen gab es bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts, und diese waren ein Publikumsliebling. Durch einen dunklen Gang gelangte man über eine spiralförmige Treppe auf die runde Aussichtsplattform in der Mitte der Rotunde. Dort offenbarten sich dem Publikum Landschaftsszenen von fernen Orten, Stadtan- und übersichten oder Kriegsschlachten im 360°-Rundumblick. Bei den sogenannten ‹moving panoramas› wurden vor den Augen des Publikums auf riesigen Leinwänden gemalte Landschaften vorbeigezogen, was den Eindruck von Bewegung vermittelte. Zur Pariser Weltausstellung 1900 überraschte etwa Raoul Grimoin-Sanson sein Publikum mit seinem von Jules Verne inspirierten «Panorama der Vollimmersion». Er lud das Publikum mit seinem Cinéorama in ein 360°-Bewegtbild-Panorama ein – eine dekagonförmige Halle (mit einem Durchmesser von 30 Metern) ganz in der Nähe des Eiffelturms. Die Zuschauerplattform war getarnt als riesige Gondel mit angedeutetem Ballon darüber. Unter der Plattform verbarg sich die Projektionskonstruktion mit zehn Filmprojektoren.

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Daniel Auteuil * 24.1. 1950

Französisches Kino ohne Daniel Auteuil? Denkbar, aber sinnlos. Wie kaum ein Zweiter verkörpert Auteuil das Selbstverständnis einer Nation, wie sie sich gern selbst sieht.

Dabei war es eigentlich ganz anders geplant. Das Theater sollte es sein. Nach drei Absagen vom Pariser Konservatorium, der prestigeträchtigsten Schauspielschule des Landes, fiel der Groschen, dass sein Talent und seine verschmitzt-linkische Attraktivität auf der großen Leinwand eher gefragt seien. Wem galt es zu diesem Zeitpunkt noch etwas zu beweisen? Schließlich stand er schon seit dem vierten Lebensjahr auf den Theaterbühnen. Zeit für neue Herausforderungen. Statt, mit dem Ritterschlag der Akademie versehen, den Lebensabend auf den Bühnen zu verbringen, erklomm der Geschmähte mit unermüdlichem Eifer langsam doch stetig die Sprossen der Erfolgsleiter.

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Conrad Veidt

geb. 22.1.1893 / gest. 3.4.1943

Er war noch nicht einmal fünfzig, als sein Herz versagte; er hatte immer zu viel von ihm verlangt. Stummfilmstar, absolut und kategorisch wie vielleicht außer ihm nur noch Asta Nielsen, hatte er mit dem Tonfilm nicht nur fürs Kino zu sprechen lernen müssen, er musste es auch gleich in einer fremden Sprache lernen. Als abzusehen war, wie weit es die Nazis in Deutschland treiben würden, zog es ihn nach England und dann nach Amerika. Dort war Conrad Veidt schon einmal für zwei Jahre und vier Filme gewesen, 1927 bis 1929. Geblieben war er nicht, weil er in Hollywood nur doppelt war, was er einfach auch in Babelsberg und in allen seinen Filmen war: ein Fremder.
Geboren als Sohn eines preußischen Feldwebels, kommt der Medizinstudent (andere Quellen lassen ihn schon auf dem Gymnasium scheitern) eher zufällig mit dem Theater und Max Reinhardt in Berührung, der sein Talent entdeckt und fördert. Erste Filme heißen (seit 1916) Der Spion, Wenn Tote sprechen oder Das Tagebuch einer Verlorenen, wovon es zwei Folgen gibt, ebenso wie von Prostitution. Und schon steckt dieser Conrad Veidt fest im Rollenfach des zwielichtigen Verführers: bleich-gesichtig und hager, groß gewachsen und mit un- (oder über-)natürlich großen, weit auseinander stehenden und stechenden Augen. In denen scheinen Laster und Perversion zu brennen, Morbidität und unkontrollierbare Leidenschaft. Und, allerdings, als Versprechen einer Lust, von der sich die bürgerliche Moral (und deren Kino) nur in den allerkühnsten Träumen etwas träumen lässt.
Es ist vor allem Friedrich Wilhelm Murnau, der diesen ambivalenten und doppelgesichtigen Conrad Veidt differenzierter zu sehen scheint, in Satanas oder Der Gang in die Nacht und vor allem Der Januskopf. Dass diese Filme Murnaus als nicht erhalten gelten müssen, gehört zur besonderen, in diesem Fall geradezu diabolischen Ironie der Filmgeschichte. So nämlich hatten sie und Murnau keine Chance, das Bildnis des Conrad Veidt nachhaltig und für die Nachwelt zu prägen.

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Wien – eine Stadt als Filmkulisse

Unterwegs in einer Stadt voller Gegensätze

Wir setzen unsere Reise zu filmischen Schauplätzen fort – diesmal geht es nach Wien. Wien im Film, das sind einerseits nach wie vor seine historischen Sehenswürdigkeiten: Wenn Orson Welles in Der dritte Mann (1949) über den Josefsplatz huscht, Julie Delpy und Ethan Hawke in Before Sunrise (1995) den Maria-­Theresien-Platz bewundern, Viggo Mortensen und Michael Fassbender in Dunkle Begierde (2011) ihren Kaffee im Café Sperl trinken oder Tom Cruise in Mission: Impossible – Rogue Nation (2015) über die Staatsoper turnt, dann inszeniert sich Wien immer auch als Attraktion.

Andererseits erzählen Wien-Filme aber auch eine andere, weniger einladende Geschichte: von Dunkelheit und Schrecken, Ausgrenzung und Vertreibung. Von der kalten Peripherie, vom Alltag im Gemeindebau und den weniger schmucken Bahnhöfen, Parks und Plätzen. Von einem dieser dunken Filme erzählen wir im Folgenden.

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Tschechische Filmklassiker

Mit Limonaden-Joe auf dem Feuerwehrball

Fast jeder von uns kennt Drei Nüsse für Aschenbrödel, den herzerwärmenden Weihnachtsklassiker, viele auch Pan Tau oder Das Krankenhaus am Rande der Stadt (die Mutter aller Arztserien): Tschechoslowakische Film- und Fernsehproduktionen haben schon in den 70er Jahren Menschen begeistert. Doch das tschechische und slowakische Kino hat noch sehr viel mehr zu bieten.

Klassiker des tschechischen und slowakischen Films heißt das Buch, das 25 Filmklassiker vorstellt und zum Wiedersehen einlädt. Wir zitieren stellvertretend aus 3 Filmanalysen dieser Sammlung.

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Erinnerung an John Cassavetes

9.12.1929–3.2.1989

Cassavetes war ein wandelnder Anachronismus. Es war die Zeit des Hollywood-Studiosystems, als Hollywood mit Love Story (1970) ins Schnulzenland abrutschte, und mittendrin stand dieser New Yorker Darsteller mit griechischen Wurzeln und wollte das Cinéma Vérité nach Amerika holen. Damit nicht genug: Zehn Jahre vor den New Hollywood-Stars produzierte und vermarktete er seine Filme mit europäischen Geldern unabhängig von den großen Konzernen. John Cassavetes gilt neben Roger Corman als Vater des US-Independentkinos. Seine Filme waren schonungslos ehrlich, kraftvoll, brillant und immer auch ein wenig anstrengend. «Das muss so sein», polterte Cassavetes einmal: «Ich bin ja schließlich nicht in der Unterhaltungsbranche.»

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Die Filmkritik im digitalen Wandel

In diesen Tagen ist das Buch Freie Sicht aufs Kino. Filmkritik in der Schweiz, herausgegeben von Philipp Brunner, Tereza Fischer und Marius Kuhn erschienen. Wir zitieren im folgenden aus dem Beitrag von Andreas Scheiner über Die Filmkritik im digitalen Wandel. Auch wenn der Autor in erster Linie Stimmen aus der Schweiz zu Wort kommen lässt, dürften die beschriebenen Phänomene auch für andere Länder gelten.

Zeitungen sind out. Man hat es mitbekommen. Auflagen schwinden, Journalisten und Journalistinnen werden abgesagt wie früher die Baume, aus denen das Druckpapier ist. Im Kulturressort zuallererst: Als die Medienhäuser das Licht des World Wide Web erblickten und den Karren gegen die Wand fuhren, sass das Feuilleton auf dem Beifahrersitz. Es war nicht angeschnallt. In der Filmberichterstattung kam es vor rund zehn Jahren zum Crash, wie Andreas Maurer, ein ehemaliger «NZZ»-Filmkritiker, in seinem Buch «Filmriss » festhält: «Spätestens als im Marz 2010 nach 31 Jahren der Chefkritiker von ‹Variety›, Hollywoods traditionsreichstem Branchenblatt, aus Spargründen entlassen wurde, war klar: Nicht die Filmkritik ist kritisch, sondern ihr Zustand ― in der Schwebe zwischen Arglosigkeit und Bedeutungslosigkeit.» Kollege Christoph Egger klang ähnlich. Als der Mann, der 1978 seine erste Filmkritik fur die «NZZ» geschrieben hatte, 2009 vorzeitig in Pension ging, klinkte er sich mit einem Artikel aus: «Abschied von der Filmkritik». Er meinte nicht nur den eigenen; Egger beobachtete eine Entwicklung, «die zu signalisieren scheint, dass die ‹klassische›, mit der Tageszeitung verbundene Filmkritik, wie sie sich im Verlauf eines knappen Jahrhunderts etabliert hat, an ein Ende gekommen ist» … Augenfällig auch: Um 2009 und 2010 wurde die Sorge um den Berufsstand vermehrt öffentlichkeitswirksam artikuliert. Im Januar 2009 war die Filmpublizistik ein Thema an den Solothurner Filmtagen. Christian Jungen (damals «Mittelland Zeitung») moderierte ein Podium: «Print-Profis versus Blog-Banausen ». Neben Profis wie Trudy Baumann («Zuritipp») oder Martin Walder («NZZ am Sonntag») saß der «Banause» Thomas Hunziker. «Zum Auftakt», so rekapitulierte Hunziker die Veranstaltung auf filmsprung.ch, «rechnete Michel Bodmer vor, wie er früher von der ‹NZZ› für eine reguläre Filmbesprechung noch 270 Franken erhielt, mittlerweile nach zwei Kürzungsrunden jedoch nur noch 140 Franken». Die «seriöse» Filmkritik, befand Hunziker, sei also weniger durch die Konkurrenz aus dem Internet in Gefahr, als «durch die knausrigen Verleger, die für die Inhalte ihrer Blätter nur noch Hungerpreise bezahlen wollen». Wer war zuerst, der knausrige Verleger oder das Internet? Darüber ließe sich trefflich streiten …

Alle sagen das Gleiche, auch Simon Kümin: «Die Filmkritik hat an Wert verloren. » Kumin, Mitte dreißig, von Beruf Texter, hat 2016 das Onlinefilmmagazin «Maximum Cinema» mit aufgebaut und sitzt sozusagen als Vertreter der Filmkritik 2.0 am Tisch. «Man kann sich auf IMDb informieren, in Facebook-Gruppen werden Filmtipps ausgetauscht, jeder googelt seine Trailer selber», so fasst er die Sachlage zusammen. «Die Medien haben nicht mehr die Autorität wie früher Früher waren sie die einzige Quelle, die gesagt hat: Das ist gut, das ist schlecht.» Kumin sieht Vor- und Nachteile. Blum auch. Es sei gut, dass Medien Autorität verloren, sagt er. «Es ist eine Form von Demokratisierung.» ― «Trailer schauen ersetzt aber keine Rezension!», stellt Bodmer klar …

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Christian Kaiser über sein Buch: Die lange Einstellung

Zur Aktualität eines Phänomens, zum Realismus Bazins und zur Mystik

Gerade ist das Buch von Christian Kaiser über Die lange Einstellung im Schüren Verlag erschienen.
Im Folgenden erzählt er, was ihn an dem Thema gefesselt hat, und welchen Gewinn man von der Lektüre hat:

Zu Beginn dieser Dekade, als die Arbeit an der Dissertation Die lange Einstellung – Dauer, Kontinuität und Mystik begonnen hatte, war die Lage noch eine andere gewesen: Zwar hatten Sokurow und Noé im Jahr 2002 jeweils (tatsächliche bzw. getrickste) Single-Take-Filme vorgelegt, aber es hatte sich noch nicht abgezeichnet, dass in den 10er Jahren mit Filmen wie La casa muda (2010), Silent House (2011), Mahi Va Gorbeh (2013), Ana Arabia (2013), Victoria (2015), Die Musik stirbt zuletzt (2018), Utøya 22. juli (2018) oder dem anstehenden 1917 (2019) die lange Einstellung immer häufiger extremste Ausformungen auch im Mainstreamfilm annehmen sollte; auch der zu Beginn und gegen Ende montierte „Birdman“ (2014) wäre in diesem Zusammenhang unbedingt noch zu nennen.

Ursprünglich war angedacht, verschiedene Stilmittel und Techniken, die immer wieder unter dem Label der Entschleunigung subsumiert werden, in den Blick zu nehmen: um aufzuzeigen, dass dieses Subsumieren den Blick für die teilweise doch ganz unterschiedlichen Wirkungen und Effekte der jeweiligen Mittel trübt. Der Umfang hätte jedoch den Rahmen gesprengt, sodass es bei der langen Einstellung blieb, was sich rückblickend gerade angesichts der jüngsten Karriere dieses Mittels auch im Mainstream-Bereich als richtige Entscheidung erwiesen hat.

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