Der Mann mit den 1000 Gesichtern.
Es war in den 1990er-Jahren, als ich erstmal einem von Chaneys ‹Tausend Gesichtern› begegnete: auf einer Halloweenparty hatte sich jemand als ‹The Man in the Beaver Hat› verkleidet, originell schaurig wie ich fand. Was ich damals nicht wusste: Es ist das Kostüm, das Lon Chaney 1927 in dem Horrorfilm London after Midnight trug und ja, er war Hollywoods erster Filmvampir, vier Jahre bevor Dracula in die Kinos kam. Angeblich war sein Auftritt als Untoter in diesem Gruselkrimi so überzeugend schockierend, dass es Menschen in den Wahnsinn treiben konnte. Kein Scherz!

unverzichtbaren Make-up-Koffer.
Diese obskure Vorstellung fand 1929 sogar Eingang in die Kriminalgeschichte, als der des Mordes beschuldigte Robert Williams sie vor Gericht zu seiner Verteidigungsstrategie machte. Gemäß seiner Aussage hatte ihn Chaneys Filmvampir zu der Bluttat getrieben. Die Geschworenen kamen im ersten Prozess zu keinem einstimmigen Urteil, was bedeutet, dass einige von ihnen diese Absurdität wohl für nicht ganz abwegig hielten.
Es war auch nicht das erste Mal, dass Lon Chaney das Publikum mit seiner naturalistischen Maskerade in Panik versetzt hatte. Sein genial-gruseliger Auftritt als Das Phantom der Oper war 1925 der Gipfel dessen, was das damalige Horrorgenre an Schockmomenten zu bieten hatte.

LONDON AFTER MIDNIGHT, 1927.
Ende der 1920er-Jahre war Lon Chaney ein Weltstar, er gehörte zur künstlerischen Elite in Hollywood und sein Publikum war es inzwischen gewohnt, dass sich der Meister der Metamorphosen in jedem seiner Filme auf fast magische Weise neu erfand, optisch wie mimisch. Betrachtet man sein Lebenswerk, dann steht zweifellos seine scheinbar unbegrenzte Verwandlungskunst im Mittelpunkt, die Chaney schon früh in seiner Karriere den Beinamen ‹The Man of a Thousand Faces› einbrachte. Er zählt zu den Pionieren des Prosthetic Make-up und des Biological Horrors, auch Body Horror genannt, was ihn zum Vorbild für spätere Make-up-Artists wie den siebenfachen Oscargewinner Rick Baker machte.
Ein weiterer herausragender Aspekt von Chaneys Filmkarriere sind seine düsteren und bizarren Charaktere, insbesondere jene, die er in den Filmen von Regisseur Tod Browning verkörperte. London after Midnight gehört dazu und andere Meisterwerke wie The Unholy Three, The Unknown und West of Zanzibar. Zusammen mit Regisseur Tod Browning, auch bekannt als der ‹Edgar Allan Poe des Kinos›, bildete Lon Chaney ein künstlerisches Dream Team. Die beiden Ausnahmetalente durchbrachen den Hollywood-Mainstream mit ihren avantgardistischen Werken, die ebenso düster wie grotesk sind und inspiriert wurden von der turbulenten Welt des Vaudeville Theaters. In dem Zeitraum zwischen 1919 und 1929 drehten sie zehn Filme, deren prägender Einfluss vor allem im Thriller- und Horrorgenre bis in die Gegenwart hineinreicht. Kultregisseure wie David Lynch, Tim Burton und Guillermo del Toro Gòmez zählen zu den künstlerischen Erben.

Die düsteren Charaktere, die Chaney spielte, und seine Scheu vor der Öffentlichkeit verliehen dem Star ein geheimnisvolles Image. Unter Kollegen und Journalisten war er als ‹The Man of Mystery› bekannt. Das war der Eindruck, den auch ich von ihm hatte, als ich mit meiner Recherche für Chaneys Biografie begann. Ein genialer Künstler einerseits, aber wie nicht selten bei Genies wohl etwas überspannt und eigenartig. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich den Mann hinter den Masken wirklich kennenlernen wollte. Ich kannte seine Filme und bewunderte seine Kunst, da bestand die Gefahr, mir diesen Eindruck zu überschatten.
Aber das Gegenteil war der Fall. Bei der Arbeit an seiner Biografie lernte ich ihn als einen äußerst sympathischen Menschen kennen: intelligent, unprätentiös, mit bodenständigen Ansichten und beispielhaften Moralvorstellungen. Wenn Chaney nicht viel über sich selbst erzählte, dann nicht zuletzt, weil er die Fähigkeit besaß, in wenigen Worten das Wesentliche zusammenzufassen.
Seine bevorzugte Sprache war die Pantomime, auch das ist ein charakteristisches Merkmal seines Lebenswerks, die Fähigkeit Emotionen nonverbal zum Ausdruck zu bringen, sodass der Zuschauer den inneren Dialog der Figur bis im Detail nachempfinden kann. Chaney galt als einer der besten Charakterdarsteller der Stummfilmära und seine Filme kamen mit wenigen Zwischentiteln aus. Lon Chaney »ist irgendwie in die dunklen Regionen unserer Körper eingedrungen«, so der Autor Ray Bradbury, »Er war in der Lage, einige unserer geheimen Ängste aufzuspüren und sie auf die Leinwand zu bringen.«

Mit vielen seiner Rollen verband Chaney den Wunsch, die menschliche Gesellschaft ein Stück weit zu verbessern. Das Plädoyer für mehr Toleranz zieht sich wie ein roter Faden durch seine Filmografie. Als Kind taubstummer Eltern machte Chaney früh Erfahrung mit Mobbing und Vorurteilen. Dies war für ihn der Impetus, seine Kunst in den Dienst einer höheren Sache zu stellen. »Ich habe immer an das grundlegend Gute im Menschen geglaubt«, sagt er 1930, »und ich glaube immer noch daran.« Dieser Glaube an das Gute im Menschen prägt viele seine Filme oder wie er selbst sagte: »Die Rollen, die ich spiele, zeigen eine Moral auf. Sie zeigen Individuen, die anders hätten sein können, wenn sie eine andere Chance bekommen hätten.«
Das erklärt, weshalb Chaney seine Rollen meist ambivalent und vielschichtig anlegte. Sie entziehen sich gern der Erwartungshaltung – man könnte auch sagen: den Vorurteilen – und sprengen bewusst die stereotype Charakterriege, die in so vielen Stummfilmen auftaucht. In seinen Filmen begegnen wir traurigen Clowns, sensiblen Schurken und heldenhaften Tölpeln. Selbst seine Horrorgestalten haben eine anrührende, mitleiderregende Seite. Egal wie düster seine Charaktere sind, immer ist da dieser Funke des Guten, der nur darauf wartet, entdeckt zu werden.
Chaneys Charaktere streben nach Anerkennung, Wertschätzung, Liebe. Meist sind es soziale Außenseiter oder Menschen mit Handicap, die er darstellt. Vielleicht mehr noch als seine Wandelbarkeit war es die Empathie, mit der Chaney derartige Rollen verkörperte, die ihm eine stetig wachsende Fangemeinde einbrachte. Produzent Irving Thalberg fand bei der Grabrede treffende Worte, als er über Chaney sagte: »Er hat der Welt die Seelen jener geöffnet, die ›anders‹ geboren sind.«

Die Autoreneinnahmen des Buches gehen zum Gedenken an Lon Chaneys Wirken und Werk an die Colorado School for the Deaf and Blind in Colorado Springs, die Schule für blinde und gehörlose Kinder, die die Großeltern von Lon Chaney gründeten und an der seine Mutter unterrichtete.
Sabine Schwientek
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