Simon Füchtenschnieder recherchierte die wahre Geschichte der vielfach verfilmten Meuterei auf der Bounty. Die einfache Aufteilung in Gut und Böse, die die Filme meist zeigen, ist in der Realität doch etwas komplizierter.

Sie ist die wohl berühmteste Meuterei der Geschichte – dabei ist ihr Ablauf eigentlich nicht sonderlich spektakulär. Zudem verläuft sie unblutig. Den brutalen Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen sadistischem Tyrannen einer- und edlem Helden andererseits, machten eine Roman-Trilogie und Hollywood später aus der Geschichte. Damit verankert die Traumfabrik sie dauerhaft in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer.

© MGM

Ich habe für unser Buch Based on a true Story die fünf Verfilmungen der Meuterei auf der Bounty unter die Lupe genommen.

Meine Begeisterung für die Bounty begann schon in der Kindheit. Meine Eltern schenkten mir damals den ersten Teil einer Hörspiel-Adaption der Meuterei auf der Bounty als Musikkassette. Ich habe sie unzählige Male mit Spannung gehört. Bis heute kann ich Teile dieses Hörspiels fehlerfrei mitsprechen. Darin, wie auch in der Mehrzahl der Hollywood-Verfilmungen, wird der Kapitän der Bounty, William Bligh, als übler Menschenschinder portraitiert, der seine Mannschaft regelmäßig auspeitscht und der in seinen Launen nicht nur unberechenbar, sondern sogar gefährlich ist. Ihm gegenüber steht sein Erster Offizier, Fletcher Christian, der das Herz auf dem richtigen Fleck hat, bei seinen Mannschaftskameraden äußerst beliebt ist und der später sogar zum Anführer der Meuterer werden wird.

Heute, als Historiker und nach einer intensiven Auseinandersetzung mit den Quellen, sehe ich William Bligh mit deutlich anderen Augen. Ja, er war wohl eine nicht einfache Persönlichkeit und brauste schnell auf, wenn an Bord nicht alles so vonstattenging, wie er es verlangte. An andere hatte er sehr hohe Ansprüche. Nachlässigkeit und Undiszipliniertheit waren ihm verhasst und im persönlichen Umgang mit anderen konnte er verletzend sein. Ein Sadist war der Kommandant allerdings nicht. Im Gegenteil – er wandte das Auspeitschen als Strafe nur äußerst selten an, da er der Meinung war, dass es an Bord mehr Schaden als Nutzen brachte. William Bligh war zudem ein mutiger Mann und ein äußerst begabter, kenntnisreicher Seemann. In menschlichen Extremsituationen verstand er es, Menschen sicher, geschickt und mit großer Tatkraft zu führen.

Der echte William Bligh im Jahr 1814 © Wikimedia Commons

Ein gänzlich anderer Bligh kommt zutage, wenn man sich mit ihm als Privatperson beschäftigt. Er war ein sehr liebevoller Familienvater, der seine Kinder stets als »meine lieben Engelchen« bezeichnete. Mit seiner Frau Elizabeth, die er zärtlich »Betsy« und »meine innigst Geliebte« nannte, war der Seemann 31 Jahre verheiratet. Das Paar verband eine tiefe Liebe auf Augenhöhe. Die Briefe, die William und Elizabeth Bligh sich schrieben, gehören zu den schönsten und anrührendsten, die ich kenne.

Die Reise der Bounty, deren Zweck es war, die Brotfrucht von Tahiti in die Karibik zu verpflanzen, war Teil einer frühen Globalisierung im 18. Jahrhunderts. Die Brotfrucht sollte ein billiges Nahrungsmittel für Sklavinnen und Sklaven auf den britischen Plantagen in der Karibik sein. Durch die Brotfrucht, die ähnlich wie Kartoffeln schmeckt und ebenso reich an Stärke ist, sollten die Sklavinnen und Sklaven härter arbeiten und mehr Baumwolle produzieren, die die britische Regierung in Asien gewinnbringend veräußern wollte. Außerdem wollte man mit der Brotfrucht, die die Sklaven selber anbauen konnten, Nahrungsmittelknappheit auf den Plantagen bekämpfen. Pflanzen und ihr Transfer wurden zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor. Damit konnte man die Welt beherrschen.

Nur – die Sklaven verschmähten die Brotfrucht. Sie mochten sie nicht. Zwar wurde sie nach der Meuterei auf der Bounty ebenfalls durch William Bligh auf einer zweiten Brotfrucht-Reise erfolgreich verpflanzt, aber 50 Jahre lang kam sie bei den Sklavinnen und Sklaven nicht auf dem Teller – sondern wurde stattdessen an die Schweine verfüttert. Erst nachdem die Sklaverei auf Jamaika in den 1830er Jahren abgeschafft wurde, nahmen die ehem. Sklavinnen und Sklaven, die nun freie Bauern waren, die Brotfrucht in ihren Speiseplan auf. Vielleicht war die anfängliche, strikte und bewusste Ablehnung der Brotfrucht als Teil eines unfreien Systems sowie ihre spätere Akzeptanz in Freiheit eine kulinarische Form der Selbstermächtigung.

Mel Gibson als Fletcher Christian und Anthony Hopkins als William Bligh in DIE BOUNTY (1984)
© MGM

Bis heute begeistert mich insbesondere die bislang letzte Verfilmung, Die Bounty (1984), mit Anthony Hopkins als William Bligh und Mel Gibson als Fletcher Christian. Sie ist die historisch genaueste Verfilmung der Geschichte und wird ihr auch an vielen Stellen gerecht.

Die Bounty teilt nicht in Gut und Böse ein, erklärt William Bligh nicht zum teuflischen Tyrannen und verklärt Fletcher Christian nicht zum selbstlosen Helden. Der Film lässt Raum für Zwischentöne. Es gelingt ihm, seine Protagonisten sehr fein zu zeichnen – und das macht den Film zu einem echten Erlebnis.

Simon Füchtenschnieder

Lesen Sie mehr über die wahre Geschichte hinter den Verfilmungen der Meuterei und die unterschiedlichen Darstellungen in den Filmen im Buch Based on a true Story. Filme nach wahren Begebenheiten und die Wahrheit dahinter.