Ein Auszug aus Renate Bergers neu erschienenen Buch Die Schauspielerin Elisabeth Bergner – Ein Leben zwischen Selbstbehauptung und MeToo

Über Elisabeth Bergners Zeit am Theater in Zürich, Solidarität unter Frauen und erste Konfrontationen mit Vermischungen von Privatem und Beruflichen

Anfang September 1916 trifft Elisabeth Bergner in Zürich ein. Die Stadt wimmelt von «Kriegsausländern», internationalen «Revolutionären, Reformatoren, Dichtern, Malern, Neutönern, Philosophen, Politikern und Friedensaposteln», Komponisten, Malern, Bildhauern, Studentinnen, Dichterinnen wie Else Lasker-Schüler, Schriftstellerinnen wie Ricarda Huch, Annette Kolb, Claire Goll, Emmy Hennings, Schauspielerinnen wie Tilla Durieux mit ihrem Mann, dem Kunsthändler Paul Cassirer, Tänzerinnen wie Mary Wigman oder Anita Berber, Malerinnen wie Marianne Werefkin, Lou Albert-Lasard oder die polyglotte Hilla Rebay von Ehrenwiesen, die auf neutralem Boden nach Resonanz und Sicherheit suchen. Man diskutiert im Café Odeon neben einem schweigsamen Herrn am Nachbartisch, Wladimir Iljitsch Lenin. Elisabeth Bergner gehört zu den Stammgästen.

Im Engagement

Am Theater erhält Bergner den Standardvertrag für Anfängerinnen: ein festes Gehalt von 250 Franken plus Zusatzleistungen von 25 Franken für elf Monate. Ihre Unterkunft kostet 120 Franken. Trotzdem heißt es schon eine Woche nach ihrer Ankunft, in einem Brief der 19-Jährigen über Alfred Reucker: «Eine ganze Gage gibt mir der Direktor nicht. Er glaubt, ich kann gar nicht mit Geld umgehen.» Ein Scherz. Noch hat sie Glück: Zahlungen der Familie treffen ein, und sie kann sogar ihre Schulden bei Albert Ehrenstein begleichen. Außerdem bekommt sie im Haus des Theatersekretärs ein günstiges Zimmerchen, wird in die Familie aufgenommen und «fünfmal täglich unbeschreiblich gemästet». Mitten im Krieg.

Hier freundet sie sich mit der knapp ein Jahr jüngeren Viola Bosshardt an, der Patentochter des Vermieters, die sie beim Lernen von Texten abhört. Rollen, die man ihr in Aussicht stellt, bezeichnet sie als «lauter Dreck». Direktor Reucker mache Kasse mit «Schmandstücken». Hochgespannte Erwartungen erfüllen sich nicht, da ihre Wirkung auf das Publikum abgewartet werden muss. Bergner betrachtet das Züricher Engagement als Episode und hält Distanz zu Kollegen, die sie als zu freundlich, Kolleginnen, die sie als arrogant empfindet, ist jedoch angenehm überrascht, im Ensemble drei Wiener Mitschülern zu begegnen. Diesmal hat sie es ungleich besser getroffen als in Innsbruck. Man bereitet Aufführungen sorgfältig vor, es wird stundenlang geprobt, am Abend ist Vorstellung, nachts oder am frühen Morgen wird gelernt. Mit der stets gut gelaunten Tänzerin Karoline Blamauer teilt sie eine Garderobe.

Elisabeth Bergner als «Fräulein Else», 1928/29. Postkarte.
Elisabeth Bergner als «Fräulein Else», 1928/29. Postkarte.
Freundschaft mit Karoline Blamauer

Blamauer hatte eine von Gewalt geprägte Kindheit, verließ mit 14 die Schule, arbeitete anschließend in einer Hutfabrik und als Prostituierte. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die ein Jahr jüngere, aus prekären Verhältnissen stammende Wienerin mit 15 ihre Familie verlassen und sich schon als Statistin auf das «Durchdrahn» in Nachtcafés und gemeinsam mit ihrer Kollegin Margaretha Edelmann auf reiche alte Gönner unter den Zuschauern spezialisiert hat.

Deshalb, und weil die Abtreibung einer Kollegin in gleicher Lage bekannt wird, bedenkt man sie mit Verachtung und Abmahnungen. Doch weil beide das System durchschaut haben und weniger verdienen als der Standardvertrag vorsieht, sehen sie keinen Grund zu verbergen, was ihr Überleben sichert. Für Blamauer und Edelmann interessierte sich die Stadtpolizei Zürich aufgrund einer von Theatermitgliedern ausgehenden Anzeige; offenbar dachte man sogar über eine Ausweisung der beiden nach. Die Direktion mag dennoch oder gerade deshalb nicht auf sie verzichten. Selbstredend werden sie nicht entlassen, solange sie beim Publikum «ziehen». Karoline Blamauer wird Jahre später als Lotte Lenya Triumphe feiern.

Ein berühmter Kollege

Nach einem Jahr wird Bergner kein «Dreck» mehr angeboten, sondern die Ophelia in Hamlet. Ihr Partner ist kein Geringerer als Alexander Moissi. Dieser Lebemann, Familienvater und Großverdiener, der sich nicht nur seine Rollen, sondern auch seine Partnerinnen aussuchen kann, begegnet in Zürich der 19-Jährigen Anfängerin Bergner im zweiten Engagement. Zwar steht er im Ruf eines «Frauenvertilgers», aber ganz so schlimm kommt es dann doch nicht.

Bergners Kritiken fallen so wohlwollend aus, dass man sie in Zürich ungern verlieren möchte. Deshalb wird Moissi vom Direktor ermahnt, «das» [gemeint ist Bergner] sei «nur zum anschaun, nicht zum anrühren» da. Moissis Verliebtheit kommt ihm nicht ungelegen; er hofft, den brillanten, auf die Vierzig zugehenden Darsteller stärker an Zürich zu binden, denn bei jedem seiner Auftritte wird das Eintrittsgeld erhöht. Deshalb sind alle froh, als Moissi sich heftig in seine Ophelia verliebt. Er verfolgt sie nicht nur hinter den Kulissen und glaubt, leichtes Spiel zu haben. Zwar ist er noch mit der Burgschauspielerin Marie Urfus verheiratet, zwar wartet die Kollegin und derzeitige Geliebte Johanna Terwin schon lange auf seine Scheidung, doch jetzt denkt er nur noch daran, mit «seiner» Ophelia ein neues Leben zu beginnen.

Viola Bosshardt (links) und Elisabeth Bergner, Anfang der 1920er Jahre. Postkarte.
Viola Bosshardt (links) und Elisabeth Bergner, Anfang der 1920er Jahre. Postkarte.

Er hält Bergner mit Briefen, Telegrammen, Bitten und Beschwörungen in Atem – doch als «Katze» – Moissis Sammelbegriff für Frauen – sieht sie sich nicht. Seine Avancen bleiben erfolglos. Der umschwärmte, erfolgsgewohnte Mann bestrebt, den leidenschaftlichen Liebhaber auch außerhalb der Bühne zu geben, ist an Zurückweisungen nicht gewöhnt und bringt wie viele etablierte Darsteller seine Beziehungen ins Spiel. Da er mit Max Reinhardt seit Jahren auf vertrautem Fuß steht und vom Talent der jungen Wienerin überzeugt ist, lässt er Bergner wissen, dass er sie an den wichtigsten Theatermann Deutschlands empfehlen könnte. Die Hauptstadt mit ihren Bühnen und Museen, ihren Künstlerinnen und Künstlern, Schriftstellern und Dichterinnen, Dramatikern, Kritikern und Journalisten ist seit Langem ihr Ziel und inzwischen auch Zentrum einer österreichischen Kolonie, denn wer in der österreichischen Literatur Rang und Namen, wer Ambitionen hat, geht nach Berlin.

Die Unbedenklichkeit, mit der Moissi berufliche und private Belange verquickt, stürzt Bergner in eine Krise. Nachdem sie ihn zurückgewiesen hat, melden sich Bedenken. Hätte sie verbindlicher reagieren sollen? Zwar ist sie überzeugt, auch ohne ihn, auch ohne den von Eifersucht geplagten Ehrenstein nach Berlin zu gelangen, allerdings erst ein, zwei Jahre später. Auch dass ihre Umgebung plötzlich wie ein «Weltwunder» auf sie reagiert, muss verkraftet werden. Als Mädchen hatte sie die abgelegten Sachen ihrer Schwester aufgetragen, als Anfängerin ständig um Geld bitten müssen. Plötzlich wirkt sie mit allen Details ihrer zarten Erscheinung stilbildend. Die von Männern und Frauen Umschwärmte, bis zur Erschöpfung Beanspruchte und allerlei Nachstellungen Ausgesetzte mag für eine Weile außerhalb der Bühne niemanden hören und sehen, keine Post empfangen oder schreiben – sie benötigt den Rückzug, um allem, was jetzt auf sie einstürzt, kaltblütig begegnen zu können.

Renate Berger

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