Für OPPENHEIMER hat Autor und Regisseur Christopher Nolan sehr gründlich recherchiert, wenn es darum geht, das Heldenbild des genialen Kernphysikers zu untermauern. Allerdings nimmt er in Kauf, eine bedeutende Wissenschaftlerin sträflich zu ignorieren.

Es war am Montag, 16. Juli 1945, exakt 5.29 Uhr und 45 Sekunden, als ein Mensch erstmals jene Kraft entfesselte, die die Welt im Innersten zusammenhält. Auf dem Testgelände Alamogordo in der Wüste des US-Bundesstaates New Mexico detonierte die erste atomare Bombe mit einer Kraft, die 21.000 Tonnen des konventionellen Sprengstoffs TNT entsprach. Regisseur Christopher Nolan nimmt sich für diesen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte 92 Sekunden Zeit: Knapp zwei Drittel seiner dreistündigen filmischen Biografie über J. Robert Oppenheimer, den Vater der Atombombe, sind erzählt, als das Accelerando der Streicher abrupt abreißt. Der Countdown springt auf null – Stille.

OPPENHEIMER-Filmplakat © Universal

»The Gadget«, das Gerät, verwandelt sich in einen Lichtblitz und in den nächsten 92 Sekunden begleitet nur Atmen das Flammeninferno, das mit den Gesichtern von Oppenheimer und seinen Kollegen des Los Alamos-Teams gegengeschnitten ist. Im Kino, vor der großen Leinwand, ein sinnliches Erlebnis, das den Zuschauer wie eine Faust trifft – und selbst auf einem 19-Zoll-Bildschirm noch mitreißend ist.

Erst in diesem Augenblick wissen die Wissenschaftler in Los Alamos, dass ihre Plutonium-Fusionsbombe funktioniert. »Trinity« war ein Erfolg. Trinity – Dreifaltigkeit – ist der Name des Tests. Oppenheimer wählte ihn in Erinnerung an ein Gedicht des englischen Dichters John Donne, erfahren wir im Film Oppenheimer, der seit der Premiere Anfang Juli 2023 von großem Lob für seine historische Korrektheit begleitet wird: »Zerschlage mein Herz, dreifaltiger Gott.« Trinity für den Test der apokalyptischen Bombe, besser könnte das kein Drehbuchschreiber erfinden.

Das Risiko, dass sich die Kettenreaktion der Bombe fortsetzt und die Atmosphäre entzündet, was den Planeten an diesem 16. Juli 1945 in einen Feuerball verwandelt hätte, liege »bei nahezu Null«, beruhigten sich die Physiker. Als Edward Teller Stunden vor Trinity Wetten auf die Sprengkraft der Bombe bucht, bietet er auch Nebenwetten auf »atmosphärische Entzündung« an. Als die Apokalypse ausbleibt, entlädt sich die Anspannung in Lachen, Jubel, in Erleichterung.

Im Sonnenaufgang geht Oppenheimer (Oscar für den Iren Cillian Murphy) durch den Pulk seiner johlenden Mitstreiter. Schulterklopfen begleitet ihn, bis er empor gehoben wird. Nur Kopf und Oberkörper sind zu sehen, teils verdeckt durch hochgereckte Hände. Oppenheimer schwenkt seinen Hut, während hinter ihm die amerikanische Flagge ins Bild kommt. Gegenlicht verklärt die Szene mit den wehenden Stars and Stripes. Das Bild könnte auch einen Rodeoreiter im Sattel zeigen. Das ist Programm: J. Robert Oppenheimer ist ein amerikanischer Held. Und Chistopher Nolan, der als einer der wenigen Autorenfilmer in Hollywood auch bei dieser Produktion alle Fäden in der Hand hielt, hat einen zutiefst amerikanischen Film über seinen Heroen gemacht.

Ein moderner Prometheus

Dieses »Biopic«, die filmische Biographie, bezieht sich weitgehend auf die geschriebene Lebensgeschichte Oppenheimers von Kai Bird und Martin J. Sherwin. »Der Film schafft das erstaunliche Kunststück, fast jede einzelne der 591 Seiten des Buches auf Celluloid zu übertragen«, schreibt der Journalist Nate Jones, »scheinbar gibt es keine Dialoge oder vereinzelte Anekdoten über das Leben von Oppenheimer, die ungenutzt bleiben.« Jones ist Filmredakteur bei Vulture, einer amerikanischen Website mit Nachrichten zur Unterhaltungsbranche. Das Buch erschien 2005 und wurde im Folgejahr durch den Pulitzerpreis geadelt. Auf der deutschen Ausgabe prangt schlicht der Name J. Robert Oppenheimer, das Original indes trägt den Titel American Prometheus.

Der echte Oppenheimer, ca. im Jahr 1944 © Wikimedia Commons / Department of Energy, Office of Public Affairs

Damit ist ein interpretatorisches Programm vorgegeben, mit dem auch Nolan den Film eröffnet. Als Schrift auf Flammen liest der Zuschauer: »Prometheus stahl den Göttern das Feuer und brachte es den Menschen. Dafür wurde er an einen Felsen gekettet und bin in alle Ewigkeit gefoltert.«

Das blendet einerseits die widersprüchlichen Darstellungen von Prometheus aus, die die griechische Mythologie kennt. Sie reichen vom hochmütigen Betrüger, der zu Recht von Zeus bestraften wird, bis zum Wohltäter der Menschheit, der gegen den tyrannischen Göttervater einen Kampf um Gerechtigkeit führt. Andererseits ist durch diesen Titel der Fokus auf Oppenheimer als einzigem Helden gesetzt.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Wenn sie sein Bild vom Genie Oppenheimer unterstützen, folgt Nolan den Quellen akribisch. Wo die Geschichte nicht passt, wird sie passend gemacht. Wichtigstes Beispiel dafür ist eine zentrale Person der Handlung, deren Name als Synonym für die moderne Physik überhaupt gilt: Albert Einstein.

Physiker unter sich: Albert Einstein und Robert J. Oppenheimer
© Wikimedia Commons / US Govt. Defense Threat Reduction Agency

Als Kuratoriumsmitglied des Institute for Advanced Study in Princeton will Strauss »den großen Mann der Physik«, Oppenheimer, als Institutsleiter gewinnen. Vom Fenster aus beobachten sie den Enten fütternden Einstein. Strauss erklärt, er habe sich immer gefragt, weshalb Einstein nicht Teil des Manhattan-Projekts gewesen sei, als »der größte Physiker unserer Zeit«. Oppenheimer korrigiert: »Seiner Zeit«. Damit erhebt Nolan seinen Protagonisten zum legitimen Nachfolger Einsteins, zu seinem Erben.

Gemeinsam gehen sie hinunter zum Teich. Während Oppenheimer mit Einstein spricht, bleibt Strauss zurück. Auf seinem Rückweg passiert ihn der Genius. Strauss spricht ihn an: »Albert?« Doch der geht wortlos vorbei – von nun an ist Strauss überzeugt davon, Oppenheimer habe ihn bei Einstein schlecht geredet. Diese Darstellung, dass Oppenheimer und Strauss anfangs in Princeton freundlich miteinander umgingen und dort der Keim für ihre Fehde gelegt wurde, ist exakt aus American Prometheus übernommen und von Nolan durch seine eigenen Recherchen vertieft.

Mit der Teichszene hat Nolan zu Beginn des Filmes eine Klammer geöffnet, die er erst nach gut 160 Minuten schließt: Die Senatsanhörung 1959 ist überraschend gegen Strauss ausgegangen, der seinem Berater (Alden Ehrenreich) nun die Abgründe seiner Psyche öffnet: »Er hat die Wissenschaftler einen nach dem anderen gegen mich aufgehetzt, angefangen bei Einstein«, phantasiert Strauss. Im Gehen entgegnet der Berater, dass es ja vielleicht gar nicht um ihn, um Strauss, gegangen sei, sondern um etwas, »was wichtiger war«.

Ja, das war es, zeigt die Auflösung des Rätsels. Einstein übergibt die Physik quasi an die junge Generation und erklärt Oppenheimer, dass er nun die Verantwortung dafür trage, was er entdeckt habe. Dann erinnert Oppenheimer Einstein: »Als ich mit den Berechnungen zu ihnen kam, als wir dachten, dass wir eine Kettenreaktion auslösen könnten, die die ganze Welt vernichtet – ich glaube, wir haben es getan.« Die folgende Schlusssequenz des Films zeigt Visionen der thermonuklearen Vernichtung der Erde.

Die Klammer ist geschlossen. Das Thema, das wichtiger war als der von Eitelkeit zerfressene Lewis Strauss, war der mögliche Weltuntergang. Diese Sorge, Trinity könnte ihn auslösen, besprach Oppenheimer in Wirklichkeit allerding nicht mit Einstein, sondern er suchte – historisch verbürgt – Rat bei dem Physiker Karl T. Compton. Das machte sich Nolan passend, ebenso wie weitere Teile der Verbindung zwischen Oppenheimer und Einstein. Zwar kannten sich beide gut, sie hatten ihre Büros in Princeton auf demselben Stockwerk. Die für den Film zentrale Begegnung am Teich ist jedoch fiktiv. Der New Yorker-Filmredakteur Nate Jones schreibt, Nolan habe sich mit dieser frei erfundenen Teichszene von 1947 auf eine Geburtstagsparty bezogen, die 1949 im Institute for Advanced Study stattfand. Ob Einstein und Oppenheimer auf der Fete – oder bei anderer Gelegenheit – tatsächlich tiefer schürfende Gespräche führten, weiß niemand.

Diese grundlegenden Veränderungen der Fakten mögen dramaturgisch nachvollziehbar sein. Bei manchen Einfällen Nolans indes bleibt die Frage, weshalb er nicht die Größe hatte, darauf zu verzichten.

Die Frauen in OPPENHEIMER

Einige unnötige Beugungen der Geschichte lassen Schlüsse auf Nolans Frauenbild zu. Beim Blick auf die Darstellung von Oppenheimers Beziehung zu Jean Tatlock stellt sich die Frage, wie viel Handlungsfähigkeit Nolan ihnen zutraut. Als Jean und Robert sich auf einer kommunistischen Party näherkommen, wird sie zwar korrekt als Freigeist, als wissensdurstig und poetisch beschrieben, laut Bird und Sherwin war auch die Beziehung so stürmisch wie dargestellt. Inklusive ihres Hasses auf Blumen.

Falsch ist indes, dass er die turbulente Beziehung beendete. Laut American Prometheus war »es letztendlich Tatlock, die den endgültigen Schlussstrich gezogen hat«. Enge Weggefährten Oppenheimers beschrieben Jean Tatlock als dessen wahre Liebe. Die beiden muss also mehr verbunden haben als jene sexuelle Attraktion, auf die Nolan das Verhältnis reduziert, indem er die Nacktheit der wunderbaren Florence Pugh zum einzigen Attribut ihrer Filmfigur macht. Bis hin zur Vision Oppenheimers in der Anhörung 1954, wo sie rittlings mit ihm kopuliert.

Kitty Oppenheimer mit den Kindern Peter und Toni
© Wikimedia Commons / Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Die plakative Darstellung von Kitty Oppenheimer als Alkoholikerin liefert weitere Indizien für Nolans eindimensionales Frauenbild. Man hätte Emiliy Blunt mehr Freiraum gewünscht für die Darstellung der lebenslang schmerzlich geprüften Ehefrau. Bei ihr werden die Martinis zum bestimmenden Charaktermerkmal der Frau und Mutter, die durch alle Stürme zu ihm gehalten hat. Es beginnt schon bei der Partyszene, in der sich das spätere Ehepaar erstmals nahekommt. Zur erotisch aufgeladenen Erläuterung der subatomaren Fundamentalkräfte der Natur dient dem Physiker Kittys Drink als Requisit. Zugunsten des Effekts nimmt Nolan in Kauf, dass der Alkohol für Kitty erst viel später im Leben zum Problem wird, als Robert sich nach dem Krieg in Princeton niedergelassen hatte. Vulture-Autor Jones bemängelt auch, dass Oppenheimers Trinkverhalten kein Thema ist. »Seine Martinis waren stark und er trank sie mit Vergnügen«, schreiben Bird und Sherwin.

Als Wissenschaftlerinnen sind Frauen im Film sowieso Randfiguren. Auch in der Szene, als eine Zeitungsmeldung über die Versuche Otto Hahns in die theoretische Erfindung der Atombombe mündet, bleiben die Männer drüben im Dritten Reich und hüben in den USA unter sich. Luis Alvarez hält Oppie die Zeitung hin: »Die Deutschen haben es geschafft. Hahn und Strassmann haben den Atomkern gespalten.« Oppenheimer: »Sie haben ihn mit Neutronen beschossen – während des Prozesses werden weitere Neutronen frei, die zur Spaltung anderer Uranatome zur Verfügung stehen.« Alvarez antwortet: »Eine Kettenreaktion.« Dann spricht Oppenheimer aus, woran jeder Physiker auf der Welt denke, der das gelesen habe: »An eine Bombe, Alvarez.«

Der amerikanische Prometheus und Nachfolger Einsteins, der amerikanische Held, hat die Jahrhundertentdeckung gemacht. Wirklich?

Die vergessene Protagonistin: Lise Meitner

Der Wissenschaftsjournalist Harald Lesch ist Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. In seinem Wissenschaftsblog, den er für das ZDF auf Youtube bespielt (Terra X Lesch & Co.), befasste er sich mit dem Film. Er lobt ihn als »großartig und gelungen«, doch eine Person fehle, kritisierte er: Lise Meitner. »Sie war der erste Mensch, der verstanden hat, was wirklich passiert, wenn Atomkerne gespalten werden.« Meitner ist für ihn die »vergessene Hauptrolle«.

Nachdem Otto Hahn und Fritz Strassmann Uran mit Neutronen beschossen hatten, das war die Zeitungsmeldung im Film, konnten sie sich das Ergebnis nicht erklären. Hahn wandte sich an seine ehemalige Mitarbeiterin Lise Meitner, die jüdische Physikerin war nach Schweden geflohen. Im Exil erreicht sie Ende 1938 ein Brief Hahns: »Wäre es möglich, dass da Uran-239 zerplatzt in ein Ba(rium) und ein Ma(surium)? (…) Eventuell könntest du etwas ausrechnen und publizieren.«

Otto Hahn und Lise Meitner, ca. 1912
© Wikimedia Commons / Churchill Archives Centre, Cambridge University

Es sind Weihnachtsferien und Lise Meitner hat Besuch von ihrem Neffen Otto Frisch, der Kernphysiker arbeitet in Kopenhagen bei Niels Bohr. Die beiden kommen zum Schluss, dass die beiden Tochterprodukte eine geringere Masse als das Ausgangsprodukt haben und ein Teil der Masse in Energie verwandelt wurde. Lesch sagt: »Meitner und Frisch sind die ersten Menschen auf diesem Planeten, die ausrechnen, wie viel Energie bei einer solchen Reaktion freigesetzt würde.« Im Januar 1939 veröffentlichen Hahn und Strassmann ihre Ergebnisse, ohne die jüdische Wissenschaftlerin Lise Meitner als Co-Autorin zu nennen. Meitner und Frisch wiederum publizieren vier Wochen später ihre Interpretation der Daten in der britischen Zeitschrift Nature. Darin warnen sie auch vor der destruktiven Nutzung dieser Kräfte.

Laut Lesch sei Lise Meitner mehrfach gefragt worden, ob sie am Manhattan-Projekt teilnehme, sie war aber bekanntlich nicht dabei. Indes sei die überzeugte Pazifistin zu ihrem Ärger nach dem Krieg von der amerikanischen Presse als die »Mutter der Atombombe« gefeiert worden. Ihre nach dem Weihnachtsspaziergang veröffentlichte physikalisch-theoretische Erklärung der Kernspaltung wird in der Wissenschaft als deren Entdeckung gesehen, verdeutlichte Lesch. Dennoch weist Nolan es Oppenheimer und Alvarez zu, Kernspaltung und Kettenreaktion entdeckt zu haben.

Meitner erhielt zwar eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Preisen. Doch der Nobelpreis für Physik wurde ihr verwehrt, obwohl sie 48 mal von Titanen der Physik vorgeschlagen wurde, darunter Max Planck und Niels Bohr. In diese Ignoranz reiht sich Christopher Nolans Oppenheimer lückenlos ein. Lise Meitner hätte dabei gestört, J. Robert Oppenheimer zum amerikanischen Genius und vor Stars and Stripes glänzenden Helden zu verklären.

Es hat System, die Beiträge von Frauen in der Wissenschaft zu leugnen und ihren männlichen Kollegen zuzurechnen. Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Margaret W. Rossiter führte dafür den Begriff »Matilda-Effekt« ein, benannt nach der US-amerikanischen Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage.

Oppenheimer, das ist der Matilda-Effekt als gut gemachtes Bombastkino.

Martin Baur

Gekürzter Beitrag aus dem Buch Based on a true Story. Filme nach wahren Begebenheiten und die Wahrheit dahinter.