Ulrike Ottinger wird heute 80. Zu diesem Anlass hat Bernd Stiegler einen persönlichen Geburtstagsgruß an die ikonische Künstlerin und Filmemacherin verfasst

Das Titelbild des ausführlichen Gesprächs mit Ulrike Ottinger, das jüngst als Einzelheft der Zeitschrift AUGENBLICK erschienen ist, stammt aus einem Trailer für ihren Film Freak Orlando (1981). Es ist Teil einer Serie von Aufnahmen, die deutlicher als die für den Umschlag ausgewählte machen, dass Ulrike Ottinger hier ein besonderes Gewand gewählte hatte: Sie hatte sich als Müllsammlerin verkleidet. Über und über bedeckt mit den Resten von Plastiktüten, auf denen – immerhin! – noch die Werbung für Bücher zu entziffern war, schritt sie mit einem spitzen Stock bewaffnet durch eine Industriebrache, um dort Sachen aufzulesen, wie es Leute tun, die in Parks das Laub aufsammeln. Im Trailer ertönte die strenge Stimme des Aufnahmeleiters gottgleich aus dem Off und fragte, was sie dort treibe. Ihre Antwort war ebenso einfach wie wunderbar: „Ich sammle Alltag für meine Filme!“

Das Cover des Augenblick #84: Ulrike Ottinger bei Dreharbeiten zu FREAK ORLANDO
Das Cover des Augenblick #84: Ulrike Ottinger bei Dreharbeiten zu FREAK ORLANDO

Eine bessere Formel für ihr künstlerisches Werk hätte sich kaum finden lassen. Um es so zu sagen: Mir ihr spießt Ulrike Ottinger die verschiedenen Facetten ihrer Filme auf. Das französische Wort für einen Müllsammler, mithin Lumpensammler, ist „chiffonnier“. Als Typus des städtischen Lebens berühmt geworden ist er durch Charles Baudelaires Gedicht „Le Vin des chiffonniers“ aus den Fleurs du mal in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Herzen der Pariser Moderne, um fortan durch die Kulturgeschichte zu ziehen und hier und da als Charakterisierung eines bestimmten Lebens-, Schreib- und Wahrnehmungsstils aufgerufen zu werden. Ulrike Ottinger, die das Pariser Leben – vorzugsweise der rive gauche – so sehr schätzte, dass sie ihm mit Paris Calligrammes einen ganzen Film gewidmet hat, dürfte Baudelaires Sonett vertraut gewesen sein.

On voit un chiffonnier qui vient, hochant la tête,
Butant, et se cognant aux murs comme un poète,
Et, sans prendre souci des mouchards, ses sujets,
Épanche tout son coeur en glorieux projets.

Und in einer der zahlreichen Übersetzungen:

Ein Lumpensammler kommt, der, wie ein Dichter schwankend,
Wild schüttelt mit dem Kopf, an alte Mauern wankend;
Und voll Verachtung für der Späher feilen Hauf
Läßt seinem Hoffen er im Rausche freien Lauf.

Wie eine solche Dichterin läuft Ulrike Ottinger im Trailer an den Mauern entlang, unbeirrt von allen Einreden, und, so eine wörtlichere Übersetzung des letzten Verses, „ergießt ihr ganzes Herz in glorreiche Pläne“. So war es, so ist es und so soll es weiter sein.

Ulrike Ottinger als Lumpen- und Alltagssammlerin
Ulrike Ottinger als Lumpen- und Alltagssammlerin

Sie hat eines ihrer poetologischen Vorbilder zum Anzug, zum Habitus gemacht und durchstreift die Welt auf der Suche nach Alltag. Um diesen geht es in allen ihren Filmen, den frühen Spielfilmen, der „Berlin-Trilogie“ mit Freak Orlando, Bildnis einer Trinkerin und Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse, aber auch in ihren dokumentarischen Projekten und den besonderen Filmhybriden, die ebenso munter mit Gattungen und Zuschreibungen spielen wie sie Weltgegenden erkunden, die kaum ein Mensch unserer Breiten je zuvor gesehen hat. So reist sie in Chamissos Schatten und sammelt in den unendlichen Weiten des Beringmeers vor allem eines: Spuren des Alltags, des vergangenen und des gegenwärtigen. Oder sie erkundet die Taiga im gleichnamigen Film und sammelt ebenso akribisch wie konsequent sichtbare Zeugnisse eines Lebens, das gänzlich anders verläuft als eines in unseren Breiten.

Doch eigentlich gilt das für nahezu alle ihre Filme: für Countdown, der die letzten zehn Tage vor der Währungsunion 1990 in Berlin und Umland dokumentiert, für Prater mit seiner historischen Spurensuche nach dem Alltag dieses Ortes der Sensationen oder – nun bereits titelgebend – für China. Die Künste – der Alltag.

Unterwegs im Morgengrauen des Revolutionstages

Baudelaires Lumpensammler-Bild hat dann Walter Benjamin im Rahmen einer Rezension von Siegfried Kracauers Buch Die Angestellten aufgenommen, um ihn dergestalt auf besondere Weise zu charakterisieren:

Einen Lumpensammler frühe im Morgengrauen, der mit seinem Stock die Redelumpen und Sprachfetzen aufsticht, um sie murrend und störrisch, ein wenig versoffen, in seinen Karren zu werfen, nicht ohne ab und zu einen oder den anderen dieser ausgeblichenen Kattune »Menschentum«, »Innerlichkeit«, »Vertiefung« spöttisch im Morgenwinde flattern zu lassen. Ein Lumpensammler, frühe – im Morgengrauen des Revolutionstages.

Walter Benjamin, Ein Außenseiter macht sich bemerkbar. Zu S. Kracauer, »Die Angestellten«

Im Morgengrauen des Revolutionstages ist auch Ulrike Ottinger unterwegs, erhascht Bilder des Umbruchs und der Veränderung, erkundet die Sedimentierungsschichten der Geschichte in Dingen, Haltungen, Erzählungen und entwirft poetische Visionen eines Lebens, das wie das Patchwork ihres Lumpensammlerkostüms aus den verschiedensten Facetten der Wirklichkeit zusammengesetzt ist und daraus sein Glück bezieht. Die Lumpen sind Zeichenträger. An ihnen haften Gewohnheiten, Lebensformen und Weisen sich zu kleiden, zu verhalten, zu zeigen. Sie sind regelrechte Geschichtsträger, die zu Geschichten werden können, wenn man sie zusammennäht. Das tut der Film: Er montiert gesammelten Alltag und aufgelesene Bildfetzen, sorgfältig arrangierte Szenen und lange Plansequenzen und macht aus ihnen Geschichten, die dem Alltag seine revolutionäre Fremdheit zurückgeben.

Bei Dreharbeiten zum Film FREAK ORLANDO
Bei Dreharbeiten zum Film FREAK ORLANDO

Ulrike Ottinger hat das einzige Exemplar des Trailers vor vielen Jahren Enno Patalas geschenkt, anläßlich seines Abschieds als Direktor des Filmmuseums München im Jahr 1994. Mit Patalas und seiner Frau Frieda Grafe war Ulrike Ottinger nicht nur freundschaftlich verbunden, sondern teilte – von Murnau bis zum französischen Film – mit ihnen auch besondere filmische Leidenschaften. Es war ein großzügiges Geschenk, das Enno Patalas vielleicht ein wenig über den Schmerz des Abschieds hinweghalf. Heute ist der Trailer vermutlich Teil seines Nachlasses und harrt der Wiederentdeckung. Immerhin haben wir Bilder, Berichte und Erzählungen, die uns zurückschicken in die Zeit um 1980, um aus dieser reicher wiederzukehren. Ulrike Ottinger hat uns besondere, ungewöhnliche, merkwürdige und beglückende Formen des Alltags geschenkt – und mehr als das. Sie hat für uns Welten erkundet, die wir nun dank ihr visuell durchstreifen können. Und oft genug eröffnet sich auch für uns eine neue Welt, eine andere, mitunter fremde, aber immer eigentümlich nahe, die uns vieles zu denken und sehen aufgibt. Eigentlich wäre es an uns, Sie reich zu beschenken, da sie am 6. Juni ihren 80. Geburtstag feiert. Es ist der Pfingstmontag, der Tag der „Ausgießung des heiligen Geistes“. Möge sie ihr „ihr ganzes Herz in glorreiche Pläne ergießen“ und noch viele Jahre mit spitzem Stock Alltag für ihre Filme sammeln. Herzlichen Glückwunsch, liebe Ulrike! Den Sternehimmel trägst Du schon im Namen, denn das bedeutet „O Tenger“ in der Sprache der Taiga, der Alltag liegt Dir zu Füßen und Du wirst ihn in leuchtende Bilder zu verwandeln wissen.

Bernd Stiegler

Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Gespräch mit Ulrike Ottinger, erschienen im AugenBlick #84.

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