Regisseur Edgar Reitz präsentierte seinen neuen Film und wurde stürmisch gefeiert

Einen in jeder Hinsicht wahrlich gelungenen Eröffnungsabend erlebten die siebten Heimat Europa Filmfestspiele am Freitag auf dem Fruchtmarkt in Simmern – mit Ehrengast Edgar Reitz. Das vielköpfige Team vom Pro-Winzkino und die Stadt Simmern konnten am Ende nicht zufriedener sein.

Edgar Reitz (r.) und "Leibniz"-Hauptdarsteller Edgar Selge (l.)
Edgar Reitz (r.) und „Leibniz“-Hauptdarsteller Edgar Selge (l.) © HEFF/Werner Dupuis

Nach monatelanger Vorbereitungszeit erfüllte sich zunächst eine der Hauptbedingungen für einen gelungenen Start in das zweiwöchige Filmfestival: Das Wetter bescherte allen Mitwirkenden und den mehr als 300 Zuschauern auf dem Platz vor der Stephanskirche eine jener lauen Sommernächte, die es für eine Veranstaltung, die ihr Flair erst unter freiem Himmel voll entfaltet, einfach braucht.

„Ein solches Festival ist für uns als kleine Stadt schon eine große Sache“, sagte Stadtbürgermeister Andreas Nikolay. Dass der Auftakt an diesem Abend wirklich „groß“ werden würde, hatten die Verantwortlichen zwar gehofft, doch von einer solchen Intensität des Dargebotenen und einer derart riesigen Begeisterung hatten wohl nur die eingefleischten Optimisten zu träumen gewagt.

Edgar Reitz: Ein besonderer Ehrengast

In erster Linie lag es an dem besonderen Ehrengast, der einmal mehr der kleinen Stadt Simmern einen Besuch abstattete, der Stadt, die ihn 2002 zum Ehrenbürger ernannt hatte – und der der 92-jährige Filmemacher nicht nur mit seinen Heimat-Werken etwas zurückgegeben hat, das für Simmern von unschätzbarem Wert ist. Auch dass er den nach ihm benannten Filmpreis „Edgar“ ins Leben gerufen hat, zeigt die enge Verzahnung dieser Filmfestspiele mit dem in Morbach/Hunsrück geborenen Regisseur.

Das Publikum bei der Eröffnung der Heimat Europa Filmfestspiele auf dem Fruchtmarkt in Simmern
© HEFF/Werner Dupuis

Edgar Reitz hat die Filmfestspiele in Simmern entscheidend mit auf den Weg gebracht, ist auch bei der siebten Auflage wieder Schirmherr und stand am Eröffnungswochenende stets im Mittelpunkt des Geschehens. Bis wenige Tage vor dem Festival blieb offen, ob der betagte Filmemacher die lange Reise von München in den Hunsrück antreten würde. Nachdem dann die endgültige Zusage kam, lag eine besondere Spannung in der Luft.

Die war förmlich greifbar, als Moderator Holger Wienpahl (SWR) den Abend am Freitag eröffnete, Veranstalter und Gäste auf die Bühne bat und zum Schluss das Barockensemble Interchange ankündigte, das die Zuhörer unter anderem mit Auszügen aus der Filmmusik von Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes musikalisch in die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts, in der der große Philosoph, Mathematiker und Universalgenie Gottfried Wilhelm Leibniz gewirkt hat, versetzte.

Ein Raunen bei der Ankunft des Meisters

Matija Chlupacek, selbst als Flötist im Film in einer kleinen Rolle zu sehen, erwies sich auf der Fruchtmarktbühne als sympathischer Interviewpartner und vor allem als virtuoser Musiker, der zusammen mit seinen Mitstreitern des Barockquintetts brillierte. Dass Chlupacek bei der – neben Reitz – zweiten Trägerin der Simmerner Ehrenbürgerschaft, Professorin Dorothee Oberlinger, studiert hat, stellte dann sogar einen Bezug zu Simmern her. Die verspielten Melodien und wunderbar leichten Klänge des Ensembles unterbrach dann plötzlich ein Raunen im Publikum. Der „Meister“ war eingetroffen.

Stimmung auf dem Fruchtmarkt beim Auftritt des International Cajun Trios © HEFF/Werner Dupuis

Edgar Reitz, am selben Tag in München aufgebrochen, erschien mit Ehefrau Salome Kammer nach achtstündiger Fahrt auf dem Festplatz. Die Musik verstummte, die Zuschauer klatschten spontan Beifall. „Das war eine tolle Atmosphäre als der Applaus aufbrandete. Das hat mich berührt“, bekannte Andreas Nikolay. In der ersten Zuschauerreihe setzte hektisches Stühlerücken ein, und der Regisseur nahm nach herzlicher Begrüßung, unter anderem durch „Leibniz“-Hauptdarsteller Edgar Selge, Platz. Zusammen mit seiner Frau Salome Kammer genoss er die Klänge des Barockkonzerts. Die Heimat Europa Filmfestspiele konnten nun „richtig“ beginnen.

Welche Bedeutung die Stadt Simmern für Edgar Reitz hat, ließ der gebürtige Morbacher im Anschluss das Publikum wissen: „Es ist das wirkliche Glück, hier zu sein. Alles, was ich denke und fühle, hat hier seinen Anfang genommen.“ Hier in Simmern ist er zur Schule gegangen. Die Postlichtspiele habe er damals verächtlich links liegen lassen, „weil dort in der Nachkriegszeit unsäglich kitschige Filme liefen.“

Seine Abiturprüfung bescherte ihm dann, dass er im Fach Religion – als einziger seines Jahrgangs – zur Prüfung ranmusste, erzählte Reitz dem Publikum. Ausgerechnet Religion. Einen Zugang zu dem Fach und letztendlich zu seiner Abiturprüfung habe er erst erhalten, nachdem er kurz zuvor Leibniz und dessen Theorien zum wissenschaftlichen Gottesbeweis gelesen hatte. Das habe er zu seinem Prüfungsthema gemacht, „und bekam dafür glatt einen Einser“, schmunzelte Reitz und schlussfolgerte: „Da hab‘ ich mir gedacht, da möchte ich doch dem Herrn Leibniz in meinem Leben irgendwann danken.“

Hat er dann auch, wenn auch erst im hohen Alter. Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes habe sich allerdings als schwere Geburt herausgestellt, nach Unterbrechung durch Corona und allerlei anderen Hürden. „Ich habe ehrlich gesagt die Hände überm Kopf zusammengeschlagen“, berichtete der ebenfalls anwesende Drehbuchautor Gert Heidenreich auf die Frage von Moderator Wienpahl, wie er denn auf die „Leibniz“-Idee von Edgar Reitz reagiert habe. „Ich ahnte, was für eine Arbeit auf uns zukommen würde.“

Vielleicht musste Edgar Reitz erst ein hohes Alter erreichen, um sein Projekt umzusetzen. „Edgar Reitz ist ein großer Philosoph“, betonte Heidenreich. Gleichwohl betonte Reitz: „Wir wollten keinen gedankenschweren Philosophenfilm machen.“ In „Leibniz“ geht es um ein Portrait, dass dieser von sich anfertigen lässt. „Auch wir Filmemacher machen Portraits“, führte Reitz aus. „Welche Wahrheit, welche tiefe Erfassung einer Person kann ein einzelnes Bild hervorbringen?“ „Welche Wahrheit kann ein Film?“

Ein 92-Jähriger braucht „artgerechte Haltung“

Gebannt hingen die Zuhörer an seinen Lippen. Moderator Holger Wienpahl warf treffend ein: „Wenn ich Sie so reden höre, sind Sie so unfassbar jung.“ Salome Kammer hatte eine Erklärung. Wann immer es um Film, ums Drehen gehe, zeige Edgar Reitz große Leidenschaft, Engagement und dabei große Vitalität. „Es fließt dann so viel Energie aus ihm heraus.“

Der „Meister“ erzählt – Edgar Reitz © HEFF/Werner Dupuis

Mit einem Augenzwinkern fügte Kammer an: „Er braucht halt artgerechte Haltung, er braucht das Drehen.“ Und prompt schob der Regisseur einen weiteren jener monumentalen Sätze nach, mit denen er sein Publikum stets fasziniert: „Leinwand und Mensch bilden ein Ereignis. Film ist nicht auf der Leinwand, sondern in den Köpfen und Herzen der Menschen – das ist die Projektionsfläche.“

Anstrengung ist Spaß – oder ein wunderschöner Wahnsinn

Aussagen wie diese stehen wie Naturgesetze im Raum – und sind seine Mission. Und beinahe nebenbei betont er: „Jeder, der meinen Namen hört, denkt an Heimat, Heimat, Heimat. Dabei hab‘ ich auch noch was anderes gemacht.“ Zum Beispiel Leibniz.

Den Film habe er in Simmern nach der Premiere bei der diesjährigen Berlinale erst zum zweiten Mal vor Publikum gesehen, wie er bekundete. Reitz freute sich dabei sichtlich auch über die Anwesenheit von Antonia Bill, die in seinem neuesten Film die Königin Charlotte verkörpert. „Für mich war es ein Traum, noch einmal mit ihm zusammen zu arbeiten“, sagte sie auf der Fruchtmarktbühne. Die Arbeit als Jettchen in „Die andere Heimat“ und nun bei dem jüngsten Reitz-Film sei für sie prägend gewesen, „ein wunderschöner Wahnsinn“.

Hauptdarsteller Edgar Selge, den Namensvetter Reitz mit „mein Leibniz“ begrüßte, betonte, wie „dankbar, ungeheuer glücklich und aufgeregt“ er gewesen sei, als der „Vater des Deutschen Films“ bei ihm anrief, um ihm die Hauptrolle in seinem Film anzubieten. Auf die Frage des Moderators, ob die Arbeit an dem Film nicht auch anstrengend gewesen sei, antwortete Selge: „Anstrengung ist Spaß.“

Und diesen „Spaß“ ließ Selge auch bei seiner Lesung aufblitzen, als er tags darauf aus seinem Buch „Hast Du uns endlich gefunden“ vorlas. Unterhaltsam und informativ leitete Karl Werner von der Buchhandlung Schatzinsel im Dialog mit dem Autor die Lesung, die das Publikum, inklusive Edgar Reitz, am Ende mit großem Applaus honorierte. Und das neueste Buch von Edgar Reitz, das den Dialog zwischen Hauptdarsteller und Regisseur bei der Entstehung von „Leibniz“ dokumentiert, fand ebensolch großes Interesse beim Publikum, wie Selges Bestseller. Beide Autoren kamen gern den Signierwünschen des Publikums nach.

Signierstunde mit Edgar Reitz (l.) und Edgar Selge (r.) © HEFF/Werner Dupuis

Auch am Sonntag erschien Edgar Reitz bei der Wiederholung seines Films Leibniz erneut im Pro-Winzkino und sprach anschließend noch einmal über seinen Film. Drehbuchautor Gert Heidenreichs schilderte in dem Rahmen unter der Überschrift „Einen Leibniz schreiben“, vor welchen Problemen er und Reitz standen, als sie daran arbeiteten, den großen Denker Leibniz auf die Kinoleinwand zu bringen. Sein Fazit gleich zu Beginn: „Neun Jahre Arbeit mit Edgar Reitz waren eine wahre Freude.“ Was es heißt, Kostüme und Szenenbild eines in der Barockzeit spielenden Films zu schaffen, verdeutlichte im Anschluss Christoph Hellhake mit seiner kurzen Dokumentation über die aufwendigen Arbeiten hinter den Kulissen. Begeisterung und Hingabe waren hier die wichtigsten Zutaten.

Wettbewerb und spannende Gäste

Für die Festspielmacher galt das auch fürs erste Wochenende der Heimat Europa Filmfestspiele. Kurator Janis Kuhnert freute sich über den starken Publikumszuspruch. „Edgar Reitz als Schirmherr hat sicher viele Leute angezogen. Er hat einfach eine große Ausstrahlung“, sagte Kuhnert, blickte aber gleich auch nach vorn: „Der Wettbewerb um den ,Edgar‘ geht ja jetzt erst richtig los. Und wir werden noch spannende Gäste bei uns begrüßen.“ Andreas Nikolay ergänzte: „Was da noch kommt, ist großartig.“

Thomas Torkler / Heimat Europa Filmfestspiele

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Hier erfahren Sie mehr zum Leibniz-Filmbuch.