60 Jahre Die Schwarze aus Dakar: Wie der Film afrikanisches Kino sichtbar machte, die Gewalt postkolonialer Machtverhältnisse aufzeigte und einer jungen Frau aus Dakar filmisch ihre Stimme und Würde zurückgab.
Vor 60 Jahren kam La Noire De… (international Black Girl und in Deutschland Die Schwarze aus Dakar) ins Kino, der erste Langfilm des zuvor vor allem als Schriftsteller tätigen senegalesischen Aktivisten Ousmane Sembène. Die tragische Geschichte der titelgebenden jungen Frau aus Dakar, die als Dienstmädchen zu einer weißen Familie nach Frankreich kommt, erhielt zwar ein eher maues Presseecho im globalen Norden, Filmschaffende und Publikum beeindruckte der Film jedoch und bekam in Folge internationale Aufmerksamkeit.

So gilt Die Schwarze aus Dakar als einer der Filme, die überhaupt eine Wahrnehmung dafür schafften, dass es ein afrikanisches Kino gibt, lange Zeit ein völlig blinder Fleck der seit jeher auf Europa und die USA zentrierten Filmgeschichte und -kritik. Diese Ungleichheit ist dabei keine reine Frage der kritischen Würdigung oder deren Ausbleibens, sondern eine von Ressourcen und Zugängen zu Produktionsmitteln, Vertriebswegen und Diskursen, umso mehr in Zeiten, wo die Geräte und das Material für die Produktion von Filmen ungleich kostenintensiver waren.
Sembène zwischen Aktivismus, Literatur und Film
Doch gerade Ousmane Sembène konnte hier in besonderer Weise wegbereitend wirken, brachte er doch eine gewisse Bekanntheit mit, die dem Film auf der globalen Bühne half, denn seine Romane und Kurzgeschichten wurden bereits übersetzt und in zahlreichen Ländern anerkennend aufgenommen.

Sein Aktivismus in einer politisch höchst dynamischen Zeit – 1923 geboren nahm er am Zweiten Weltkrieg sowie kolonialen Befreiungsbestrebungen teil – fand Ausdruck in Arbeitskämpfen, politischen Aktionen und ganz wesentlich in seinem literarischen oder filmischen Schaffen; vielleicht wäre es zutreffender zu sagen, dass seine kulturelle und künstlerische Aktivität stets der ästhetisierende Ausdruck eines tief verwurzelten politischen und humanistischen Bewusstseins war. Als Geschichtenerzähler fasste er Unterhaltung und Kunst als Möglichkeit für gesellschaftliche Veränderung zu einer progressiven, faireren Zukunft auf und erkannte die dem Kino ureigene Stärke, auch ein nicht-lesendes oder bildungsfernes Publikum aufzuklären, zu bilden und emotional wie politisch zu involvieren.
Sembène kannte aus eigenem Erleben die (post-)koloniale Begegnung europäischer und afrikanischer Kulturräume, in denen er den Film spielen lässt. Er lebte selbst eine Zeitlang in Paris, arbeitete in einer Autofabrik, vertiefte sich in die US-amerikanische „Harlem Renaissance“ als prominenten künstlerisch-politischen Ausdruck eines in der Diaspora wiederentdeckten schwarzen Bewusstseins und durchdrang die zu dieser Zeit aufkommenden Rückbezüge europäischer und afrikanischer Denker*innen auf marxistische und psychoanalytische Theorie, die später zu dem wurde, was wir heute als postkoloniale Theoriebildung bezeichnen.

DIE SCHWARZE AUS DAKAR (1966) © Criterion
Parallel verfolgte er sozusagen live mit, wie der kunstvolle Sozialrealismus französischer Linker wie Camus oder Sartre gesellschaftliche Debatten und ganz konkret auch die Protestbewegungen der Zeit mitformte.
Produktion und Einflüsse
Entsprechend adressiert Die Schwarze aus Dakar die postkoloniale Begegnung sehr pointiert und aus europäischer Perspektive zugänglich, indem der Film das überschaubare Figurenarsenal aus einem Cast von Laien für einen großen Teil des Filmes nach Frankreich holt.
Ungeachtet seiner Einfachheit ist der Film formal brillant, greift den Stil der französischen Nouvelle Vague auf und durchaus auch Einflüsse avantgardistischer sowjetischer Autorenfilmer wie Tarkowski oder Eisenstein, formuliert dabei aber eine eigene, sehr klare Bild-, Klang- und Erzählsprache (die Sembène später auch auf anderer Ebene weiterführte, als er erneut Pionierarbeit leistete, indem er einige Filme in der westafrikanischen Sprache Wolof drehte).
Zwischen Dakar und Paris: Räume der Macht
Die Handlung von Die Schwarze aus Dakar ist dabei schnell erzählt: Eine junge Frau lässt sich von einer Französin in Dakar als Kindermädchen anheuern, begleitet die Familie zurück nach Paris. Ihr neues Leben in Frankreich, das sie sich als weniger prekär als in ihrer senegalesischen Heimat erhofft hatte und stattdessen als Zugang zum mondänen Versprechen Europas von Konsum, Teilhabe und Urbanität, stellt sich als die erniedrigende Existenz als Dienstmagd und exotischem Schauobjekt heraus, die sie durch Suizid beendet.
Sembène hatte über dieses reale Schicksal in einer Zeitungsnotiz gelesen, ging diesem erst in einer Kurzgeschichte nach, anschließend dann filmisch und dieser Blick ist wichtig: Er ist interessiert an diesen Menschen und daran, welche Beziehungen und Machtanordnungen in dieser Situation entstehen. Dass er einer namenlosen Toten dabei eine Geschichte und eine Würde zurückgibt, drückt sich von Anfang an auch in der Machart des Filmes aus; per Voiceover spricht die Hauptfigur Diouana (im Übrigen die einzige Figur, die einen Namen hat und anders als ihre Arbeitgebenden nicht nur so heißt wie ihre Position) zum Publikum und verdeutlicht ab Beginn: Hier erzählt sich eine Person selbst – die ‚Subalterne‘ spricht und kann sprechen, wird nicht von Fürsprechern übersetzt und eingeordnet.

Flashbacks lassen uns wissen, dass sie im Senegal trotz Armut und begrenzter Möglichkeiten immerhin frei genug war, Spaziergänge mit ihrem Freund zu unternehmen und weniger der Willkür anderer, sich ihr überordnender Menschen ausgeliefert, in Paris verlässt sie die Wohnung quasi nicht. Sie ist zwar nicht eingesperrt, aber ‚Madame‘ echauffiert sich bezeichnenderweise über Diouanas Idee, mal nach draußen zu gehen: „Was soll sie da?“
Eine auswegslose Situation
Dabei glorifiziert der Film jedoch auch nicht die alte Heimat, um diese platt kontrastierend als vermeintlich bessere Welt gegen die leeren Versprechungen und die Unterwerfung in Paris auszuspielen, denn als Diouana einen Brief ihrer Mutter aus Dakar enthält, den Madame öffnet und verliest, wird darin kalt und manipulativ nach Geld gefragt – Diouana befindet sich zwischen zwei auf unterschiedliche Weisen, jedoch gleichermaßen entmenschlichenden und tragischen Situationen.

‚Madame‘, die ja selbst dem Familien-Patriarchen, ihrem Monsieur, hierarchisch untergeordnet ist, zeigt dabei zu keinem Moment Solidarität mit einer anderen unterjochten Frau (Sisterhood, würden wir gegenwärtig sagen) oder zumindest zwischenmenschlichen Anstand oder gar Freundlichkeit. Im Gegenteil, sie wird zunehmend aggressiv und boshaft in ihren Machtdemonstrationen, Diouana wiederum phlegmatisch in ihrer Vereinsamung.
Dies kann als ein stiller Widerstand, ein inneres Exil mitten im Exil, ein regloser Ungehorsam gelesen werden, bemerkenswerter ist jedoch, mit welchem Einfühlungsvermögen Ousmane Sembène die gravierenden psychischen Folgen von Machtausübung, Unterwerfung und Eingesperrtsein darstellt, die für den zeitgenössischen Psychiater und Entkolonialisierungs-Theoretiker Frantz Fanon zentrale Themen in seiner Analyse der afrikanischen Kolonialsituation sind, was Sembène rezipiert und verinnerlicht hat.
Die weibliche Erfahrung zwischen Rassismus, Sexismus und Klasse
Es ist eindrucksvoll, mit welcher Empathie und verständiger Kameraperspektive er in der Lage ist, eine Depression nachfühlbar zu bebildern, zäh, leise und tief – Jahrzehnte bevor „mental health“ Sichtbarkeit bekam oder es ein Vokabular gab, um sie zu adressieren. Der Fokus auf eine weibliche Protagonistin und durch sie auf die spezifische Situation einer afrikanischen Frau ist ein entschiedenes Eintreten Sembènes, das sich konsequent bis in seinen letzten Film Moolaadé von 2004 zeigt, ein wiederum brillanter, wenngleich nicht einfach auszuhaltender Film über die in einigen afrikanischen Ländern noch immer stattfindende, grauenvolle Praxis der Genitalverstümmelung.

Jedenfalls: Als ein in solcher Weise anti-kolonialer, unterdrückungskritischer, proto-feministischer und durch und durch humanistisch motivierter Film führt Die Schwarze aus Dakar die Gewaltfrage von einer impliziten, mittelbaren weiter zu der expliziten der Selbsttötung: Befreit sich die leidende Person von ihrer Qual, bringt sie damit gar eine Bestrafung über ihre Unterdrückenden oder ist es schlicht die fürchterliche, fatale Konsequenz einer ganz und gar ausweglosen materiellen und psychischen Situation, in der quasi kein Raum für Widerstand oder Veränderung ist?
Sembène heute: Wiederentdeckungen im Zeitalter der Algorithmen
Ousmane Sembène ist kein vergessener Filmschaffender, doch ganz klar einer, der immer wieder wiederentdeckt wird (so etwa durch Retrospektiven oder eine aufwendige DVD-Edition einiger Filme) und werden muss, insbesondere in diesen Zeiten eines verengten, algorithmisch kuratierten Streaming-Diktats, in dem ein solches „Welt“-Kino wenig auftaucht, das so viel von seinem Publikum verlangt. Doch bietet es auch ungleich mehr an und zeigt eine Perspektive, die etwas Unbekanntes im Bekannten sichtbar macht (und manchmal auch andersherum).
Dass Sembène als wichtige intellektuelle Stimme eines revolutionären Afrika im postkolonialen Umbruch kanonisiert ist, ist das eine – die Filme jedoch auch wirklich als Filme wiederzubesuchen oder neu zu erkunden und nicht in erster Linie als sozio-historische Artefakte, ist eine thematisch und cineastisch reiche Entdeckungsreise, deren Beginn Die Schwarze aus Dakar sein könnte, dem der Zahn der Zeit auch nach 60 Jahren noch nichts abgenagt hat und dessen Bedeutung für ein afrikanisches Kino und dessen erzählerische, darstellerische und visuelle Güte in den letzten Jahren eine neue Wertschätzung erfuhren.
In seinen Filmen werden Fragen von Ethnie, Geschlecht, Verteilung des Reichtums, von Macht, Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung gestellt, die nicht aufhören, aktuell zu sein.
Björn Sonnenberg-Schrank
Dieser Beitrag stammt aus dem Filmkalender 2026. Auch der Kalender für 2027 enthält Portraits von Filmschaffenden und spannende Textbeiträge.


Eine DVD-Box mit restaurierten Versionen der Sembène-Filme Ceddo (1977),
Xala (1975) und Emitaï (1971) ist bei trigon Film erschienen.

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