Regisseurin und Drehbuchautorin Sarah Neumann über ihren Debütfilm JENSEITS DER BLAUEN GRENZE (2025)
Was mich neben den bezaubernden jungen Hauptfiguren Hanna, Andreas und Jens und deren Geschichte einer Jugend, die ohne ihr Verschulden durch das DDR-Regime zerstört wird, an der Geschichte besonders reizt, ist, der Fluchtversuch auf dem offenen Meer. Das Thema Flucht ist aktuell wie nie. Häufig wird vergessen, dass Flüchtende keineswegs nur Menschen aus weit entfernten Ländern sind.

in die Freiheit zu schwimmen. © SWR/Wood Water Films
Hanna ist auf dem besten Weg zu einer Karriere als Leistungsschwimmerin in der DDR. Mit den Anforderungen, die von staatlichen Repräsentanten an sie gestellt werden, kommt sie zurecht. Anders als ihr bester Freund Andreas, der als renitent gilt und immer wieder ins Visier der Staatsmacht gerät. Nach einer quälenden Zeit der Umerziehung in einem Jugendwerkhof will Andreas unbedingt weg. Er bittet Hanna um Hilfe, sie soll ihn für die Flucht über die Ostsee vorbereiten. Hanna trainiert Andreas heimlich, aber eigentlich ist ihr klar, dass er es ohne sie niemals schaffen kann. Gemeinsam fliehen sie im Sommer 1989 über die Ostsee – verbunden miteinander über eine dünne Schnur, trennen sie fünfzig Kilometer Wasser von der Freiheit.
In unserer eigenen Geschichte, in unseren eigenen Familien wurde geflüchtet. Die anfängliche Euphorie, die zunehmende Erschöpfung, der Kampf gegen äußere Einflüsse, der Verfall der Ausrüstung und des Körpers, schließlich der innere Kampf und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben prägen einen absoluten Ausnahmezustand, den es annähernd begreifbar zu machen wohl nur die Kinoleinwand versuchen kann.

Es existieren bereits Filme über die DDR, speziell über Fluchtversuche. Das Besondere an dem Film Jenseits der blauen Grenze ist für mich, zwei junge Menschen zu erzählen, die trotz zahlreicher Ungerechtigkeiten um ein freies,
selbstbestimmtes Leben und letztendlich um Anerkennung kämpfen – ein Thema, mit welchem ich mich in meinen Filmen immer wieder auseinandersetze.
Spannend finde ich den Gegensatz zu jungen Menschen in unserer heutigen Generation, denen alle Möglichkeiten der Selbstverwirklichung offenstehen, die dadurch aber mit Überforderung und Resignation zu kämpfen haben. Anerkennung bekommt man heutzutage vielleicht schon flüchtig durch ein Like auf Instagram. In der DDR war es sehr schwer, Anerkennung zu bekommen, herauszustechen, etwas Besonderes zu sein, wenn man nicht linientreu
sein wollte. Aus einem harmlosen Spaß konnte plötzlich bitterer Ernst mit schweren Konsequenzen für das ganze Leben werden, wie das bei Andreas der Fall ist.

und eine Medaillenhoffnung. © SWR/Wood Water Films
Bei Hanna zeigt sich die Sehnsucht nach Anerkennung in ihrem Traum, eine erfolgreiche Leistungsschwimmerin zu werden. Das Motiv «Schwimmen» und das damit verbundene Thema «Leistungssport in der DDR» finde ich hoch spannend. Darüber lässt sich einerseits das positive Lebensgefühl vieler Menschen in der DDR sowie ein gewisser Stolz auf ihr Land sehr spürbar erzählen.
Andererseits aber auch die Schattenseiten, wie ein unglaublicher Leistungsdruck,
totale Beobachtung und Kontrolle, bis hin zu Doping. Der Film Jenseits der
blauen Grenze soll die Zuschauenden in eine Achterbahn aus Hoffnung und Angst,
Lachen und Bangen mitnehmen, auf eine vielschichtige Reise durch unsere eigene, nicht allzu ferne Geschichte.
Auszug aus dem Buch Debüt im Dritten – Eine Chance für den Nachwuchs.
Der Band versammelt eine Übersicht über die Erfolgsgeschichte dieser seit nun 40 Jahren bestehenden Nachwuchsredaktion, in der unzählige Kurzfilme und mehr als 200 Langfilme und Serien entstanden sind.

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