1986 kommt Spike Lees Regiedebüt SHE’S GOTTA HAVE IT in die Kinos und begründet eine Karriere, die stets auf gesellschaftliche Missstände blickt.

Fight the Power, Brooklyn, Blaxploitation. Didaktik, Wut, Politik. Spike Lee, wenngleich kein reiner Blaxploitation-Regisseur, ist mit besagtem Subgenre der 1970er eng verwoben. Und gleichsam mit Hip-Hop-Kultur, New-York-Kino und politischem Appell der Marke Malcolm X, Black Panther und Martin Luther King. In seinem gesamten Werk, dies ist zweifelsfrei zu sagen, ist eine Ästhetik vorzufinden, die politisch ist und Bilder zeigt, die Haltung haben und vom Publikum einfordern, ebenjenes zu tun. Es ist laut, mahnend und dabei dennoch verspielt und humoristisch.

Tracy Camilla Johns als Nola Darling und Spike Lee als Mars Blackmon in
SHE’S GOTTA HAVE IT (1986) © MGM
Blaxploitation als Gegenentwurf zu White Hollywood

Nochmal zurück zu Blaxplotation, denn obschon Lee nicht zur Blaxploitation-Ära Filme machte, hat er sie aufgesogen, weil sie ein Gegenentwurf zu White Hollywood waren. Ein Black Hollywood, um Hollywoods rassistisches Super Ego zu brechen. All dies mit funky Outfits und Musik, klar voneinander getrennten Rollen für Frau und Mann.

Tracy Camilla Johns als Nola Darling in
SHE’S GOTTA HAVE IT (1986) © MGM

Und allen voran der New Yorker John Shaft aus Shaft (1971), der gegen das Verbrechen kämpft und dabei im Vergleich zu Youngblood Priest, der Titelfigur aus Super Fly (1972), noch eher Understatement wahrt. Priest, Kokaindealer seines Zeichens, mitsamt Zuhälterästhetik und dem Glauben daran, dass Verbrechen die einzige Option ist, die ihnen »the man« übriggelassen hat. Back to 1971, denn auch hier geht es um Verbrechen, wenn der ob seines massiven Gliedes »Sweet Sweetback« genannte in Sweet Sweetback’s Baadasssss Song von der Polizei bezichtigt wird, ein Verbrechen begangen zu haben. Hier zeigt Blaxploitation früh den klaren Konflikt zwischen Mikro und Makro, Black Communities kämpfen (teilweise untereinander) aber immer um das Überleben inmitten der weißen Dominanzgesellschaft.

Und damit sind wir wieder bei Spike Lee, der all diese Filme in seinen Teenagerjahren gesehen hat und bis heute in seinen Werken zitiert. Das Konzept Exploitation wird dabei gestrichen und viel eher als Celebration verstanden, weg mit den »magical negros«, »mammies« und »jezebels« und vor allem den ersten Opfern in Slasherfilmen – an dieser Stelle ein kurzer Verweis auf Jordan Peeles Meta-Subversionstaktik ebenjenes Stereotypes in der Anfangssequenz von Get Out (2017), »not today, not me. You know how they do the motherfuckers out here, I’m gone.«

She’s Gotta Have It: Ein neues Schwarzes Kino entsteht

Lee macht sein Debüt 1986 mit She’s Gotta Have It und zeigt eine sexuell selbstbestimmte schwarze Frau in New York. Gedreht in Schwarzweiß, durchtränkt von Ronald Reagans »Reaganomics«, verflechtet Lee Crackkonsum mit Kunsthochschulästhetik und zeigt, dass Blaxploitation, wenngleich nicht mehr vorhanden, immer noch durch die kulturelle Landschaft der USA zittert, diesmal aber mit Herz und gezieltem Kameraeinsatz, immer der Frage folgend, wem zugehört wird, wenn geschossen wird. Es ist kein Stilmittel zum Zitat verkommen – man denke an Tarantinos Django Unchained (2012) –, sondern der Motor jeglicher Filme, mehr als nur Hommage, sondern Lebensrealität und Politik.

Besonders an Spike Lees Filmen ist, dass er immer klar aufzeigt, was falsch ist und dass es womöglich auch kein richtiges Leben im falschen gibt. So auch in seinem dritten Film, Do The Right Thing (1989), dessen mahnender Titel wohl am besten von der Figur Radio Raheem verkörpert wird, der seine Fäuste, mitsamt deren ikonischen »Love«- und »Hate«-Ringen, in einer Einstellung in die Linse hält und auf der Boombox Public Enemys »Fight the Power« blastet und dessen Tod die Verhältnisse in Bedford-Stuyvesant eskalieren lässt. Ebenso wie die Fäuste mit den Ringen versehen, möchte Lees Kino nicht bloße Unterhaltung sein, sondern auch konfrontieren: »My beloved, let‘s get down to business, mental self-defensive fitness. Bum-rush the show, make everybody see, in order to fight the powers that be. Lemme hear you say, fight the power!«

Spike Lee, Danny Aiello, Richard Edson und John Turturro in
DO THE RIGHT THING (1989) © Universal

Hip-Hop und Sport, im speziellen Basketball (Lee ist bekennender Fan der New York Knicks), sind feste Bestandteile seiner Ästhetik, nicht nur die Musik und Dramatik des Sports, sondern auch deren Identitäten, Ideologien, Referenzen und Rhythmen, ob im Dialog oder Schnitt. Crooklyn (1994) bezeichnete Lee deshalb auch als eine Art Mixtape seiner selbst, und im Basketball-Drama He Got Game – Spiel des Lebens (1998) eint er Sport und, wieder, Public Enemy. Und natürlich trägt auch Mookie (gespielt von Lee selbst) in Do the Right Thing Basketball- und Knicks-Jersey.

BlacKkKlansman: Dekonstruktion des Buddy Cop Movie

Und neben dem Musical Chi-Raq (2015) geht es auch in dem Period Piece BlacKkKlansman (2018) um Hip-Hop-Kulturen und den Kampf gegen White Supremacy, hier vielleicht mit am deutlichsten, ist der Film eine klare Abhandlung mit dem Ku-Klux-Klan und White America.

Basierend auf dem Buch von Ron Stallworth und dessen Erlebnissen versetzt Lee das Publikum in die 1970er Jahre und dekonstruiert das als Buddy Cop Movie anmutende Narrativ hin zu einem politischen Lehrstück, um rassistische Gewalt und Unterdrückung sowohl in den 1970ern als auch dem Jetzt und der Zukunft offenzulegen. Das wird insbesondere vor dem Hintergrund von Sprache und deren Performativität deutlich, spielen zentrale Plotpunkte mit Telefongesprächen zwischen Stallworth und David Duke, Politiker und Neonazi, ehemaliger Abgeordneter des Repräsentantenhauses von Louisiana und Leiter der Knights of the Ku Klux Klan. Duke, der Stallworth als weiß liest, lobt dessen »weiße Aussprache« in Absage gegenüber dem, aus seiner Sicht, minderwertigen African-American Vernacular English.

Spike Lee mit Topher Grace und Adam Driver am Set von
BLACKKKLANSMAN (2018) © Universal

Und dann endet der Film, aber nicht in den 1970ern, sondern im August 2017. Wir sehen wackelige Handyaufnahmen, vertikal wie horizontal, Fackeln, Schreie, Nazis und Naziflaggen und Demonstrant:innen. Wir sind in Charlottesville, Heather Heyer stirbt, es rast ein Auto in die Menge. Hier kommt Lees, vielleicht, stärkstes Stück. Nicht etwa beginnt der Film mit der Gegenwart, sondern zeigt zunächst die Vergangenheit auf, wie in einem Brecht‘schen Lehrstück wird das Publikum mit den Prinzipien des Stücks vertraut gemacht, um dann das Stück selbst zu entlarven. Und folglich wird auch die stilisierte, fiktionale Gewalt entkräftet und wir sehen Realität, die Bilder sind verpixelt und zuletzt prangt eine umgekehrte und in schwarz-weiß gehaltene USA-Flagge – das Zeichen dafür, dass das Schiff beziehungsweise das Land in Unruhe ist.

Und der Film ist Heyer und all jenen gewidmet, die noch kämpfen: gegen Polizeigewalt, jegliche Formen von Rassismus und dass Geschichte jegliche Geschichte ist und sich nicht etwa wiederholen kann; und es passt, dass nun derselbe orangehaarige Krieger im Weißen Haus sitzt wie zu Zeiten von BlacKkKlansman.

Dokumentarisches Arbeiten und der Blick auf amerikanische Traumata

Lee bewegt sich durchaus auch im dokumentarischen Feld, wie etwa der Serie When the Levees Broke (2006), in der er die Katastrophe um Hurricane Katrina nachzeichnet und die amerikanische Politik scharf kritisiert; gleichsam geht er im Spielfilm Da 5 Bloods (2020) vor und setzt sich mit amerikanischen Traumata um Vietnam, Kolonialismus, Black Lives Matter und maskuline Fragilität auseinander, was er mit Archivmaterial und popkulturellen Fundstücken versehen hat.

CROOKLYN (1994) © Universal

Wo man bei Spike Lee hinschaut, es ist unbequem, nicht nur für weißes Hollywood, sondern im Allgemeinen für die stillen Liberalen, die Identitätspolitik eher als Slogan und nicht als Wert leben; dafür nutzt er seine Ästhetik, weniger, um Teil von einem Narrativ zu werden, und viel eher, um ein eigenes zu schaffen: »I may have been born yesterday, but I stayed up all night.« Dazu passt auch, dass er mit 40 Acres and a Mule eine eigene Produktionsfirma gegründet hat, die vorwiegend Laiendarsteller:innen nutzt, um Independentfilme in Hollywood machen zu können. Er trägt das Marginalisierte mit Stolz und macht darauf aufmerksam, indem er die Sprache der Dominanzkultur gegen ebenjene verwendet und sie demaskiert.

Cannes 2025 und ein Blick in die Zukunft

Im Mai 2025 feiert Lees neuestes Werk, Highest 2 Lowest, bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere. Der Film ist eine Interpretation von Akira Kurosawas High and Low von 1963, in dem eine Familie von einem Kidnapper bedroht und erpresst wird und welcher dem Detektiv-Genre zugeordnet ist. Es wird spannend sein zu sehen, inwieweit Lee den Stoff verändert hat, da aber als Eckpfeiler des Originals Macht, Polizei und Kriminalität im Mittelpunkt stehen, ist die Vermutung nicht zu fremd, dass es auch hier mit einer gehörigen Portion Fingerzeigen vonstattengehen wird – es bleibt also spannend!

Spike Lee 2025 bei der ›Delivering Democracy Lecture‹ in der Pilgrim Rest Baptist Church
in Phoenix, Arizona. © Wikimedia Commons / Gage Skidmore

Spike Lee bleibt relevant, und an dieser Stelle zitiere ich nochmals Tarantino, der seit einigen Jahren bemüht ist. sein eigenes Schaffen zu kapitalisieren, indem er mehrfach betonte, dass gute Regisseur:innen irgendwann »too old for this shit« seien und lieber aufhören sollten, wenn sie am besten sind. Lee, Leigh, Loach, Scorsese, … – they beg to differ, und das ist gut so!

Jonas Neldner

Dieser Beitrag stammt aus dem Filmkalender 2026. Auch der Kalender für 2027
enthält Portraits von Filmschaffenden und spannende Textbeiträge.