100 Jahre Herbert Hunger. Dr. Adelheid Maria Hunger über den Trickfilmregisseur

Die Lebensreise des Trickfilmpioniers Herbert Hunger begann am 17. Januar 1923 in Wurzen in einem schiefen Haus in der Carolagasse (später Badergasse), wo sowohl das Wasser als auch der Ball oft in einer Ecke landeten.

Herbert Hunger © Familienarchiv Hunger
Hungers Ausbildung

Nach einer liebevollen Kindheit, für die eine Biografie bis zum Ende des Krieges vorliegt, absolvierte Herbert zunächst eine Malerausbildung mit Gesellenprüfung (1937–1940) unter Meister Hühn, was ihm später im Studium in Kassel sehr zugute kam. Bereits während der Malerausbildung fiel auf, dass Herbert als Einziger traumhaft Schriften ausführen konnte, damals auch schon als Werbung auf Autos.

Herbert selbst berichtete, dass er 1939 zusätzlich zum Kartograf in Leipzig ausgebildet wurde. Von 1941 bis 1942 war er kartografischer Zeichner bei der Firma Wagner und Debes in Leipzig. Dies half ihm, den Kriegsdienst von 1942 bis 1945 vergleichsweise glimpflich zu überstehen, ohne von Angesicht zu Angesicht auf jemanden schießen zu müssen. Seine Haupttätigkeit war die trigonometrische Winkelvermessung und deren Auswertung.

1945 erhielt Herbert den Auftrag, die im Zusammenbruch befindliche Eisenbahnbrücke über den Mühlgraben vor dem Wiederaufbau zu zeichnen. Das Original befindet sich im Familienbesitz, darüber wurde im Buch «Über die Mulde» berichtet. Nach dieser Zeit entstanden viele eindrückliche Radierungen von Wurzen um 1946, die alle vorliegen.

Nach Kriegsende begann Herbert Hunger als freier Grafiker in Wurzen und interessanterweise bereits in Göttingen zu arbeiten, wie aus den Akten der HLA Hessen hervorgeht. Von 1947 bis 1952 studierte er an der alten Kunstakademie Kassel (auch Gesamthochschule / Universität Kassel genannt) im Bereich Grafik. Dieser Studiengang umfasste alle Facetten der Druckkunst, einschließlich Serigrafie und Schriften. Herbert unterrichtete später Serigrafie an der Kasseler Kunstakademie im Rahmen eines Werkvertrages.

1955 – Beginn in Göttingen

Seine Fähigkeit, aus einfachsten Mitteln etwas Kostbares zu erschaffen, zeigte sich erneut 1955 in Göttingen beim Entwickeln der grotesken Satire Das Knalleidoskop. Nur Gläser, Schrauben, Draht etc. dienten für den Film, und eine Ernemann1 aus der Vorkriegszeit musste mit allen Tricks repariert werden, damit es überhaupt möglich wurde. Im Gegensatz zu heute, wo erhebliche finanzielle Mittel erforderlich sind, um einen Film entstehen zu lassen, und wo aus verschiedenen Gründen angeblich Gewolltes nicht durchgeführt wird, war dies bei Herbert anders. Sowohl Vater als auch Sohn wussten sich zu helfen: «Wenn ich etwas will, gibt es eine Lösung, sonst will ich nur ein Problem, um es zu verhindern.» Dieser Ausspruch war ein stetes Motto der Familie.

Das Knalleidoskop als Experimentalfilm mit assoziativen Gedankenketten von teilweise kaleidoskopischer Art steht symbolhaft für die Verarbeitung der Kriegszeit mit Hauptpunkt der Ablehnung und Verspottung des kleinbürgerlichen Gehorsamsgeistes, was dem Autor und Regisseur sein ureigenstes Wesen spiegelt. Eine philosophische Haltung über Das Knalleidoskop ist gerade am Entstehen.

Herbert Hunger und Georg Zauner

Die berufliche Zusammenarbeit von Herbert Hunger und Georg Zauner begann mit Pulsschlag der Meere im Jahre 1959, dem ersten gemeinsamen Film als Regisseure, mit dem Produzenten Hans-Heinrich Kahl. Dieser erhielt eine Auszeichnung. Georg Zauner zog meines Wissens bereits nach München, da dort das Klein-Hollywood aufzublühen begann. Ich bin sicher, dass Herbert den nächsten Film Spuren der Eiszeit (1962) in Göttingen zwar mit Hans-Heinrich Kahl produzierte, aber sehr gerne die Regie mit Georg, «Girgl», wie er unter Freunden genannt wurde, geteilt hätte. Dieser Film erhielt 1963 eine Kulturfilmprämie des Bundesministers des Inneren und wurde ein Jahr zuvor als wertvoll ausgezeichnet.

Es war eine erfolgreiche Zeit für Herbert Hunger und Hans-Heinrich Kahl und sie produzierten gemeinsam sofort einen weiteren Dokumentarfilm: Ewiger Wandel (1964). Leider habe ich keine Informationen darüber, ob dieser Film ebenfalls ausgezeichnet wurde.

Was Göttingen betrifft, stieß ich auf den Film Drei Töchter Evas, eine moralische Filmkomödie von André Michel nach drei Novellen von Guy de Maupassant, im Verleih «Neue Filmkunst» (Walter Kirchner, Göttingen). Ich habe ein Plakat vorliegen, welches unser Herbert gezeichnet und signiert hat.

Das Piratenschiff nach Mordillo (1976)

Durch diesen Film konnten Arbeitskollegen eine weitere Begabung von Herbert erkennen und miterleben. Ein beobachtender Animator kommentierte dies wie folgt: «Herbert konnte animieren! Er hatte die begnadete Fähigkeit, die Figuren wie Mordillo aussehen zu lassen. Er hat diesen Film alleine gezeichnet und konnte die Figuren wunderbar bewegen.»

Herbert war ein hervorragendes Vorbild, und dieser Animator erzählte mir, dass es normal war, dass die gewollten Figuren auf einmal die gewünschte Form verließen und sich der eigenen Person immer mehr annäherten. Nicht so bei Herbert. Dieses Phänomen konnte sogar ich beobachten. Es hieß, er war für den Film geschaffen, und es gab einen Spruch von Herbert aus dieser Zeit, der noch dem Krieg geschuldet war: «Ohne Kaffee kann ich nicht kämpfen!»

Herbert Hungers Sohn Mic
Herbert Hunger mit seinem Sohn Mic © Familienarchiv Hunger

Aus diesem Göttinger Geiste heraus, der Herberts Arbeit prägte, inspirierte es von Anfang an das Leben seines Sohnes Mic. Weil Göttingen und das Lebenswerk seines Vaters eine so wichtige Rolle für Mics Schaffen spielten und der tief verwurzelte «Göttinger Geist» in Mic weiterlebte, möchte ich an dieser Stelle auch auf Mic und seine Biografie eingehen.

 Mics Leben begann in der ausgebombten Kasseler Akademie am 17. Dezember 1951. Es war «sein richtiger Platz», wie er immer betonte. Zwischen den langen Grashalmen Gegenstände (oft noch Reste vom Krieg) zu finden, brachte seine Kreativität zum Erwachen und förderte sein erfinderisches Denken. In seinen ersten vier Jahren wusste er nicht, dass es Kinder gab, da er nur von Studierenden umgeben war.

 Nachdem sein Vater Herbert sein Grafikstudium an der Kasseler Akademie abgeschlossen hatte (seine Mutter war bereits in Dresden als Trickfilmerin und Trickzeichnerin ausgebildet), blieb er weiterhin an der Akademie tätig. Erst im Jahr 1955 zog die junge Familie nach Göttingen in das geliebte Haus im Rosenwinkel 20 an der Leine.

Dort begann Herbert in seiner Freizeit in Mics Kinderzimmer eine alte Ernemann aus der Vorkriegszeit zu vervollständigen, um darin Trickfilme zu gestalten; aus einfachsten Mitteln, aber sehr raffiniert. Das Bad war seine Dunkelkammer. So hat Mic auf spielerische Weise miterlebt, wie ein Trickfilm funktioniert. Als sein Vater an einem Sonntagnachmittag Gläser auf einer Decke im Wohnzimmer zertrümmerte und sich wieder ins «Filmatelier» zurückzog, plante er einen besonderen ersten Trickfilm, um die Kriegszeit tiefsinnig, jedoch satirisch zu verarbeiten: Das Knalleidoskop. Dieser Film wurde unter anderem in Berlin prämiert, und Herbert gewann 1959 den Silbernen Bären sowie weitere Preise. Auch vom Bundesinnenminister wurde er für seinen internationalen Erfolg ausgezeichnet. Ganz bescheiden und leise. Niemand wusste es.

Als Mic sieben Jahre alt war (1958), durfte er bereits bei Herberts Filmen mitwirken. «Mal mir mal ‘ne Katze, das kann keiner so gut wie du», sagte sein Vater und Freund zugleich, und Mic zeichnete den ganzen Trickfilm, und zwar «rubbeldiekatz». So entstand Das Paradoxium als Animationsfilm. Vater und Sohn hatten ein sehr inniges Verhältnis.


  1. Ernemann war von 1898 bis 1947 ein hoch geschätztes Unternehmen in Dresden für die Produktion von Foto- und Filmkameras, auch Kinoprojektoren. ↩︎

Dr. Adelheid Maria Hunger

Gekürzter Auszug aus dem Buch Hollywood an der Leine – Film in Göttingen.
Im Buch gibt es weitere interessante Geschichten rund um die Filmproduktion in Göttingen.