Die millionenschwere Fantasy-Trilogie DER HOBBIT war nicht nur für Regisseur Peter Jackson ein Produktions-Desaster. Renatus Töpke geht der Story auf den Grund.
Nach dem Erfolg der HERR DER RINGE-Trilogie (17 Oscars und über drei Milliarden Dollar Einspiel) ist Fantasy salonfähig und im Mainstream angekommen. Und was liegt da näher, als sich mit DER HOBBIT auch die Vorgeschichte der Megatrilogie filmtechnisch vorzunehmen?

Peter Jackson macht sich 2009 mit seiner Frau Fran Walsh, Co-Autorin Philippa Boyens und Guillermo del Toro an die Stoffentwicklung. Geplant sind zu diesem Zeitpunkt zwei Filme. Del Toro soll die Regie übernehmen. Parallel werden erste Sets in Neuseeland gebaut bzw. überarbeitet. Hobbingen steht schließlich noch und ist seit Jahren eine gut besuchte Touristenattraktion. (Wohlgemerkt befindet sich der Hobbit noch nicht in Vorproduktion!)
Gleichzeitig stecken MGM in finanziellen Nöten und lassen neben Der Hobbit auch die andere Großproduktion des Jahres – James Bond: Skyfall (2012) – am
ausgestreckten Arm darben. Solange MGM, die einen großen Anteil an den Tolkien-Rechten halten, keine Finanzierung sicherstellen können, kann kein grünes Licht gegeben werden. Del Toro wird ungeduldig. Zwar sind die drei Jahre, die er für das Mammutprojekt einkalkuliert, erst zur Hälfte durch, doch ist klar, dass der Dreh noch eine Weile auf sich warten lassen wird.
«Solange die MGM-Situation nicht geklärt ist, kann es keine Starttermine geben. Wir haben alle Kreaturen gestaltet. Wir haben die Sets und die Garderobe entworfen. Wir haben Animatics [animierte Storyboards; Anm. d. A.] gemacht und sehr lange Actionsequenzen geplant. Wir haben gruselige Sequenzen und lustige Sequenzen und wir sind sehr, sehr gut darauf vorbereitet, wenn es endlich losgeht, aber wir wissen nichts, bis MGM eine Lösung gefunden hat.»
(Guillermo del Toro im Interview)

Del Toro steigt aus
Zwei Tage später wirft er hin: «Angesichts der anhaltenden Verzögerungen bei der Festlegung eines Starttermins für die Dreharbeiten zu Der Hobbit stehe ich vor der schwersten Entscheidung meines Lebens.» Jackson versteht das – wobei bei seiner Pressemeldung zu del Toros Abgang auch Frust mitschwingt: «Unterm Strich hatte Guillermo einfach nicht das Gefühl, sechs Jahre in Neuseeland zu leben und ausschließlich diese Filme zu drehen, während er sich ursprünglich für drei Jahre verpflichtet hatte.»
Es ist klar, dass Jackson der einzige Ersatz sein kann. Hatte er für die Herr der Ringe-Filme noch dreieinhalb Jahre Vorbereitungszeit, hat er für Der Hobbit nur Monate. Gebraucht hätte es mindestens anderthalb Jahre. Denn Jackson kann auch nicht einfach del Toros Arbeit weiterführen.
«Es war seine künstlerische Vision und ich konnte diesen Film nicht machen. Ich habe mir seine Entwürfe angesehen und festgestellt, dass die einzige Person, die einen Guillermo-del-Toro-Film machen kann, Guillermo ist.»
(Peter Jackson)
«Als würde man die Gleise für einen fahrenden Zug legen, während er auf dich zurast»
Der Dreh startet 2011 um Wochen verspätet und ohne ausreichende Vorbereitung sowie mit einem frisch operierten Jackson, der sich ein Magengeschwür entfernen lassen musste. Neben dem Dreh on location in Neuseeland, wird auch in den Londoner Pinewood Studios gefilmt. Darunter die Szenen mit Christopher Lee als Saruman, da Lee aus gesundheitlichen Gründen nicht fliegen kann. In Neuseeland wird Saruman von einem Double dargestellt.
Teilweise werden Szenen ohne Storyboard oder fertiges Drehbuch gedreht. Jackson filmt buchstäblich drauflos: «Du gehst auf ein Set und musst improvisieren. Du hast diese enorm komplizierten Szenen, keine Storyboards, und du denkst dir alles vor Ort aus … Die meiste Zeit von Der Hobbit hatte ich das Gefühl, nicht Herr der Lage zu sein.» Weta Workshop Creative Director Richard Taylor beschreibt die Situation so, als würde man «die Gleise für einen fahrenden Zug legen, während er auf dich zurast.» Teilweise schickt Jackson die Crew in verlängerte Mittagspausen, damit er in der Zwischenzeit die nächste Szene gedanklich vorbereiten kann.

Medienrummel um Gandalf
Für Medienrummel sorgt die Nachricht, dass Gandalf-Darsteller Ian McKellen während des Drehs in Bilbos Haus einen Nervenzusammenbruch hat. McKellen, spielt seine Szenen komplett alleine und wird erst in der Postproduktion mit den Zwergendarstellern kombiniert. In der Herr der Ringe-Trilogie wurde das noch mit aufwendigen Kulissen, Kamerapositionen und -bewegungen – sogenannter forced perspective – realisiert.
«Um die Zwerge und einen großen Gandalf zu filmen, konnten wir nicht im selben Set sein. Alles, was ich als Gesellschaft hatte, waren 13 Fotos
der Zwerge auf Ständern mit kleinen Lichtern – wer auch immer spricht, blitzt auf. So zu tun, als ob man mit 13 anderen Leuten zusammen ist, obwohl man allein ist, bringt einen an die Grenzen der technischen Möglichkeiten. Ich habe tatsächlich geweint. Ich weinte. Dann sagte ich laut: ‹Das ist nicht der Grund, warum ich Schauspieler geworden bin!›»
(Ian McKellen über den HOBBIT-Dreh)
Tierische Katastrophen
Im November 2012 dann, pünktlich zur Premiere von Der Hobbit: Eine unerwartete Reise am 28. November, der nächste Skandal: Mehrere Pferde, Ponys, Ziegen, Schafe und Hühner sollen am Set oder auf dem Hof, auf dem sie untergebracht waren, verletzt worden sein. Die Tierschutzorganisation PETA verurteilt die Behandlung der Tiere, während Jackson mitteilt: «Wir haben außerordentliche Maßnahmen getroffen, um sicherzustellen, dass in den Action- oder anderen Szenen, von denen Tiere gestresst werden könnten, keine Tiere zum Einsatz kamen. Beim Filmen sind keine Tiere zu Schaden gekommen.»
Dafür offenbar auf dem Hof. Tierpfleger kündigen wegen der dortigen Umstände ihre Jobs. Mehrere Schafe und Ziegen seien in eine Grube gefallen, Wurmbefall und falsche Ernährung setzten weiteren Tieren zu. Dutzende Hühner seien von streunenden Hunden gefressen worden, Teammitglieder hätten tote Tiere gebraten.
Am Ende sind die Filme – natürlich – ein gigantischer Erfolg. Zumindest finanziell.
Renatus Töpke
Gekürzter Auszug aus dem Buch The Shark Is Not Working.
Im Buch gibt es weitere unterhaltsame Produktionsdesaster-Geschichten von Filmen wie TITANIC, DER WEISSE HAI und DIRTY DANCING.
Hier gibt es die Story zu KRIEG DER STERNE / STAR WARS zu lesen.
Hier geht es zu SetLifeCrisis, dem begleitenden Podcast zum Buch, in dem Sie teilweise unveröffentlichte Desaster-Geschichten hören können.

0 Kommentare
1 Pingback