Wie Interviews mit Filmschaffenden entstehen
Wer liest nicht gerne Interviews mit den großen Filmschaffenden der Welt? Mit Regisseur*innen, Drehbuchautor*innen, und am liebsten mit Schauspiel-Stars … so viel Glanz, so viel Glamour, so viel Klugheit, künstlerische Visionen und noch vieles mehr.

© Ariela Ortiz-Barrantes, Wikimedia Commons
Fast 40 Jahre Berufserfahrung als Filmjournalist haben mich eines gelehrt: Interviews zu führen ist nicht so schwierig, auch wenn es genügend kreative Menschen gibt, die es nicht mögen, Interviews zu geben und die einen das auch wissen lassen. Sie tun es ja meistens nur, weil sie vertraglich dazu verpflichtet sind. Bockige Gesprächspartner*innen sind schwierig für die Berichterstattenden, die ja auch nur ihre Arbeit machen wollen. Noch schwieriger aber ist es, überhaupt die Möglichkeit dazu zu bekommen.
Die Ausgangssituation
Ich berichte hier ohne jegliche Nostalgie oder ein Gefühl des »Früher war alles besser«. War es nämlich nicht, es war immer schon schlimm. Denn die meisten Interviews fanden/finden bei den großen Festivals (Berlin, Cannes, Venedig und ein paar wenige mehr) statt, oder bei sogenannten »Junkets«.
Früher waren das Pressetermine, meist in London oder Berlin, zu denen die Stars aus Übersee, aber auch »wichtige« Journalist*innen eigens eingeflogen wurden. Diesen Luxus hat, wie so vieles andere, das Covid19-Virus weitgehend dahingerafft. Denn inzwischen finden die meisten Junkets online statt – der große Reiz, einem Schauspiel- oder Regie-Star wenigstens live gegenüberzusitzen, ist damit auch verflogen. Und die Filmverleihfirmen, Presseagenturen usw. ersparen sich jede Menge Geld, Zeit und Aufwand.
Egal, ob Festival oder Junket, die Kapazitäten waren und sind natürlich begrenzt, denn wie viele Interviews an einem Tag (oder an zwei Tagen, mehr ist es meist nicht) kann ein (berühmter) Mensch geben? Die Zeiten, als es noch ausschließlich Einzelinterviews gab, waren schon vorbei, als ich zu schreiben anfing bzw. zum ersten Mal in Cannes war: zu viele Medien, zu wenig Zeit. Also wurde eine Hackordnung eingeführt. Fernsehen (das war ja mal, wir erinnern uns, sehr wichtig) und große Tageszeitungen, eventuell noch die US-amerikanischen Branchenblätter wie Variety oder Hollywood Reporter, wurden bevorzugt. Die hatten die besten Termine und vielleicht die Chance auf ein Einzelgespräch.

Der Rest der Meute, ganz klar, wurde mit Gruppeninterviews abgefertigt: acht Leute, dreißig Minuten Zeit, so in etwa. Wenn man Glück hatte, war niemand aus dem eigenen Land mit einem in der Gruppe, denn das wäre beim Veröffentlichen blöd gewesen. Dass man die Fragen der anderen Journalist*innen im eigenen Interview mitverwendete, darüber gab es ein stillschweigendes Übereinkommen. Wobei: 30 Minuten, das war relativ. Denn natürlich begannen alle Interviews immer zu spät, und das hieß, es wurde bei jeder Gruppe ein bisschen was abgezwickt, um am Ende den Zeitplan einigermaßen eingehalten zu haben. Also: Je später man den Termin hatte, desto kürzer war das Interview. Völlig absurd.
Wenn man Pech hatte, konnte man die eine, die einzige Frage, für die man Zeit hatte, gar nicht stellen, weil es immer Kolleg*innen gab, die weitschweifig fragten oder gleich zwei Fragen auf einmal stellten und so die anderen ausbremsten. Oder man fiel sich gegenseitig ins Wort, was die Beantwortung schwierig machte. Oder Kolleg*innen sprachen so schlecht Englisch, dass erst einmal geklärt werden musste, was sie mit ihrer Frage überhaupt meinten. John Frankenheimer, gestrenger US-Regisseur von Klassikern wie The Manchurian Candidate oder French Connection 2 warf tatsächlich einmal einen französischen Journalisten aus dem Raum, weil der kaum Englisch konnte. Muss man nicht gut finden, war aber damals für alle Beteiligten eine große Erleichterung.
Dumm und dreist
Apropos schwierige Kolleg*innen: Das war – neben der schlechten Laune mancher Interviewter – die größte Gefahr: dass man jemanden in der Gruppe hatte, die/der alles verdarb. So geschehen bei meinem Interview mit Samuel L. Jackson anlässlich von Jackie Brown (1998) in Berlin. Damals war gerade bekanntgegeben worden, Jackson würde im nächsten Star Wars-Film mitspielen. Von Drehbeginn oder ähnlichem war allerdings noch lange keine Rede. Trotzdem nervte ein Kollege den Hollywood-Star und alle anderen mit Fragen zum zukünftigen Film – so lange, bis Jackson der Kragen platzte und er vehement darauf hinwies, dass er wegen Jackie Brown hier sei und nur dazu Fragen beantworten werde.

Andere Interviewte, die solche Schlamassel schon kannten oder voraussahen, wiesen gleich zu Beginn darauf hin: keine Fragen über zukünftige Filme und, vor allem, keine Fragen zum Privatleben. Denn auch da gab es Kolleg*innen, die keinerlei Zurückhaltung kannten und wohl das Kleingedruckte in der Interview-Vereinbarung (»keine Fragen zum Privatleben«) nicht gelesen hatten. Der großartige Edward J. Olmos sah sich nach anfänglichem Gruppen-Chaos beim Interview zu seinem Regiedebüt American Me (1992) in Cannes gezwungen, den Anwesenden reihum das Wort zu erteilen: »Ihr könnt euch ja doch nicht einigen«. Seine Erfahrung als Lehrer in dem Film Stand and Deliver hatte ihm wohl geholfen.
Wieder ein anderer Kollege war so schlau, sich durch seine unqualifizierten Fragen dahingehend zu verraten, dass er den Film gar nicht gesehen hatte, um den es im Interview ging: Secrets & Lies von Mike Leigh (1996). Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass der Regisseur so genau hinhören würde, doch das tat er. Leigh war so sauer, dass er den Mann dringend bat, den Raum zu verlassen. Und selbst Ismail Merchant, der indisch-britische Produzent von Howards End (1992), ein wirklicher Sir und distinguierter Gentleman, wurde sehr ungemütlich, als ein Kollege sich anmerken ließ, dass er den Film nicht gesehen hatte.
Und da reden wir noch gar nicht von den Scharmützeln, die es mit übellaunigen Filmschaffenden gab: Brian De Palma war/ist ein notorischer Interview-Hasser (»immer dieselben blöden Fragen«), während man zum Beispiel im Kino beim Festival in Rotterdam, als er auf einen Film wartete, ganz nett mit ihm plaudern konnte. Paul Schrader, super genervt von »den ewigen Hinweisen auf den Einfluss von Robert Bresson« (den er selbst doch immer wieder betont hatte). Spike Lee, der die ganze anwesende Gruppe »a bunch of racists« nannte. Peter Bogdanovich, der durchgehend abwesend wirkte und seiner Gefährtin, die hinter mir saß, immer wieder heimlich Zeichen – welcher Art auch immer – gab, bevor er mir sein Buch, das ich mithatte, ganz wunderbar signierte. Jean-Pierre Léaud, ikonischer Schauspieler der Nouvelle Vague, der außer »ja« und »nein« eigentlich gar nichts sagen wollte. Und dergleichen mehr.

Aber natürlich ging es auch anders. Das größte Vergnügen hatte ich mit Dolph Lundgren, der als Martial-Arts-Kämpfer in den 1980er und 1990er Jahren große Filmerfolge feierte. Der muskelbepackte Koloss erwies sich als ungemein witziger und charmanter Gesprächspartner beim Interview in Cannes. Im realen Leben hatte er ja, wie man weiß, ein Studium als Chemie-Ingenieur absolviert. Am nächsten Tag sah ich ihn auf den Stufen des Festivalpalastes, wo er mit seinem Universal-Soldier-Filmpartner Jean-Claude Van Damme einen Schaukampf absolvierte. Mir fiel der berühmte Satz ein: »There’s no business like show business.«
Andreas Ungerböck
Der Text ist ein Ausschnitt aus einem geplanten Buch mit Anekdoten und Erkenntnissen aus vierzig Jahren Filmjournalismus.
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