POCAHONTAS, die Disney-Produktion von 1995, macht aus einem indigenen Opfer europäischer Eroberer eine Märchenprinzessin. Die wahre Geschichte dagegen ist traurig.
Als Disney seine Heldin Pocahontas das erste Mal auftreten lässt, steht sie auf einer Klippe, hunderte Meter hoch über dem Fluss. Ihre Freundin ruft, sie möge kommen, ihr Vater sei zurückgekehrt. Da springt Pocahontas kopfüber die Felswand hinab, taucht ins Wasser ein, eine Mischung aus Elfe und Wasserwesen, und kurz darauf wieder auf. Wenige Filmszenen später tut es der Waschbär Nico, ihr Totemtier, ihr nach, nur weniger elegant, und krabbelt japsend aus dem Wasser. So ist Disney: Kein Superheld ohne hinterherhechelnden Tollpatsch, auf den innigsten Moment folgt das Augenzwinkern.

Wer aber ist Pocahontas, die erste reale historische Figur, die Disney zur Protagonistin machte? Mutige, selbstbestimmte Prinzessin, die erste Feministin der Neuen Welt, eine indigene Barbie mit spiritueller Zauberkraft oder war sie schlichtweg Amerikas erstes Me-too-Opfer, damals, im 17. Jahrhundert?
Von Romantisierung und Gründungsmythos
John Smith, der Pocahontas oder, wie sie wirklich hieß, Amonute oder Matoaka bei seiner Reise in die Neue Welt real begegnete, ist der erste, der 1624 in «General Historie of Virginia, New England, and the Summer Isles» über sie schreibt und den ersten Schritt zur Mythosbildung unternimmt. Es sollten viele folgen.
John Smiths Darstellung berichtet von seiner Rettung durch die junge Indianerin Pocahontas, er schreibt von ihrer Liebe zu ihm – und all diese Details werden in der weiteren Rezeption der Geschichte zu vielen Missverständnissen führen. So deutet Smith eine romantische Beziehung zu Pocahontas an. Möglich ist auch, dass sich diese Vorstellung verfestigt, weil Smith berichtet, wie das Mädchen ihm während seiner Gefangenschaft ihre Sprache beibringt und sie umgekehrt Englisch lernt.

Dies prägt die Entwicklung des Mythos Pocahontas in Bild und Literatur: Im Zentrum steht die weibliche Indigene, die »Indianerin« oder, ein Jahrhundert zuvor, die »Wilde«, die verführerisch und sexuell attraktiv sich auf den erobernden Weißen einlässt. Die sich dann, so der Fortgang der Geschichte, an die Kultur des Eroberers anpasst und, nun zivilisiert, die Möglichkeit zur Versöhnung der beiden Kulturen eröffnet. »Pocahontas« wird damit zu einem der zentralen Gründungsmythen der USA. Und genau dieser Anspruch hat zur Folge, dass fast alle Bearbeitungen der Geschichte zu einem gnadenlosen Raubbau an der Wahrheit werden.
Kein Platz für Rassismus
1995 also versucht sich die US-amerikanische Walt Disney Company an diesem Gründungsmythos – Ironie des (indigenen) Schicksals oder folgerichtig? Wer, zumindest aus der alten Welt, würde bei Disney nicht an die USA denken, Dollarmillionen, Romantik, versöhnliche Botschaften und an Eroberungsfeldzüge in der Entertainmentbranche? Ist Disney also nicht die einzige Firma, die die Erzählung von Pocahontas einem breiten Publikum weltweit näherbringen kann?
Und so steht die Animations-Pocahontas in einer Schlüsselszene des Films vor Smith, der verwirrt sein Gewehr umklammert, und hält ihm einen gesanglichen Vortrag darüber, dass es nicht darum geht, sich die Erde untertan zu machen. Pocahontas singt, bunte Schmetterling steigen auf. »Kannst du malen wie das Farbenspiel des Winds?« Sie nimmt Smith an der Hand, tanzt, sie treiben den Wasserfall hinunter, laufen durch den Wald. Sie tauchen durch den Fluss. Diese Indigene ist im Wasser ein Fisch, eine Freundin der Adler, im steten Dialog mit der Natur.
Disneys Botschaft ist so einfach wie unwiderstehlich: Wer im Einklang mit der Natur lebt, kommt zum Frieden mit seinen Mitmenschen, seien sie fremd oder vertraut. Für Rassismus ist in Pocahontas Welt kein Platz, wieder steht sie an der Klippe, bunte Blätter leuchten auf.
Nicht nur für ihren Filmpartner wird die Disneyfigur zur moralischen Instanz, sondern auch für ihr Volk und die erobernden Engländer. In der Filmstory eskaliert der Konflikt, als die Liebenden sich im Wald treffen, ein spionierender Engländer ihnen folgt und seitens der Indianer Pocahontas‘ Verlobter Kokoum die beiden entdeckt. Kokoum greift John an, der Engländer erschießt Kokoum, die Indianer nehmen Smith gefangen. Die verzweifelte Pocahontas wird zur Vermittlerin und überzeugt ihren Vater, Smith nicht hinzurichten, sondern zu begnadigen. Als in einer dramatischen Szene John Smith den Häuptling vor der Kugel des Gouverneurs rettet und dabei schwer verletzt wird, sind schließlich beide Seiten zur Versöhnung bereit.
Wer war »Pocahontas« wirklich?
Wer also ist Amonute, die im Jahr 1607 in Virginia lebt, als die ersten Siedler an der Küste anlanden und dort die neue Welt erkunden, wirklich? Geboren wurde sie vermutlich um 1596 im heutigen Virginia. Ein anderer Name lautet Matoaka. Pocahontas dürfte lediglich der Spitzname der Indigenen gewesen sein, was »die Verspielte« bedeutet. Sie ist Tochter von Powhatan, dem Häuptling von mehr als 30 Algonkisch sprechenden Stämmen rund um Jamestown.
Als der Engländer John Smith in Gefangenschaft der Pamunkey gerät, muss Amonute Kontakt zu ihm gehabt haben, vermutlich haben sie und Smith sich gegenseitig ihre Sprachen beigebracht, wie es die amerikanische Historikerin Camilla Townsend in «Pocahontas and the Powhatan Dilemma» beschrieben hat. Sie weist darauf hin, dass die Erzählung, Smith und Amonute seien ein Liebespaar gewesen, über viele Bearbeitungen hinweg aufrechterhalten wurde, um dann auch wieder zu verschwinden. Die Rettungsszene, häufig in Holzschnitten dargestellt, hält Townsend für unwahrscheinlich, eher sei das Geschehen Teil eines Rituals der Pamunkeys gewesen.

aus dem Jahr 1854. © Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication
Townsend räumt in ihrer historischen Darstellung mit der verbreiteten Vorstellung auf, die Indigenen Nordamerikas seien ein freundliches, zivilisatorisch den Engländern unterlegenes Volk gewesen, das diese als Götter verehrt habe. Stattdessen hätten ihre Stammesführer genau gewusst, dass die Engländer von jenseits des Ozeans in größerer Zahl wiederkommen würden, dass sie ihnen technisch überlegen waren – und, dass es gelte, geschickte Strategien des Umgangs mit ihnen zu finden. Powhatan, Amonutes Vater, soll ein erfolgreicher Anführer gewesen sein. Aus strategischen Gründen soll John Smith, einer der ersten Kolonialisten Jamestowns, von Powhatans Leuten gefangen genommen worden sein. So war es möglich, im Austausch an Handelsgüter der Engländer zu kommen. Smith wurde erst freigelassen, als er versprach, ihnen den Zugang zu Waffen zu ermöglichen.
Amonute soll keineswegs, wie es der Mythos erzählt, Powhatans Lieblingstochter gewesen sein, dennoch besaß sie einige Privilegien. Als Kind lernt sie einen englischen Jungen namens Thomas Savage kennen, die beiden bringen sich gegenseitig ihre Sprachen bei. Da sie Englisch spricht, begleitet sie eine Delegation, die nach Jamestown geschickt wird, um zu verhandeln.
Die Engländer sollen sich im »Wert« der jungen Indigenen allerdings getäuscht, sie als »indianische Prinzessin« betrachtet haben. Das führt zur Idee Captain Samuel Argalls, Amonute im Jahr 1613 entführen zu lassen. Der Trick gelingt: Powhatan ist bereit, mehrere englische Gefangene freizulassen, seine Tochter bekommt er dennoch nicht wieder.
Amonute bleibt also in Gefangenschaft in der englischen Kolonie, passt sich an die englische Lebensweise an, konvertiert zum christlichen Glauben, heißt fortan Rebecca. In Henrico lernt sie ihren künftigen Mann John Rolfe kennen. Townsend vermutet, dass die Heirat von ihrer Seite aus strategischen Gründen erfolgt: um die Verbindungen zwischen den Siedlern und den Indigenen zu festigen. Einige Jahre später wird die junge Familie Rolfe von der Virginia Company nach England eingeladen. Dort werden Amonute und ihr kleiner Sohn als Attraktionen herumgezeigt; sie werden zum Symbol der gelingenden Assimilierung der Indigenen an das »zivilisierte Leben« der Engländer.
Im März 1617 will die Familie nach Amerika zurückkehren, doch auf der Rückreise erkranken die vermutlich durch die Reise und den ungewohnten Alltag geschwächte Rebecca und einige andere Indigene an Viren, denen ihre Körper nichts entgegenzusetzen haben. Rebecca stirbt, gerade 21 Jahre alt, in einem Gasthaus in Gravesend, England. Ihr Mann John Rolfe, nun Witwer, lässt den kleinen Sohn Thomas in der Obhut seines Bruders in England zurück.
Die unerzählte Wahrheit
Dass Angehörige der Pamunkeys und Nachfahren von Amonute alias Rebecca alias Pocahontas mit Disneys Pocahontas heute, im Jahr 2025, nichts mehr anfangen können und Zorn empfinden, versteht sich. Ein Leser kommentiert in einer Rezension, die Erzählung der Geschichte Pocahontas verlaufe im Film so, »als ob der Film Titanic genau in dem Moment endet, als das Schiff zu sinken beginnt«. Ganz abgesehen von der frei erfundenen Liebesgeschichte zwischen Pocahontas und John Smith bleibt viel zu vieles in der tragischen Lebensgeschichte unerzählt: Amonute wird entführt und in die Adaption gezwungen, die Heirat erfolgt strategisch und nicht aus Liebe, eine Reise, sichtlich zu Public-Relations-Zwecken von einer auf Gewinn ausgerichteten Firma organisiert, kostet die noch junge Frau das Leben.

Schlimmer noch: Das erobernde Volk aus Europa – die spätere Mehrheitsgesellschaft in den USA – erlaubt sich noch in den 1990er Jahren, einen Mythos millionenfach zu verbreiten, der letztlich besagt, dass die Kolonialisierung so schlimm doch nicht gewesen sei. Dass Weiße und Indigene miteinander auskommen, einander lieben und füreinander einstehen können. Scheitert diese Idee, rüttelt man an einer der Erzählungen, auf denen dieser Staat fußt. Doch so war es eben nicht – an keinem Punkt der US-amerikanischen Kolonialgeschichte.
In der Schlussszene des Disney-Films verabschiedet Pocahontas – und mit ihr die Angehörigen ihres Stammes – den schwer verletzten John Smith, ihren Geliebten, weil sie weiß, dass er nur in England von seinen Wunden kuriert werden kann. »Du musst deinen eigenen Weg gehen«, gibt Vater Powhatan seiner Tochter zuvor noch bedeutungsschwer mit. Pocahontas steht, wieder einmal, auf der Klippe, blickt aufs Meer hinaus und winkt dem Schiff mit John Smith darauf majestätisch hinterher. Rosa und violette Blätter wehen von ihr zu ihm und verbinden die alte und die neue Welt auf magische Weise.
Die Realität spielt, weit erbarmungsloser als Disney es vertragen und vor allem: verkaufen kann, ein anderes Spiel: Nach ihrem Tod wächst Rebeccas Sohn, Thomas Rolfe, in England auf. Mit 21 Jahren kehrt er nach Virginia zurück, um sich um die Ländereien seines Vaters zu kümmern. Während des Opechankeno-Aufstands 1644 entscheidet sich Thomas Rolfe, auf Seiten der Engländer gegen das Volk seiner Mutter zu kämpfen und wird dafür mit weiteren Landflächen belohnt.
Pocahontas – Rebecca, Amonute – hatte in ihrem kurzen Leben nicht viel zu gewinnen. Ihr Volk hätte beinahe alles verloren. Möglicherweise ist es der Strategie, mit der ihr Vater Powhatan auf die Engländer zuging, zu verdanken, dass es heute noch Angehörige ihres Volkes gibt, sicher ist das nicht. Amonutes Geschichte, so viel ist sicher, wartet noch immer darauf, von ihren Nachfahren neu und wahrhaftiger erzählt zu werden.
Claudia Wagner
Gekürzter Beitrag aus dem Buch Based on a true Story. Filme nach wahren Begebenheiten und die Wahrheit dahinter.

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