Henriette Bornkamm erzählt, was der frühe ägyptische Tonfilm mit dem arabischen Frühling zu tun hat

Als ich 2011 eine Stelle als Dozentin für Film in Kairo angeboten bekam, wusste ich sofort: Da muss ich hin! Ich wollte die Aufbruchsstimmung aus nächster Nähe erleben (und zum Gegenstand meiner Filme machen). Mein positives Bild vom Arabischen Frühling, erhielt dann schon am Tag nach meiner Ankunft Risse, als 28 Demonstranten durch Angehörige der Armee getötet wurden. Und der Aufstand der Jugend wurde schnell von anderen gesellschaftlichen Gruppen vereinnahmt. Ziel der meisten war nicht die 1:1-Übernahme des westlichen Demokratiemodells – war es nie gewesen. In den nächsten zwei Jahren stellte sich heraus, dass fast alles an Ägypten anders war, als ich es mir vorgestellt hatte. Hatten mir die Medien ein falsches Bild von Ägypten und dem Arabischen Frühling vermittelt, oder hatte ich die Bilder und Inhalte falsch interpretiert?

Nach meiner Rückkehr nach Europa fing ich an, diesen Fragen nachzugehen. Dabei stieß ich auf die ersten ägyptischen Tonspielfilme, die in den 1930er Jahren in Europa zu sehen waren –vermutlich, weil europäische Filmschaffende daran mitgearbeitet hatten. Und ich studierte, wie Kritiker in Europa und Ägypten die Filme wahrnahmen. Dabei wurde deutlich: Selbst ein Kassenschlager aus Ägypten konnte in Europa allenfalls eine flüchtige Faszination, bei den meisten jedoch ratloses Achselzucken oder Langeweile auslösen. Das änderte sich erst ab den 50er Jahren, als einzelne ägyptische Filme auch in europäischen Kinos Erfolge feierten.

Deutsches Verleihmaterial zu RAYA W SEKINA (DER FRAUENWÜRGER VON KAIRO) , 1953, Ägypten, R: Abu Sayf, Salah

Allerdings ignorieren die meisten westlichen Filmwissenschaftler*innen bis heute die Existenz der ägyptischen Filmindustrie hartnäckig, obwohl diese in den 1950er und 60er Jahren als drittgrößte der Welt galt. Ich habe das Buch geschrieben, um der ägyptischen Filmindustrie in der deutschsprachigen Filmwissenschaft zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Es ist an der Zeit, dass wir unseren filmischen Blick nicht mehr primär nach Westen richten, sondern anerkennen, dass weltweit riesige (Film-)Kulturen existieren, die außerhalb unseres Radars liegen. Selbst wenn die Filme für Zuschauer*innen anderer Kulturkreise nicht immer unseren Geschmack treffen, so dürfen wir sie nicht ignorieren. Wir sollten uns für sie interessieren – allein schon, weil sie das Denken vieler Menschen weltweit prägen. Oder anders gesagt: Arab cinema matters!

Und was den Arabischen Frühling angeht, der sich dieser Tage zum zehnten Mal jährt: Im Nachhinein wurde mir klar, dass ich die Aufstände in der arabischen Welt 2011 von Ferne durch die romantische Brille betrachtet hatte. Genau das zeigte sich auch in der Wahrnehmung der ersten ägyptischen Filme im Europa der Zwischenkriegszeit. Sie fungierten als reine Projektionsfläche für eine oberflächliche Orientfaszination. Das Buch ist auch entstanden, um zu zeigen, dass dies bis heute der Fall ist. Eine realistische Sicht auf Ägypten und angrenzende Länder ist zum Teil durch Jahrhunderte alte Projektionen überlagert. Es ist an der Zeit, dass wir als Medienschaffende und Medienkonsumenten unsere eurozentrische Blase verlassen und den Realitäten ins Auge sehen.

Ma’a salama

Henriette Bornkamms Buch über die deutsch-ägyptischen Filmbeziehungen: